TeuerungsrateInflation: Kommt sie oder kommt sie nicht?

Trotz Corona sind die Verbraucherpreise alles in allem stabil gebliebenimago images / Manfred Segerer

Die Zentralbanken fluten die Märkte mit Geld – und die Inflation zieht einfach nicht mit. In Deutschland stiegen die Verbraucherpreise im Mai nur um 0,6 Prozent, meldete das Statistische Bundesamt am Donnerstag (28. Mai). Im April hatte die Teuerungsrate noch bei 0,9 Prozent gelegen. Damit bleibt Deutschland trotz weit geöffneter Geldschleusen deutlich hinter dem Inflationsziel zurück, das die Europäische Zentralbank (EZB) für die gesamte Eurozone ausgegeben hat. Im Euroraum fiel die Inflation im Mai sogar auf den tiefsten Stand seit Juni 2016: Sie lag gegenüber dem Vorjahr nur noch bei 0,1 Prozent. Die Notenbank strebt ein Preis-Plus von knapp zwei Prozent an, verfehlt dieses Ziel aber seit Jahren.

Kann es sein, dass die Inflation sogar jetzt, in einer Zeit beispielloser geldpolitischer Anstrengungen, nicht spürbar anzieht? Ja, sagen Wirtschaftsexperten – aber nicht für immer oder zumindest nicht durchgängig. Für die kommenden Monate und Jahre prophezeien sie ein Wechselspiel aus deflationären und inflationären Phasen, das Anleger vor Herausforderungen stellt.

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Der globale Nachfrageschock und die steigenden Arbeitslosenzahlen rücken die Wirtschaft voraussichtlich für kurze Zeit in die Nähe einer Deflation, sagt Peter De Coensel, Anleihechef bei Degroof Petercam Asset Management (DPAM). Die geld- und fiskalpolitischen Anstrengungen der Regierungen und der Notenbanken bleiben seiner Einschätzung nach nicht ohne Wirkung, dürften die Verbraucherpreise allerdings erst auf mittlere Sicht in die Höhe treiben – ab Mitte des Jahres 2022 dann aber sogar über das EZB-Ziel hinaus. Die Tatsache, dass viele Volkswirtschaften globale Lieferketten zugunsten von regionaleren Lösungen aufbrechen wollen, wird die Preise treiben, argumentiert De Coensel.

Die Inflation bleibt vorerst niedrig

Solange die Corona-Pandemie andauert, dürfte die Inflationsrate niedrig bleiben, meint auch Birgit Henseler, Anleiheanalystin der genossenschaftlichen DZ Bank. „Die ultraexpansive Geldpolitik ist vor dem Hintergrund der schärfsten Rezession, die die meisten entwickelten Länder in diesem Jahr verzeichnen werden, angebracht“, sagt sie. Erst nach dem Ende der Krise könnte sich die ultraexpansive Geldpolitik auf die Verbraucherpreise auswirken, schätzt sie. Für besonders wahrscheinlich hält sie dieses Szenario allerdings nicht. „Viele Argumente, die in der Vergangenheit die Inflationsraten gedrückt haben, gelten weiterhin“, gibt Henseler zu bedenken. So hat etwa im Mai der niedrige Ölpreis die Verbraucherpreise weiter gedrückt. Wegen des Überangebots auf dem Ölmarkt sind bei den Energiekosten auch keine größeren Preissteigerungen in Sicht. Sollte die Inflation wider Erwarten doch anziehen, werden die Zentralbanken ein Überschießen verhindern, indem sie die Leitzinsen anheben, ist Henseler überzeugt.

Deflation, Inflation – für beide Szenarios gibt es gute Argumente, sagt Georg Graf von Wallwitz, Chef der Fondsboutique Eyb & Wallwitz. „Die einen sehen das Ende der Globalisierung, wonach nun die Warenpreise ansteigen müssten. Die anderen sehen die tiefe Verunsicherung der Konsumenten und Unternehmen, die nun aus Angst ihr Geld nicht mehr ausnehmen und damit die Preise in den Keller treiben“, erklärt er. Der Fondsprofi geht davon aus, dass sich in der kommenden Zeit deflationäre mit inflationären Schüben abwechseln.

Wechselspiel aus Deflation und Inflation

Auch Alastair Irvine, Produktspezialist bei Jupiter Asset Management, hat sowohl für steigende als auch für sinkende Verbraucherpreise Indizien ausgemacht. Die Geldschwemme der Zentralbanken hält viele Unternehmen künstlich am Leben, die andernfalls längst insolvent wären, sagt er. Solche sogenannten „Zombie-Ökonomien“ leiden meist unter deflationärem Druck. Auf der anderen Seite dürften sich gemeinsam mit der Wirtschaft auch die Rohstoffpreise und die Investitionskosten erholen. „Das stellt wiederum einen Inflationsdruck dar“, sagt Irvine. Die Frage sei, welcher Druck sich als der größere erweist.

Anleger stellen diese Prognosen vor ein Dilemma. So lange sich die Wirtschaft in einem deflationären Schub befindet, ist es wenig sinnvoll, sich gegen eine kommende Inflation abzusichern, etwa mit inflationsindexierten Anleihen. Steigt die Teuerungsrate, könnte das aber so rasch geschehen, dass kaum Zeit zum Reagieren bleibt. Die beste Strategie dürfte ein breit gestreutes Portfolio sein: Anleihen gehören in einem deflationären Umfeld zu den Gewinnern, Aktien und Gold bieten als Sachwerte Schutz vor der Geldentwertung.

 


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