BilanzskandalHarry Markopolos: der Mann, vor dem General Electric zittert

Harry Markopolos
Harry Markopolos wuchs als Sohn griechischer Einwanderer in Erie, Pennsylvania, auf, studierte BWL und Finanzwesen und begann 1987 eine Karriere als Börsenmakler. 1991 wechselte er als Portfoliomanager zur Investmentfirma Rampart in Boston – und stieß bei der Arbeit auf den Madoff-Fonds, dessen Performance ihm zu gut schien, um wahr zu sein.Getty Images

Der Mann, der gerade einen Orkan an der Wall Street ausgelöst hat, bleibt an diesem Morgen bemerkenswert ruhig. Es ist der 15. August, Harry Markopolos hat wenige Stunden zuvor einen 175-seitigen Report über General Electric veröffentlicht, in dem er dem Konzern vorwirft, ein gigantisches Loch in seiner Bilanz zu vertuschen – und damit den Aktienkurs auf Talfahrt geschickt. Jetzt sitzt Markopolos gleich vier Moderatoren des Wirtschaftssenders CNBC gegenüber. Er trägt eine unmögliche Kombination aus gepunktetem Hemd, gestreifter Krawatte und kariertem Sakko, das Haar wie immer seitwärts gescheitelt. Abwechselnd versuchen die Journalisten, ihn aus der Reserve zu locken.

„Warum haben Sie nicht mit dem Unternehmen gesprochen?“
„Warum gerade jetzt?“
„Was sehen Sie, was die ganze Wall Street nicht sieht?“
Markopolos lässt sich nicht beirren. „Ich bin ein zertifizierter Prüfer für Wirtschaftskriminalität“, belehrt er die Runde. „Ich weiß, welche Fragen man stellen muss. Ich weiß, wonach man suchen muss.“

An mangelndem Selbstbewusstsein leidet der Finanzanalyst nicht. Aber er ist auch nicht irgendjemand. Er ist der Mann, der vor allen anderen wusste, dass der Finanzbetrüger Bernie Madoff ein milliardenschweres Schneeballsystem betrieb. Jahrelang wurde er nicht ernst genommen, aber am Ende behielt er recht. Und nun? Hat sich Markopolos einen noch größeren Gegner vorgenommen: General Electric, den schlingernden Industriekoloss. Und wieder gibt es mächtig Gegenwind.

Der ewige Whistleblower

Überzogen, bekam Markopolos zu hören, sei seine Behauptung, General Electric verstecke ein 38 Mrd. Dollar großes Loch in der Bilanz. Unmoralisch sei das Vorgehen, sich von einem Hedgefonds bezahlen zu lassen, der am sinkenden GE-Kurs verdiene. Und ganz neu seien die Vorwürfe auch nicht – dass GE Probleme hat, ist kein Geheimnis. Wofür also das alles? Markopolos wird im Oktober 63. Er müsste sich das alles vermutlich nicht mehr antun. Sein gesamtes Berufsleben hat er in der Finanzbranche verbracht, seit 15 Jahren verdient er sein Geld mit dem Aufdecken von Wirtschaftsskandalen. Aber er ist ein Besessener, er hat eine Mission. „Ich bin ein Wahrheitssucher“, erklärte er auf CNN. Und er ist, wie das „Wall Street Journal“ einmal schrieb, wie viele Whistleblower „ein kleines bisschen verrückt“.

General Electric ist ein naheliegendes Ziel. Das Industriekonglomerat kämpft mit einer Fülle an Problemen. In den vergangenen drei Jahren hat die Talfahrt der Aktie circa 200 Mrd. Dollar Marktkapitalisierung vernichtet, der CEO wurde zweimal ausgetauscht. Die wichtige Kraftwerks- und Energiesparte steckt in der Krise. Dazu kommen gescheiterte Übernahmen, Altlasten, Fehlentscheidungen des Managements. Die SEC und das Justizministerium ermitteln bereits wegen Unregelmäßigkeiten in der Buchführung zweier Sparten.

Öl, Gas, Versicherungen – die Problemzonen von General Electric

In Markopolos’ Report geht es vor allem um zwei Vorwürfe. Erstens: GE bewerte seine Beteiligung am Öl- und Gasspezialisten Baker Hughes um 9 Mrd. Dollar zu hoch. GE hatte die Firma 2017 erworben und ist nun dabei, sie wieder abzustoßen. Noch hält der Konzern die Mehrheit der Anteile, weshalb die Baker-Hughes-Zahlen in der Bilanz konsolidiert wurden. Markopolos argumentiert, das Geschäft sei ein reines Finanzinvestment und müsse als solches schon jetzt niedriger bewertet werden.

Schwerwiegender ist der Vorwurf, für das Rückversicherungsgeschäft mit Pflegeversicherungen fehlten Rückstellungen in Höhe von 29 Mrd. Dollar. Eigentlich galt GE Capital, die bis zur Finanzkrise massiv aufgeblähte und später zurechtgestutzte Finanzsparte des Konzerns, als von Versicherungsaltlasten bereinigt. Noch 2016 erklärte der damalige CFO Keith Sherin: „Das ganze Versicherungsgeschäft ist weg.“ Das entsprach wohl nicht ganz der Wahrheit. Aus der Zeit vor 2006 verblieb ein substanzielles Geschäft, vor allem eines, das mit zu optimistischen Prognosen eingegangen wurde – die Amerikaner leben länger als gedacht, und die Zinsen sind niedriger als erwartet. Anfang 2018 musste GE einräumen, dass zusätzliche Rückstellungen von 15 Mrd. Dollar benötigt werden und dass GE Capital auf absehbare Zeit keine Dividende an die Konzernmutter ausschütten wird.