JapanRoboter-Technik: Zukunftvisionen für Fukushima

Seite: 2 von 5
Das Zentrum der Stadt Fukushima, rund 60 Kilometer vom Unglücksreaktor entfernt: Öffentliche Geigerzähler messen hier und anderswo die Strahlenbelastung
Das Zentrum der Stadt Fukushima, rund 60 Kilometer vom Unglücksreaktor entfernt: Öffentliche Geigerzähler messen hier und anderswo die Strahlenbelastung (Foto: D. Sucha)

Ein Jahr und viele Dekontaminierungskommandos später aber warb die Regierung schon für die Rückkehr. Immerhin 55.000 von einst 70.000 Einwohnern sind dem Ruf inzwischen gefolgt. Sie brauchen eine wirtschaftliche Perspektive.

Keine 25 Kilometer nördlich der Kraftwerksruine steuert Kiyonobu nun auf ein fast fertiges Bürogebäude zu, das in der Mitte des Robotik-Geländes aufragt. Die ersten Abschnitte haben im Sommer 2018 den Betrieb aufgenommen, und das halb fertige Areal lässt bereits erahnen, was die Baupläne und Broschüren versprechen: Nirgendwo auf der Welt sonst gibt es ein so großes Gelände, das einzig der Arbeit an Robotern gewidmet ist. Kaum irgendwo sind so viele Ergebnisse zu erwarten wie in Japan, schon jetzt die führende Nation in vielen Bereichen der Robotik. Globales Sendungsbewusstsein zeigt bereits der Name, den man dem Hub verpasst hat: Fukushima Robot Test Field – auf Englisch, was in der traditionellen japanischen Businesskultur Seltenheitswert hat.

„Tokio finanziert uns das alles“, sagt Kiyonobu. Indem die Zentralregierung hier ein neues nationales Prestigeprojekt ansiedelt, will sie mehrere Herausforderungen gleichzeitig angehen. Sie will die Forschung in Bereichen vorantreiben, die in den vergangenen Jahren weiter an Bedeutung gewonnen haben – auch weil mit China ein ehrgeiziger Konkurrent in den Wettbewerb eingestiegen ist. Sie will Impulse für die regionale und nationale Wirtschaft geben, gerade in Orten wie Minamisōma, wo die Bevölkerung auch schon vor 2011 schrumpfte.

Die Stadt ist nicht zuletzt deshalb für einen Robotik-Standort prädestiniert, weil hier die Notwendigkeit genau wie die Mängel der Technologie deutlich zutage getreten sind: Direkt nach der Katastrophe fehlten Räumungsroboter, die Trümmer hätten zur Seite schaffen können, um verschüttete Menschen zu bergen. Später schickte man ferngesteuerte Roboter in die zerstörten Reaktoren, um dort Messungen durchzuführen und die Lage zu analysieren. Sie kehrten nie zurück: Wegen der Hitze waren sie in der AKW-Ruine geschmolzen. Japans Regierung verstand das als Business-Case für die Materialforschung.

15 Mrd. Yen, rund 117 Mio. Euro, hat der Staat für Investitionen in das Testfeld lockergemacht. Sie sollen bis Ende 2019 verbaut sein. Peanuts im Vergleich zu den Gesamtkosten, die für die Bewältigung der Nuklearkatastrophe anfallen: Inklusive des Rückbaus der AKW-Ruine und Entschädigungszahlungen werden diese derzeit auf 160 Mrd. Euro geschätzt.

Kiyonobu zeigt auf einen Gebäudekomplex, der noch eingerüstet ist. „Ab Frühjahr öffnen da schon mal 13 moderne Büros.“ Sie sind angeschlossen an Labore, in denen Forscher diverse Umweltbedingungen simulieren, Erschütterungen, Wind- und Wasserwiderstände messen können. Für bis zu 60 Quadratmeter werden nur 100.000 Yen Monatsmiete fällig, 780 Euro. „Das ist stark bezuschusst, damit auch kleine Betriebe kommen können.“

Elf der 13 Büros seien schon vermietet, auch aus dem Ausland gebe es Anfragen. Konzerne wie Japans einstiger Telefonmonopolist NTT, der Online-Handelsriese Rakuten oder das Technologieunternehmen Hitachi gehen hier bereits ein und aus, schicken ihre Ingenieure her, führen auf dem Feld Versuche durch. Die Bedingungen gelten als hervorragend. „Wir haben das Okay der Anwohner und anliegenden Dörfer, dass hier alles getestet werden darf“, sagt Kiyonobu. „So viel Freiheit wie hier in Fukushima hat man sonst eigentlich nirgendwo.“