Innovativste Unternehmen

InnovatorenSchüco – Ostwestfalen in Manhattan

Schüco-Logodpa


Deutschlands innovativste Unternehmen: Aus knapp 1800 Kandidaten haben Capital und Statista 442 Innovationstreiber herausgefiltert. In unserer Artikelserie stellen wir Ihnen eine Auswahl der ausgezeichneten Unternehmen vor. Die komplette Auswertung im Überblick zeigt unsere Infografik


Die Mail aus New York traf zu Neujahr in Bielefeld ein. Über Weihnachten hatten die Mitarbeiter des Virtual Construction Lab, kurz VCL, die Lösung für ein Problem des Unternehmens Schüco erarbeitet. „Am 2. Januar konnten wir Reports lesen“, sagt Thomas Haltenhof, Leiter des Innovationsmanagements bei dem ostwestfälischen Anbieter von Fenster- und Fassadensystemen.

Was sich die elfköpfige Gruppe, die in Midtown Manhattan seit knapp vier Jahren für die Zentrale in Deutschland Softwarelösungen entwickelt, diesmal ausgedacht hat, verrät Schlenker nicht. Andere Entwicklungen, hinter denen das junge Team aus Architekten, Ingenieuren und Software-Experten steckt, bietet Schüco bereits Profikunden an, zum Beispiel Programme, mit denen sich der Konstruktionsprozess von Fassaden visualisieren lässt. Das erleichtert die Präsentation von Projekten und später die Montage auf der Baustelle.

Schüco produziert Fenster, Türen und andere Fassadenelemente nicht selbst, sondern entwickelt Systeme, die von tausenden Partnerunternehmen weltweit gefertigt und montiert werden. Zuletzt erwirtschaftete das Unternehmen mit etwa 5400 Mitarbeitern einen Umsatz von rund 1,7 Mrd. Euro. „Als Systemanbieter sind wir ein Zehnkämpfer, der es in sämtlichen Einzeldisziplinen mit Spezialisten aufzunehmen hat“, sagt Thomas Schlenker, der bei Schüco für alle Innovations- und Digitalisierungsthemen verantwortlich ist. „Wir müssen früh die künftigen Anforderungen von Projektentwicklern, Planern und Handwerkern erkennen und darauf reagieren.“

Jeder Geschäftsbereich treibt bei Schüco eigene Entwicklungen voran. Parallel dazu wertet das sogenannte Innovationsmanagement in der Zentrale neue Technologien und Trends aus. Schüco probiert viel aus: In einem Zirkel mit anderen Unternehmen wie Audi, Melitta oder dem eigenen Mutterkonzern Otto Fuchs tauschen die Bielefelder Ideen aus. Ein Scout verfolgt von Tel Aviv bis Singapur Trends in der Baubranche und sichtet Start-ups. Kürzlich veranstaltete das Unternehmen einen sogenannten Innovation Hack, bei dem Studenten ein Wochenende lang neue Geschäftsmodelle austüftelten.

Besonders produktiv ist VCL. „Die Truppe belästigt uns andauernd mit ihren Ideen“, scherzt Innovationsmanager Haltenhof. Besonders stolz ist er auf ein Tool zur Akustikplanung, das die New Yorker perfektioniert haben. „Bei der Genehmigung von Großprojekten müssen Bauherren nachweisen, dass später die Vorschriften zum Schallschutz eingehalten werden“, erklärt Haltenhof. Bislang fußen die Berechnungen meist auf Hochrechnungen und sind entsprechend ungenau. Das VCL-System liefert dagegen Ergebnisse, die exakt auf das jeweilige Projekt zugeschnitten sind und alle möglichen Parameter wie Raumgröße, Anordnung der Fenster oder Dicke der Fensterscheiben berücksichtigen. Das Beste daran: Selbst Laien kommen damit gut zurecht.

6000 Kilometer und sechs Stunden Zeitunterschied trennen die Bielefelder Chefinnovatoren von ihren Kollegen in den USA, aber die Distanz hat nach Meinung von Thomas Schlenker nach vor allem Vorteile: „Die sind zu 100 Prozent auf ihre Aufgabe fixiert und denken vom Anwender her.“ Die eigenen Ingenieure in Deutschland hatten die technische Vorarbeit für das Akustiktool geliefert. Das Ergebnis, so Schlenker, hätten sie dann aber lieber nach New York geschickt, „damit es am Ende nicht nur Nerds bedienen können“.

 


Die Studie über die innovativsten deutschen Unternehmen ist in Capital 03/2020 erschienen. Wichtiger Hinweis: Die Untersuchung wurde vor Ausbruch der Corona-Pandemie durchgeführt. Zur Methodik: So wurden die innovativsten Unternehmen ermittelt
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