GeldpolitikJoachim Nagel: Was den neuen Bundesbank-Chef erwartet

Joachim Nagel war früher auch Mitglied im Vorstand der KfWIMAGO / sepp spiegl


Schon im Vorfeld seiner Nominierung war Joachim Nagel als neuer Chef der Bundesbank im Gespräch. Über die Aussicht seiner Berufung hat Capital bereits am 3. Dezember berichtet. Angesichts der offiziellen Nominierung hat Capital den Artikel noch einmal aktualisiert


Die Europäische Zentralbank (EZB) hat schon die Währungsunion vor dem Zusammenbrechen bewahrt und eine Deflation abgewehrt. Nun steht sie vor einer neuen großen Herausforderung, und die dreht sich um das Kernverständnis einer Notenbank: Erstmals seit ihrer Gründung muss die EZB ernsthaft gegen Inflation ankämpfen, nachdem zuletzt die Verbraucherpreise in der Eurozone um 5,2 Prozent angestiegen sind.

In dieser Situation ist eine Personalie besonders wichtig: die Neubesetzung an der Spitze der Bundesbank. Nun ist diese erste wichtige Personalentscheidung der neuen Regierung gefallen. Bundeskanzler Olaf Scholz und Finanzminister Christian Lindner haben Joachim Nagel als Nachfolger von Jens Weidmann vorgeschlagen.

16 Jahre Bundesbank

Schon im Vorfeld galt Nagel als Favorit. Erstmals berichtete die britische „Financial Times“ Anfang Dezember davon, Nagel könne bald an der Spitze der Bundesbank stehen. Der 55-Jährige hat eine Reihe von Argumenten auf seiner Seite: Er hat 16 Jahre für die Bundesbank gearbeitet, hat den im politischen Raum so beliebten „Stallgeruch“ – einschließlich SPD-Parteibuch.

Aktuell arbeitet der promovierte Volkswirt allerdings für die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel, einer Art Zentralinstitut der Notenbanken. Damit dürfte 55-Jährige international bestens verdrahtet sein. In seiner Zeit als Vorstandsmitglied der KfW von 2017 bis 2020 arbeitete er an der wichtigsten Schnittstelle von Finanzwirtschaft und Politik in Deutschland.

Geldpolitische Philosophie noch unklar

Nur eines weiß man nicht genau: Bei der Bundesbank hat Nagel sich vor allem um Aufsichtsfragen gekümmert. Die Frage, für welche geldpolitische Philosophie der mögliche künftige Chef der mächtigen Frankfurter Institution steht, ist allerdings entscheidend. Gerade in der vor der EZB liegenden herausfordernden Zeit erhöhter Inflation.

Steht doch die Bundesbank wie kaum eine andere Notenbank in Europa für eine Tradition der Inflationsbekämpfung – auch wenn dies wie in den 1990er Jahren erhebliche Nachteile für Beschäftigung und Lohnentwicklung hatte. Nagel wird also schnell eine Position zur Geldpolitik entwickeln müssen.

„Welchem geldpolitischen Spektrum Joachim Nagel genau angehört, lässt sich aus heutiger Sicht schwer sagen. Er hat sich mit Kommentierungen zur EZB-Politik zurückgehalten“, sagte Daniel Hartmann, Chefvolkswirt des Assetmanagers Bantleon, Anfang Dezember angesichts der Aussicht auf Nagel als neuen Bundesbankchef zu Capital. Er sei „sicherlich kein so prominenter Inflationsfalke wie Jens Weidmann“, aber auch keine „profilierte Taube wie Ernst Welteke“. Der Sozialdemokrat Welteke war von 1999 bis 2004 Chef der Bundesbank und trat wegen Vorteilsannahme zurück. Als Tauben werden Verfechter einer lockeren, als Falken die Anhänger einer harten Geldpolitik bezeichnet.

Gegen die Tauben im EZB-Rat

Nagel sei als Weidmanns Nachfolger innerhalb des EZB-Rats in der wichtigen Rolle des „Mahners in Bezug auf künftige Inflationsrisiken“, erwartete Hartmann weiter. Zwar werde die Inflationsrate in der Eurozone in den nächsten Monaten wieder sinken, aber mit rund drei Prozent deutlich über dem Ziel der EZB von zwei Prozent liegen. „Die EZB wird demzufolge nicht umhinkommen, 2022 den Fuß vom Gas zu nehmen, das heißt die Wertpapierkäufe müssen reduziert und Vorbereitungen für die erste Leitzinsanhebung getroffen werden.“

Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer sah den Nachfolger Weidmanns Anfang Dezember grundsätzlich vor den gleichen Aufgaben wie den scheidenden Bundesbankpräsidenten, nämlich „als Anwalt für eine stabilitätsorientiere Geldpolitik zu fungieren, die die Mehrheit der Deutschen schätzt.“ Krämer weiter: „Dabei lässt es sich wegen der vielen Tauben im EZB-Rat nicht vermeiden, eine Minderheitsposition einzunehmen und mit klugen Argumenten auf einen Ausstieg aus der zu lockeren Geldpolitik zu drängen.“

Nagel könnte Falken künftig anführen

Dabei könnte Nagel künftig die Aufgabe zukommen, die Falken anzuführen und den Prozess des Exits aus der lockeren Geldpolitik anzuführen, den viele Mitglieder des Rates derzeit noch scheuten. „Es wäre aber wichtig, frühzeitig einen Plan aufzustellen, der aufzeigt, wie die EZB in den nächsten Monaten ihren geldpolitischen Stimulus zurückführt“, betonte Hartmann Anfang Dezember. „Sorgt sie in diesem Punkt nicht für mehr Transparenz, könnte es am Ende zu einer bösen Überraschung kommen, weil die Märkte dann von restriktiveren Maßnahmen überrumpelt werden.“

Die Nominierung von Nagel bedeutet auch eine Absage an Kandidaten mit einem stärker akademischen Hintergrund wie DIW-Chef Marcel Fratzscher. Die FT schrieb Anfang Dezember unter Verweis auf „eine Person, die mit den Gesprächen vertraut ist“, der designierte Bundeskanzler Olaf Scholz habe Nagel unter anderem aus dem Wunsch heraus nominiert, „einen Zentralbanker und keinen Akademiker an der Spitze der Bundesbank zu installieren, um die Statur und den Einfluss der Institution zu erhalten“.

Als Kandidatin war auch EZB-Exekutivdirektorin Isabel Schnabel genannt worden, die zuvor Professorin für Finanzmarktökonomie an der Universität Bonn war. Der ebenfalls als Kandidat gehandelte Finanzstaatssekretär Jörg Kukies soll der FT zufolge „eine wichtige Rolle“ in Scholz Team spielen.


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