Finanzevolution"Phishing for Fools"


Dirk Elsner (Foto: Sebastian Berger, Stuttgart)Dirk Elsner ist bei der DZ Bank Senior Manager Innovation und Digitalisierung. In dieser Kolumne äußert er seine private Meinung. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog BlickLog gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde.


Wenn zwei Wirtschaftsnobelpreisträger zusammen ein Buch für die interessierte Öffentlichkeit schreiben, könnte das interessant werden. Das gilt für das gerade erst in deutscher Sprache erschienene Buch „Phishing for Fools“ der beiden Professoren Akerlof und Shiller. George Arthur Akerlof, übrigens auch Ehegatte von Fed-Chefin Janet Yellen, bekam 2001 den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften. Robert Shiller erhielt diese Ehre 2013. Es ist nicht das erste gemeinsame Werk der beiden. Manch einer wird sich an das Buch „Animal Spirits“ erinnern. Darin erklärten sie während der Finanzkrise 2009, dass die Ökonomie als Wissenschaft zu wenige Erkenntnisse aus der Psychologie berücksichtige, um das Verhalten der Menschen in der realen Wirtschaft zu erklären.

Die Bezeichnung Phishing kennen wir aus der digitalen Welt. Gemeint ist eine Betrugsmasche im Internet. Sie zielt darauf ab, persönliche Informationen von Nutzern zu angeln, um sie für weitere Missbrauchsaktivitäten zu verwenden. Akerlof und Shiller verwenden diesen Begriff als Metapher für Aktivitäten, die nicht unbedingt illegal sein müssen, die aber dazu dienen können, Menschen etwas zu verkaufen, was nicht in ihrem Interesse ist, sondern nur den „Phishern“ nutzt.

Nach Akerlof und Shiller setze der freie Markt Anreize für „unternehmerische Helden“, innovative Produkte zu entwickeln, die wirklich gebraucht werden. Der vom Wettbewerb beherrschte freie Markt setze aber andere Akteure so unter Druck, dass sich manche „unanständig“ verhielten und psychologische Schwächen ihrer Kunden ausnutzten. Hier dienen Akerlof und Shiller auch die Finanzmärkte als Beispiel. Denn dort bestünden besondere Anreize zum Phishing. Das ist soweit weder neu, noch überraschend. Aus der Evolutionsbiologie und aus unserer Alltagserfahrung wissen wir seit langem, dass es „die Ökonomie von Gut und Böse“ (Tomas Sedlacek) gibt und diese besonders ausgeprägt sein kann, wenn die Informationsasymmetrie zwischen Vertragspartnern hoch ist.

alternative Verhaltensmodelle

Die beiden Nobelpreisträger beklagen sich freilich zu Recht darüber, dass diese Banalitäten bisher nicht in den Wirtschaftswissenschaften angekommen sind. Ökonomen haben weiterhin den perfekt rational handelnden Marktteilnehmer (bekannt als „homo oeconomicus“) als Referenz. Er oder sie informiert sich vor Entscheidungen minutiös und am Ende erhalten alle auf einem perfekten Markt, was für sie am besten ist. In einer solchen Umwelt gibt es keinen Opportunismus und erst recht kein Phishing, denn alle bekannten Informationen sind für jedermann verfügbar und werden berücksichtigt.

Es ist bekannt, dass die neoklassischen Modelle weder die Wirtschaftspraxis erklären noch als normative Referenz taugen. Längst haben sich Ökonomen und Wissenschaftler anderer Fachrichtungen aufgemacht, alternative Verhaltensmodelle zu entwickeln (beispielhaft seien hier die Bemühungen vieler Vordenker im Blog Evonomics erwähnt).

Schon in ihrem 2009 erschienen Buch befassten sich Akerlof und Shiller mit der letzten weltweiten Finanzkrise und ihren Ursachen. In ihren Augen zeigt die Analyse der ökonomischen Literatur eine riesige Erkenntnislücke. Ökonomen (einschließlich der Finanzexperten) würden systematisch ignorieren oder herunterspielen, welche Rolle Manipulation und Täuschung in der Funktionsweise des Marktes spielen. In dem neuen Buch gehen sie stärker auf ausgewählte Aspekte ein, wie zum Beispiel das Reputation Mining. Darunter verstehen sie das Ausnutzen einer in früheren Jahren erworbenen positiven Reputation zulasten unwissender Narren.

