ExklusivFrankfurt, wir haben ein Problem

Commerzbank-Joggerin
Mit einer selbstkritischen Werbekampagne versucht die Commerzbank ihr Image aufzupolieren. Während ihrer morgendlichen Trainingstour sinniert eine Joggerin darüber, wie sich Banken verändern müssen. Capital hat die Motive der Kampagne leicht verfremdet
© Katrin Binner

Am 18. Juli 2011 wird es Jens Heuber in Berlin zu heiß. Nicht wegen der 24 Grad, die das Thermometer an diesem Tag draußen zeigt. Der Mitarbeiter von Process Controls, einem Kontrollteam des Konzernbereichs Group Finance der Commerzbank, hat schon vor einiger Zeit ein Konto entdeckt, das er nicht versteht. Doch nun wird es ihm zu viel. Konto 920 186 407 steht bei mehr als 64 Mrd. Euro. Im Minus.

Für solche Fälle hat die Commerzbank Regeln. Bilanzskandale und vertuschte Milliardenverluste soll es bei Deutschlands zweitgrößter Bank nicht geben. Dazu hat sie Mitarbeiter wie Heuber. Jeden Tag prüfen sie die Buchungen auf den internen Konten, über die die Bank ihre Geschäfte abwickelt. Wenn etwas nicht stimmt, sollen sie Alarm schlagen.

Zur Orientierung haben sie die „Richtlinie zur Führung von relevanten Konten und Verrechnungskonten“. Insgesamt listet diese sieben Arten interner Konten auf, über die alle Geschäfte laufen. Bei einer Bank wie der Commerzbank sind das Zigtausende interne Konten. Für jedes Konto gibt es eine „OE-Nummer“, die festlegt, welche Organisationeinheit das Konto überwacht. „Der Kontoführer überprüft, ob sich jeder offene Posten innerhalb des üblichen, idealtypischen Bearbeitungszeitraumes ausgleicht. Ist dies nicht der Fall, sind diese Posten unverzüglich bei den verursachenden Stellen zu reklamieren“, heißt es in der Richtlinie. Bei Problemen gilt das „Eskalationsprozedere“. An diesem Morgen, findet Heuber, sollte er eskalieren.

Ein MInus, das misstrauisch macht

Jens Heuber heißt anders. Sein Name ist für diese Geschichte genauso egal wie sein Geschlecht oder sein Alter. Capital kennt seine wahre Identität und will diese schützen.

„Wie ich schon seit Jahren mitteile, wachsen bei dem Konto die Soll-Salden stetig an“, schreibt Heuber seinem Gruppenleiter. „Als ich mit der Kontrolle anfing, waren es mal weniger als 30 Milliarden Euro – inzwischen sind wir schon auf 65 Milliarden Euro. Und es wird immer mehr.“ Zwar laufe das Konto auf den Namen der Commerzbank Financial Products GmbH (CFP) und sei wohl Teil der Investmentsparte.

Nach der OE-Nummer 0011046 liege die Kontrolle jedoch bei ihnen, Group Finance. Er hängt eine Liste von Kontoständen an, vom 30. Juni 2010 (–55 293 318 191,12 Euro) bis zum 18. Juli 2011: –64 729 212 784, 41 Euro. Fast 10 Mrd. Minus zusätzlich in einem Jahr.

Ein Konto, das Jahr für Jahr tiefer in die Miesen rutscht und nie ausgeglichen wird, macht wohl jeden misstrauisch. Dass aber ein interner Kontrolleur mit vielen Jahren Berufserfahrung nicht versteht, was er auf dem Bildschirm vor sich sieht, sollte wohl nicht passieren – schon im Interesse des Arbeitgebers. Bei der Commerzbank ist es passiert.