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IWF-Konjunkturprognose „Das Schlimmste steht uns noch bevor“

Der Hafen in Mannheim
Der Hafen in Mannheim. In Deutschland und weltweit wird sich die Konjunktur verschlechtern, warnt der IWF
© IMAGO / U. J. Alexander
Der Internationale Währungsfonds IWF hat seine Konjunkturprognose nach unten korrigiert. Der Kampf gegen die Inflation könnte die Lage der Weltwirtschaft verschlechtern

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat vor einer Verschlechterung der Aussichten für die Weltwirtschaft gewarnt. Die Expertinnen und Experten betonten, dass die Bemühungen zur Bewältigung der höchsten Inflation seit Jahrzehnten den Schaden sogar noch verstäken könnten, der bisher durch den Krieg in der Ukraine und das langsamere Wachstum in China entstanden ist.

Der IWF senkte seine Prognose für das weltweite Wachstum im nächsten Jahr auf 2,7 Prozent, gegenüber 2,9 Prozent im Juli und 3,8 Prozent im Januar; und fügte hinzu, dass sich das Wachstum mit 25-prozentiger Wahrscheinlichkeit auf weniger als 2 Prozent verlangsamen wird.

US-Geldpolitik weltweit spürbar

Das Risiko politischer Fehleinschätzungen habe stark zugenommen, da das Wachstum fragil bleibe und die Märkte Anzeichen von Stress zeigten, so der IWF in seinem Weltwirtschaftsausblick vom Dienstag. Etwa ein Drittel der Weltwirtschaft drohe im nächsten Jahr zu schrumpfen, so der IWF, wobei die USA, die Europäische Union und China alle weiterhin stagnierten.

Die Auswirkungen der geldpolitischen Straffung der US-Notenbank werden nach Einschätzung des Fonds weltweit zu spüren sein, wobei die Stärke des Dollars gegenüber den Währungen der Schwellen- und Entwicklungsländer den Inflations- und Schuldendruck noch verstärkt.

Sieht man von der beispiellosen Verlangsamung im Jahr 2020 aufgrund der Coronapandemie ab, wäre das nächste Jahr das schwächste seit 2009, dem Jahr der globalen Finanzkrise.

„Das Schlimmste steht uns noch bevor, und für viele Menschen wird sich das Jahr 2023 wie eine Rezession anfühlen“, schrieb IWF-Chefökonom  Pierre-Olivier Gourinchas im Vorwort zu dem Bericht. „Während sich die Gewitterwolken zusammenziehen, müssen die politischen Entscheidungsträger eine ruhige Hand behalten.“

Kommt die Rezession?

Die Warnung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem sich die Finanz- und Zentralbankchefs in Washington zur Jahrestagung des Kreditgebers treffen. In ihrer Eröffnungsrede am Montag warnte die geschäftsführende IWF-Direktorin Kristalina Georgieva, dass die höheren Kreditkosten in den USA, der größten Volkswirtschaft der Welt, „zu beißen beginnen“- Weltbank-Präsident David Malpass wies auf die „reale Gefahr“ einer globalen Rezession hin.

Allerdings sieht der IWF ein größeres Risiko darin, dass die Zentralbanken angesichts des anhaltenden Preisdrucks eher zu wenig als zu viel tun – ein Fehler, der sie ihre Glaubwürdigkeit kosten und die Kosten für die Eindämmung der Preise erhöhen würde.

Der IWF prognostiziert, dass die Inflation im Laufe dieses Jahres mit einer Jahresrate von 8,8 Prozent ihren Höhepunkt erreichen und länger als bisher erwartet hoch bleiben wird. Erst im nächsten Jahr wird sie auf 6,5 Prozent und bis 2024 auf 4,1 Prozent zurückgehen.

Für dieses Jahr rechnet der IWF mit einem weltweiten Wachstum von 3,2 Prozent, das damit gegenüber Juli unverändert bleibt, aber um mehr als ein Viertel unter den 4,4 Prozent liegt, die im Januar prognostiziert wurden. Das war bevor Russlands Präsident Wladimir Putin die Invasion in der Ukraine anordnete, die die Versorgung mit Lebensmitteln und Brennstoffen unterbrach und die Inflation weltweit verschärfte.

IWF-Konjunkturprognose: „Das Schlimmste steht uns noch bevor“
© Bloomberg

Dem IWF zufolge wird die Wirtschaft der Eurozone im Jahr 2023 nur noch um 0,5 Prozent wachsen, wobei der Euroraum die stärkste Verringerung der Aussichten unter den globalen Regionen erfährt. Auch in Deutschland, Italien und Russland werden die Volkswirtschaften schrumpfen.

Auch wenn die Energiekrise in Europa, die durch die Einstellung der russischen Erdgaslieferungen ausgelöst wurde, den Kontinent in diesem Winter vor eine Herausforderung stellt, dürfte der nächste Winter noch schwieriger werden, so der IWF.

Die USA werden im nächsten Jahr um 1 Prozent wachsen, was gegenüber der vorherigen Einschätzung unverändert bleibt. Die Aussichten für dieses Jahr wurden am stärksten gesenkt, nämlich auf 1,6 Prozent Wachstum gegenüber 2,3 Prozent im Juli.

Für die fortgeschrittenen Volkswirtschaften wird im nächsten Jahr ein Wachstum von 1,1 Prozent prognostiziert, für die Schwellen- und Entwicklungsländer dagegen 3,7 Prozent. Von den größten Volkswirtschaften der Welt wird Indien im nächsten Jahr mit 6,1 Prozent am stärksten expandieren. China wird um 4,4 Prozent wachsen.

Russland trifft es schwächer als erwartet

Die Rezession in Russland wird nicht so stark ausfallen wie im Juli erwartet: Das Land wird in diesem Jahr um 3,4 Prozent schrumpfen, während zuvor 6 Prozent prognostiziert worden waren. Auch für Brasilien wurde die Prognose für dieses Jahr um 1,1 Prozentpunkte auf 2,8 Prozent angehoben.

Es besteht die Gefahr, dass eine stürmische Weltwirtschaft die Anleger zu sicheren Anlagen wie US-Staatsanleihen treibt, was den Dollar noch höher treibt und die Schulden der Schwellen- und Entwicklungsländer unter Druck setzt. „Jetzt ist es an der Zeit, dass die politischen Entscheidungsträger der Schwellenländer die Korken knallen lassen“, schrieb Gourinchas. Das gilt auch für Länder, die Zugang zu vorsorglichen Hilfen des IWF beantragen können.

Die Welt braucht Fortschritte bei der geordneten Umstrukturierung von Schulden durch den gemeinsamen Rahmen, der von der Gruppe der 20 größten Volkswirtschaften für die am stärksten betroffenen einkommensschwachen Länder geschaffen wurde, schrieb Gourinchas. „Die Zeit könnte bald ablaufen.“

© 2022 Bloomberg L.P.

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