WiedervorlageGesetze im Test: Antibiotika im Stall


„… liegt die für die jeweilige Tierart festgestellte halbjährliche Therapiehäufigkeit wiederholt oberhalb der Kennzahl 2 der bundesweiten Therapiehäufigkeit, kann die Behörde das Ruhen der Tierhaltung längstens für drei Jahre anordnen.“ 16. Gesetz zur Änderung des Arzneimittelgesetzes


Deutschlands Kühe, Hühner, Schweine und Puten schlucken nur noch halb so viel Antibiotika wie vor fünf Jahren, meldete das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit im August. 837 statt 1 706 Tonnen gaben pharmazeutische Unternehmen und Großhändler 2015 an Tierärzte ab. Es klingt nach einem erstaunlichen Erfolg des Gesetzgebers. Der schreibt seit 2011 vor, dass die Abgabemengen von Antibiotika in der Veterinärmedizin erfasst werden. Und wichtiger noch: Seit April 2014 müssen Mastbetriebe ab einer bestimmten Größe melden, welche Antibiotika sie wie lange und in welcher Dosis verabreichen. So steht es in der 16. Novelle des Arzneimittelgesetzes (AMG).

Die Vorschrift soll den übermäßigen Antibiotikaeinsatz in der Mast verringern – und letztlich Menschenleben retten. Die Idee: Wenn Nutztiere weniger Medikamente bekommen, gibt es auch weniger multiresistente Infektionen bei Menschen. Schon heute sterben weltweit 700 000 Menschen pro Jahr, weil bei ihnen kein Antibiotikum mehr wirkt. Zehn Millionen könnten es 2050 sein.

„Reserveantibiotika“ statt Antibiotika

Die AMG-Novelle schaffe Transparenz und sei „gesundheitspolitisch ein großer Schritt“, rühmt sich die Bundesregierung. Doch ein zweiter Blick zeigt eine andere Wahrheit. Massiv gestiegen sind die Abgabemengen von Fluorchinolonen (plus 82 Prozent) und Cephalosporinen (plus 52 Prozent). Beide Wirkstoffe hat die WHO als „Reserveantibiotika“ eingestuft, wichtig für die Therapie beim Menschen. Ihr übermäßiger Einsatz fördert Resistenzentwicklungen und macht sie letztlich nutzlos. Schuld am Anstieg ist die AMG-Reform selbst, die auf Tonnenreduzierung setzt. Weil diese Wirkstoffe niedriger dosiert werden können und billiger sind, greifen die Landwirte zu. Sie sparen Geld und erfüllen formal das Reduktionsziel – auf Kosten höherer Resistenzrisiken.

Auch mit der Transparenz von Dauer und Häufigkeit des Antibiotikaeinsatzes ist es nicht weit her. Veröffentlicht werden zwei Kennziffern (Median, drittes Quartil), die Obergrenzen darstellen. Wer etwa bei Masthühnern mehr Antibiotika einsetzt als 75 Prozent aller Betriebe, muss vorschlagen, wie er den Einsatz reduzieren will. Aussagen dazu, welche Tierart wie oft, wie lange und mit was behandelt wurde, sind nicht möglich. Solche Informationen braucht man aber für den klugen Mitteleinsatz.

Testurteil: Mangelhaft