KolumneJoe Kaeser geht es bei Siemens um den eigenen Mythos

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Den allermächtigsten Managern fällt es am allerschwersten, am Ende ihrer Laufbahn loszulassen. Immer neue Konstruktionen müssen her, um den finalen Abschiedstag hinaus zu schieben. So war es zum Beispiel bei Thyssenkrupp, wo der greise Bertold Beitz mit über 90 Jahren noch als „Ehrenvorsitzender“ des Aufsichtsrats ins operative Geschäft eingreifen wollte. So war es auch bei der Deutschen Bank, wo der scheidende Chef Josef Ackermann in allerletzter Minute noch mit feingewirkten Intrigen Vorstand und Aufsichtsrat aufmischte. Und so ist es nun auch bei Siemens, wo Joe Kaeser um den letzten Zipfel Macht kämpft – und vor allem um seinen eigenen Mythos.

Eigentlich könnte Joe Kaeser mit der Präsentation der neusten Geschäftszahlen in der letzten Woche beruhigt und unter großem Beifall der meisten Aktionäre seinen Chefsessel räumen. Siemens steht, wie sich in der Corona-Krise gezeigt hat, besser und stabiler da als fast alle direkten Konkurrenten. Gerade hat Joe Kaeser bei Siemens Healthineers auch noch die größte Übernahme der Konzerngeschichte eingefädelt. Und mit seinem Wechsel an die Spitze des Aufsichtsrats von Siemens Energy behält der Oberbayer ohnehin sehr großen Einfluss im Konzern. Aber einem Mann, den sie im Konzern seit langem „Kaiser“ nennen, reicht das eben nicht.

Kaeser will um jeden Preis beides: Bis zur Hauptversammlung am 4. Februar 2021 als CEO des Gesamtkonzerns im Amt bleiben – und gleichzeitig auch direkt nach dem Börsengang von Siemens Energy am 28. September dieses Jahres an die Spitze des dortigen Aufsichtsrats rücken. Damit das irgendwie geht, muss sich der neue Siemens-Chef Roland Busch auf eine geradezu abenteuerliche Konstruktion im Vorstand einlassen. Offiziell übernimmt Busch zum 1. Oktober die „Verantwortung für das Geschäftsjahr 2021“, Joe Kaeser aber bleibt CEO und will den „Übergang“ bis zur Hauptversammlung, wie es so schön in der Pressemitteilung heißt, „aktiv begleiten“.

Bis zur allerletzten Minute im Amt

Wer die „aktive Begleitung“ bei Siemens Energy in den letzten Monaten in Erinnerung ruft, wo Kaeser das bereits seit langem designierte Führungsduo in letzter Minute aus dem Unternehmen warf, muss bei diesem „Übergang“ im Gesamtkonzern mit allem rechnen. Roland Busch kann einem nur leidtun. Selten wurde ein neuer Chef in einem deutschen Konzern so lange am Nasenring durch die Manege geführt wie bei Siemens.

Das Aktiengesetz sieht eine derartige Arbeitsteilung nicht vor. Dem Geist guter Unternehmensführung widerspricht sie auf flagrante Weise. Sie dient erkennbar nur einem einzigen Zweck: Joe Kaeser bis zur allerletzten Minute im Amt zu halten, damit er weiter an seinem eigenen Mythos basteln und die Hauptversammlung im Februar in eine Art Triumphmarsch für sich selbst verwandeln kann. Schon jetzt verbreiten seine Vertrauten, die Jahre seit 2014 seien unter Kaeser nichts anderes gewesen als die konsequente Umsetzung eines „Masterplans“.

Nun ja. Ganz so war es wohl nicht. Als Kaeser im ersten Jahr seiner Amtszeit die völlig überteuerte und letztlich strategisch gescheiterte Übernahme von Dresser-Rand in den USA durchdrückte, sah sein „Masterplan“ noch ganz anders aus als heute. Die Pressemitteilung zum Kauf des amerikanischen Gasturbinenherstellers überschrieb Kaeser selbst im September 2014 so: „Siemens setzt seine Vision 2020 mit einem entscheidenden Schritt zur Stärkung seines Kerngeschäfts weiter um.“ Und das „Wall-Street Journal“ fasste seine damalige Strategie so zusammen: „Joe Kaeser konzentriert, das deutsche Konglomerat ganz auf Energie.“ Doch wenn mächtige Männer gehen, schreibt man ihre Geschichte oft nachträglich um. Oder versucht es zumindest.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.