ChinaJack Ma - Unternehmer in Ungnade

In seiner Rede beim Bund-Summit im Oktober 2020 kritisierte Jack Ma das chinesische Finanzsystem scharfdpa

Kurz vor dem Jahreswechsel hat sich die EU mit China auf ein Investitionsabkommen geeinigt. Noch muss der Vertrag ratifiziert werden und das EU-Parlament passieren. Abgeordnete wie der Grüne Rainer Bütikofer haben bereits Widerstand angekündigt. Denn ausgerechnet den Passus, mit dem Peking sich verpflichtet, Zwangsarbeit zu verbieten, will die chinesische Seite aus dem Vertrag streichen. Mit was für einem System sich die EU da einlässt, aber zeigt nicht nur das Schicksal der Uiguren. In den vergangenen Monaten ließ sich am Fall Jack Ma gut beobachten, wie viel der chinesischen Regierung an Rechtsstaatlichkeit gelegen ist.

Der einstige Vorzeigeunternehmer scheint in Ungnade gefallen zu sein. Der wahrscheinlichste Grund: Er hat sich mit dem verkrusteten chinesischen Bankensystem angelegt – und sich dabei Kader der höchsten Ebene zum Feind gemacht. Vor einigen Tagen haben die Behörden gegen Alibaba eine Untersuchung wegen möglicher Verstöße gegen das Wettbewerbsrecht eingeleitet.

Jack Ma personifizierte des chinesischen Aufschwung

Noch vor nicht einmal einem halben Jahr sah die Zukunft von Jack Ma und des von ihm gegründeten Unternehmens Ant Financial glänzend aus: Anfang November sollte der Finanzdienstleister in Hongkong und Schanghai an die Börse gehen. Mit 37 Mrd. US-Dollar wäre es der größte Börsengang aller Zeiten gewesen. Kurz vor knapp aber stoppte die Behörden in Peking den IPO. Nun will die chinesische Zentralbank sogar ganze Geschäftszweige ausgliedern und einstellen. Die Top-Manager von Pekings Regulierungsbehörde wurden deswegen zu einem Treffen einbestellt. Später hieß es in einem Statement, „der Governance-Mechanismus des Unternehmens sei nicht solide“.

Jack Ma, auch mal gerne der „chinesische Bill Gates“ genannt, war lange der Shooting Star der chinesischen Geschäftswelt. Er personifizierte den chinesischen Aufschwung. Ma wurde 1964 in Hangzhou geboren. Er arbeitete zunächst als Englischlehrer. Um sein Englisch zu verbessern, soll er Touristen kostenlos durch seine Heimatstadt geführt haben. 1995 gründete er „China Pages“, vergleichbar mit den „Gelben Seiten“ in Deutschland. Vier Jahre später rief er mit 16 Freunden und 60.000 US-Dollar Alibaba ins Leben. Die B2B-Plattform wuchs in den chinesischen Boom-Jahren zu einem Milliardenkonzern heran. 2003 gründete Ma Taobao, eine Mischung aus Ebay und Amazon, die heute aus dem chinesischen Alltag nicht mehr wegzudenken ist. Die Plattform ermöglicht es hunderten Millionen von Chinesen in ländlichen Gebieten am Online-Handel teilzunehmen.

2014 zog sich Ma aus dem operativen Geschäft der Alibaba Group zurück. Vorher hatte er den Online-Payment-Service „Ant Financial“ als eigenständiges Unternehmen ausgegliedert. Ant wuchs nicht zuletzt wegen seines Bezahlsystems Alipay rapide. Bargeld sieht man heute im chinesischen Alltag kaum noch. Nahezu alle Bezahlvorgänge, sei es im Supermarkt oder im Massagesalon, werden über zwei Smartphone-Apps abgewickelt: Wechat Pay und Alipay. 700 Millionen Menschen nutzen den Bezahldienst Alipay.

Für die chinesischen Behörden aber ist das Problem nicht Alipay, sondern eher die Micro-Lending-Plattformen, die Ant auch betreibt. Die traditionellen Banken – allesamt in staatlicher Hand – sind dafür bekannt, am liebsten Staatsunternehmen mit Krediten zu versorgen. Das liegt auch daran, dass bei den Giganten – oft aus dem Stahl- und Kohlesektor – so gut wie kein Ausfallrisiko besteht. Sollte das Unternehmen in eine Schieflage geraten, kann die Bank damit rechnen, dass Peking einspringt. Nachteilig ist das System für kleine und mittlere Unternehmen, die so Schwierigkeiten haben, an Geld zu bekommen. In der Folge ist in China ein gigantischer Schattenbankensektor entstanden, der, wenn er ins Schwanken gerät, auch die Realwirtschaft bedroht.

„China hat kein systemische Finanzrisiko, weil China kein Finanzsystem hat“

Jack Ma

Die Lending-Plattformen von Ant Financial stellten so gesehen einen Mittelweg da: Kleinere und mittlere Unternehmen kommen leicht an Kapital, das System ist nicht in staatlicher Hand, aber weitgehend transparent. Den Behörden in Peking aber scheint es nicht transparent genug gewesen zu sein.

Stein des Anstoßes war dann wohl eine Rede von Jack Ma am 24. Oktober in Schanghai, in der er gegen das Bankensystem wetterte. Auf dem Bund-Summit sprach Ma nur wenigen Stunden nach Wang Qishan, der als Vater des aktuellen chinesischen Bankensystems gilt. Ma sprach sich gegen die zahlreichen Regulationen und für ein neues Weltfinanzsystem aus. „China hat kein systemische Finanzrisiko, weil China kein Finanzsystem hat,“ sagte Ma unter anderem. „Wir müssen Unheil verhindern, indem wir ein funktionierendes Finanzsystem schaffen.“

Die Alibaba-Aktie hat seit ihrem Höchststand vom Oktober rund ein Drittel ihres Wertes verloren. Anlegern verdeutlicht die Geschichte, wie fragil Marktwirtschaft und Rechtssicherheit in China sind. Sie sind Instrumente zum Machterhalt der kommunistischen Partei, aber nicht Werte an sich. Und das sollten sich vielleicht auch die Verhandler in Brüssel, Paris und Berlin klarmachen.

 


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