KolumneGeneralverdacht gegen Insider

Bernd Ziesemer
Bernd ZiesemerMartin Kress

Brian Krzanich, Chef des Chipherstellers Intel, verkaufte Ende November einen großen Batzen Aktien seines Konzerns. Ende letzter Woche brach der Kurs von Intel-Papieren massiv ein. Der Grund: eine gefährliche Sicherheitslücke in Millionen von Computerprozessoren, die Krzanich seit langem kannte. Nun steht der US-Manager unter Insiderverdacht. Könnte gut sein, dass Krzanich seinen Hut nehmen muss.

Bei der Deutschen Börse sorgte nicht der Verkauf von eigenen Aktien, sondern der Kauf für einen Eklat. Vorstandschefs Carsten Kengeter legte sich ein ganzes Paket zu, als er längst über eine Fusion mit der London Stock Exchange verhandelte. Der Aktienkauf brach ihm schließlich den Hals, seit Jahresende ist Kengeter nicht mehr im Amt.

Die beiden Fälle zeigen: Es gibt kaum einen guten Zeitpunkt für Vorstandschefs, Aktien ihres Unternehmens zu kaufen oder zu verkaufen. Trennen sich Insider auf dem Höhepunkt einer Hausse von ihren Papieren, lösen sie unvermeidlich einen Kurseinbruch aus. Verkaufen sie auf dem Tiefpunkt, wirft man ihnen mangelndes Vertrauen in ihren eigenen Konzern vor. Kaufen sie Aktien, während sie gerade an einem größeren Deal oder einer neuen Strategie arbeiten, geraten sie in den Verdacht, ihr Wissen zu kapitalisieren. Große Konzerne arbeiten aber praktisch immer an solchen Projekten – so dass sich kaum ein richtiger Zeitpunkt finden lässt.

Der weitsichtige Manager kauft deshalb gleich zum Amtsantritt Anteile am eigenen Unternehmen – und verkauft sie erst nach seinem Abschied wieder. Möglich ist auch eine Art Sparplan: Man kauft unabhängig vom jeweiligen Kurs jedes Jahr zum gleichen Zeitpunkt für einen feststehenden Betrag Aktien des eigenen Unternehmens zu. Der Nachteil: Anders als jeder normale Anleger muss ein Insider faktisch darauf verzichten, jeweils zu einem besonders günstigen Zeitpunkt zuzuschlagen. Aber alles andere macht ihn angreifbar.

Womit sich die entscheidende Frage stellt: Ist es überhaupt sinnvoll, dass Vorstände Aktien des eigenen Unternehmens halten? Die Wissenschaft streitet darüber seit langem. Die einen wollen das berühmte „Principal-Agent-Problem“ ausschalten und die Interessen angestellter Manager mit den Interessen der Eigentümer zur Deckung bringen. Die Gegner einer solchen Beteiligung verweisen auf die Gefahr, dass Vorstände nur noch auf den Aktienkurs ihres Unternehmens schielen, statt es langfristig wettbewerbsfähiger zu machen. Um die Gemengelage noch komplizierter zu machen: Wir wissen seit einigen Jahren aus empirischen Studien, dass sich Vorstände bei ihrem Handeln kaum vom eigenen Aktienbesitz lenken lassen. Mit anderen Worten: Man kann keine direkte Beziehung zwischen dem Erfolg eines Unternehmens und dem Aktienbesitz seiner Manager nachweisen.

Auf jeden Fall gilt: Vorstände ersparen sich eine Menge Ärger, wenn sie lieber auf Aktien ihres Unternehmens verzichten. Und ihrem Vermögensaufbau dient das letztlich auch: Da man ihre Gehälter und Boni ohnehin an den Erfolg des Unternehmens koppelt, sollten sie nicht alle Eier in einen Korb legen – und besser in andere Konzerne investieren.