Wir sehen nur das, was in unserem Interesse ist

Sie erklären das am Beispiel der großen Ratingagenturen in den USA. Sie hätten sich bis zur Jahrhundertwende einen guten Ruf aufgebaut aber später Anreize gehabt, Bewertungen für Wertpapiere abzugeben, die zwar den Emittenten gefielen, jedoch nicht im Interesse der Gläubiger waren. Bekanntlich haben aber die Ratingagenturen nicht einfach Gefälligkeitsratings für beliebige Papiere abgegeben, sondern positive Bewertungen für komplexe Konstruktionen, die vermeintlich hohe Erträge bei geringem Risiko abwerfen sollten. Die Erklärungen von Investmentbanken und die Bewertungen von Ratingagenturen wurde garniert mit statistischen Berechnungen, deren Methoden an Universitäten und bekannten Business-Schools anerkannt waren (und übrigens immer noch sind).

Akerlof und Shiller suchen eine Antwort auf die Frage, warum die Käufer der faulen Wertpapiere in den 2000er-Jahren so leichtgläubig waren. Dieser Ansatz ist schon deswegen relevant, weil sich die Muster stets wiederholen. Weder die Verkäufer noch die anderen beteiligten Institutionen hatten einen Anreiz, die Details der damals geschnürten toxischen Wertpapiere transparent zu machen. Sie schreiben:

“Wir neigen dazu, das zu sehen, was in unserem Interesse ist, und nicht zu sehen, was unserem Interesse widerspricht. … Weder die Investmentbanken noch die Ratingagenturen hatten ein Interesse daran, die extrem schwierige, ja vielleicht sogar unmögliche Arbeit auf sich zu nehmen, die Pakete aufzuschnüren und ihren Inhalt sorgfältig zu überprüfen.”

Akerlof und Shiller halten das Finanzsystem für ausgesprochen anfällig für das Phishing. Und das gilt auch für innovative Entwicklungen. Zwar gehen sie in ihrem Buch nicht explizit auf die unter Fintech laufenden jüngste technische Innovationswelle im Finanzsektor ein, sie glauben aber weiterhin, dass stets einige Menschen andere Menschen dazu verleiten, Dinge zu tun, die nicht in ihrem eigenen Interesse sind.

Wird die Welt zu einem besseren Ort?

Wir sehen diese Zweiteilung auch in der neuen Fintech-Welt. Auch hier sollte man nicht dem romantischen Glauben verfallen, dass alle Neugründungen die Welt zu einem besseren Ort machen wollen. Ein prominentes Beispiel konnte man im Frühjahr an der börsennotierten Marketplace-Lending Plattform Lending Club beobachten. Das US-Unternehmen galt vielen (auch mir) als Vorzeige-Fintech. Der Chef Renaud Laplanche musste im Frühjahr seinen Job aufgeben. Ihm wurde vorgeworfen, Kredite geringer Bonität vermittelt und eigene Interessen verschwiegen zu haben (Handelsblatt). Im Frühjahr 2014 narrten die Gründer des Start-ups Oculus Rift diejenigen, die den Prototypen für die Brille über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter finanziert hatten. Die an die Ideale der Gemeinschaft glaubende Masse ging, rechtlich korrekt, beim Milliarden-Verkauf an Facebook leer aus.

Shiller und Akerlof beschränken sich in ihrem Buch übrigens nicht auf die Finanzmärkte, sondern vertiefen viele weitere Beispiele des Phishings in anderen Sektoren und zeigen auch Lösungsansätze auf. Viele hoffen, dass es mit der digitalen Wirtschaft anders werden wird und Vertrauen und faires Verhalten nicht opportunistisch ausgebeutet werden. Ich bin da nicht so optimistisch, denn es liegt einfach in der Natur der Menschen, dass stets einige Menschen versuchen, Vorteile zum Nachteil anderer zu erlangen. Mit der Transparenz, die die digitale Wirtschaft verspricht, könnte es allerdings schwerer werden, uns Narren „abzuphishen“.