UnternehmenWas Mobileye so wertvoll macht

Es ist ein verdammt heißer Tag, selbst für israelische Verhältnisse. Über 40 Grad. Eyal Bagon, Ingenieur bei der Hightech-Schmiede Mobileye, sitzt auf dem Fahrersitz eines Audi A7, der über den Highway 443 bei Jerusalem rollt. Rechts bauen sich in der flimmernden Hitze die mit Stacheldraht bewehrten Mauern eines Gefängnisses auf. Auf der Straße der übliche Irrsinn des israelischen Verkehrs: Spurwechsel, Gehupe, Geschimpfe, gewagte Überholmanöver. Doch Bagon hat für die Strecke vor sich kaum einen Blick übrig. Er schaut bloß auf einen Lenovo-Monitor, der über der Mittelkonsole des Wagens sitzt. Mehr braucht der Mann mit der Kippa auf dem Kopf im Moment gar nicht zu sehen.

Das, was eigentlich die Aufgabe des Fahrers ist, das Bremsen, Beschleunigen und Spurhalten – all das geschieht hier scheinbar von allein. Auf dem Monitor taucht jetzt ein Lastwagen auf, der vorausfährt und dann an einer Ampel hält. Um den Lkw zieht sich auf dem Bildschirm ein rotes Viereck. Der Audi bremst sanft ab und kommt in gebührendem Abstand hinter dem Laster zum Stehen. Bagon zeigt auf seine Füße: Sie haben das Bremspedal nicht berührt.

Der Israeli hat vorgeführt, was es bedeutet, wenn man in einem selbstfahrenden Auto unterwegs ist. Alle großen Autohersteller der Welt arbeiten derzeit an solchen Systemen. Daimler lässt das futuristische Forschungsauto F 015 durch die Straßen touren, in dem sich die beiden Frontsitze einfach nach hinten umdrehen lassen, sodass es gar keinen erkennbaren Platz für einen Fahrer mehr gibt. Audi ließ im Januar einen A7 Sportback autonom über 900 Kilometer von Stanford nach Las Vegas fahren. Und spätestens seit der kalifornische Google-Konzern Fahrzeuge – im Design von Überraschungsei-Gimmicks – ohne Fahrer durch die Gegend gondeln lässt, gilt „autonomes Fahren“ als die Zukunftsvision schlechthin. Wer nicht dabei ist, wird rasch als Verlierer der Geschichte abgestempelt. Dass allerdings ausgerechnet in Israel – einem Land ohne eigene Autoindustrie – ein autonomes Testfahrzeug herumkurvt, hat einen besonderen Grund: eben Mobileye.

Autokonzerne arbeiten mit Mobileye zusammen

Mobileye ist ein kleines Jerusalemer Unternehmen mit knapp 500 Mitarbeitern, das selbst im eigenen Land kaum jemand kennt. Doch die in Chips verpackte Technik, die es hervorbringt, steckt bereits in Millionen von Autos – in BMWs, Audis, Volvos oder Fords. Es gibt überhaupt nur wenige Autokonzerne, die nicht mit den Israelis zusammenarbeiten.

Vordergründig bietet das Unternehmen sogenannte Fahrassistenzsysteme an – bei denen eine Kamera die Umgebung des Autos überwacht, auswertet und den Fahrer mit einem Piepsen vor möglichen Gefahren warnt. Doch letztlich ist das nichts anderes als der Einstieg in das autonome Fahren. Mit einem System, das schon jetzt in ganzen Fahrzeugflotten eingesetzt und damit in der Praxis getestet wird. Und das Modell ist erfolgreich: In den vergangenen vier Jahren hat Mobileye seinen Umsatz versiebenfacht, 2014 lag er bei 143 Mio. Dollar.

2014 ging das Unternehmen an die New Yorker Börse. Der Einstiegskurs von 25 Dollar verdoppelte sich in kurzer Zeit. Die Israelis seien „die Besten ihrer Klasse“ und hätten die Konkurrenz weit hinter sich gelassen, jubelte ein Analyst von Morgan Stanley. Es war der bislang größte Börsengang einer israelischen Firma an der Wall Street.

Mobileye Aktie

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Kursanbieter: L&S RT

Eines der Geheimnisse von Mobileye: Die Entwickler kommen mit einem Minimum an Hardware-Ausrüstung aus. Das macht die Technik billig, und sie lässt sich vergleichsweise schnell in den Automobilbau integrieren. Dadurch bekommt das Unternehmen den Vorteil, dass seine Software praktisch tagtäglich kleine Härtetests absolviert – nicht unter Laborbedingungen, sondern in echten Autos auf echten Straßen. Eine Discount-Lösung gewissermaßen, aber eine, die sofort in Betrieb genommen werden kann.