ReportageGegen den Strom

SüdLink-Trassenverlauf
Mithilfe von Bürgerhinweisen haben die Tennet-Planer Alternativen für einzelne Trassenabschnitte entwickelt. In der Region Hannover sind es mehr als zehn

Manchmal kann Thomas Wagner die neue Stromtrasse schon sehen, obwohl es sie noch gar nicht gibt. Wagner sitzt im Mietwagen, hinter Hannover geht es auf der Bundesstraße Richtung Süden. Mitten auf der Strecke, kurz nach dem Örtchen Pattensen, zeigt er aus dem Fahrerfenster. Dort drüben soll die Leitung entlangführen, sagt Wagner: von der A7 kommend gerade Richtung Westen, rüber über die Leine, bevor sie dann nach Süden abknickt – mit 500.000 Volt Spannung und 70 Meter hohen Mastungetümen, doppelt so hoch wie die bestehende Überlandleitung. „Monstertrasse“ nennen sie die geplante Verbindung hier in den Dörfern.

Das Monster ist auch Wagners Monster. Der 31-jährige Politikwissenschaftler arbeitet für den Netzbetreiber Tennet, einen niederländischen Staatskonzern, der bis zum Jahr 2022 die Südlink-Leitung bauen soll: eine 700 Kilometer lange Stromautobahn von Wilster bei Hamburg bis nach Grafenrheinfeld in Unterfranken. „Referent für Beteiligung“ steht in Wagners E-Mail-Signatur.

Seitdem er vor zwei Jahren bei Tennet angefangen hat, vermittelt er in einem Konflikt, der überall im Land der Energiewende tobt: Alle wollen den Atomausstieg. Aber niemand will Windräder oder neue Stromtrassen vor der Haustüre haben.

Bis Anfang des nächsten Jahrzehnts sollen drei gigantische Gleichstromleitungen entstehen. Sie sollen große Mengen Elektrizität aus dem windreichen Norden nach Süden bringen, um dort die Abschaltung der Atommeiler auszugleichen. Ohne Netzausbau werde die Energiewende scheitern, warnen Politiker. Doch je klarer sich abzeichnet, wo die Trassen entlangführen werden, desto stärker wird der Widerstand.

In Franken, in der Rhön, im Weserbergland – überall kämpfen Bürger gegen Masten, Magnetfelder und den Wertverlust ihrer Grundstücke. Selbst Bayerns Regierungschef Horst Seehofer ist jetzt Trassengegner, obwohl er das Gesetz, das den Bedarf für die Stromautobahnen festlegt, 2013 mit verabschiedet hat. Es droht ein harter Kampf um die Leitungen. Einer, der sich über Jahre hinziehen könnte.

Der Netzbetreiber Tennet setzt darum auf: Deeskalation – und zwar so früh wie möglich. Thomas Wagner, der freundliche Mann mit Vollbart, Chucks und bayerischem Akzent, ist ein Schlichter in diesem Trassenkampf. Er soll Konflikte mit Bürgern und Kommunen aus dem Weg räumen, damit Tennet das mindestens 2 Mrd. Euro teure Südlink-Projekt schneller planen und bauen kann.

Thomas Wagber
Tennet-Mitarbeiter Thomas Wagner (2. v. l.) soll Konflikte um neue Stromleitungen entschärfen. Auf „Infomärkten“ diskutiert er mit Bürgern über die Südlink-Trasse

„Es nützt nichts, wenn wir uns mit jedem Grundstückseigentümer vor Gericht streiten“, sagt Wagner. Fast täglich ist er unterwegs, spricht auf Veranstaltungen von Bürgerinitiativen und diskutiert mit Lokalpolitikern über den Trassenverlauf. Die Leute sollen sich fair behandelt fühlen, sagt Wagner. „Man muss verstehen, wenn sich jemand aufregt, dass in seiner direkten Umgebung eine Stromleitung gebaut werden soll.“

Seit der Eskalation im Streit um Stuttgart 21 gilt Bürgerbeteiligung als letzte Chance, große Infrastrukturprojekte noch im Konsens mit der Bevölkerung umzusetzen. Südlink ist der Praxistest, ob das funktioniert. Nur müssen die Monstermasten am Ende natürlich trotzdem irgendwo gebaut werden.