KommentarEssener Tafel - ein Angriff auf das Ehrenamt

Essener Tafel: Die Organisation hat entschieden, vorerst keine Ausländer mehr als Mitglieder aufnehmendpa

Nahezu jeder in diesem Land wird sich inzwischen wohl eine Meinung gebildet haben über die Diskussion um die Essener Tafel; für mich zeigt sich hier wie in einem Brennglas, was seit einigen Jahren vor allem in der Flüchtlingspolitik schief läuft: Es gibt einen besorgniserregenden Realitätsverlust bei einigen Politikern, gepaart mit einer unheimlichen moralischen Überheblichkeit.

Ich maße mir nicht an, über Jörg Sator zu urteilen, ich stand nie in der Schlange, habe mit niemandem von der Essener Tafel gesprochen. Ich unterstelle aber, dass diese Menschen nach bestem Wissen und Gewissen und nicht leichtfertig entschieden haben. Im Grunde war ihre Entscheidung ein Notruf, der nie abgesendet wurde – aber nun doch den falschen Alarm ausgelöst hat.

Die Ferndiagnosen und Urteile, was in Essen angeblich rassistisch, ausländerfeindlich oder „nicht gut“ (Merkel) sein soll, sind aber noch aus einem anderen Grund befremdlich und bedauerlich – denn sie treffen im Kern eine der besten Institutionen dieses Landes: das Ehrenamt. Und es ist doch so: Es sind oft Menschen im Ehrenamt, die an vielen Stellen den Laden hier am Laufen halten, und es waren Menschen im Ehrenamt, die auch seit 2015 mit großem Einsatz und mit viel Kraft die historische Flüchtlingswelle aufgefangen und bewältigt haben.

Die unsichtbaren Helden des Alltags

Der Tafel-Streit bringt so der AfD wieder ein paar Prozentpunkte mehr, denn man sieht und spürt doch überall, wie erneut Fäuste geballt und Köpfe geschüttelt werden von Menschen, die weit entfernt sind, AfD zu wählen. Aber sie sind fassungslos, weil diejenigen, die den moralischen Rahmen für welche Politik auch immer setzen, oft das Gespür verloren haben, welche Konsequenzen ihre Politik hat und wer sie im Alltag umsetzen und bewältigen muss. Das gilt vor allem für die Flüchtlingspolitik, der immer noch der Masterplan aber nie die Moral fehlt: Es sind die Schulen, Behörden, die Polizei, die Vereine und Kirchen und die Menschen im Ehrenamt, die hier die unsichtbaren Helden des Alltags sind. Und das einer nun stellvertretend an einem Pranger steht, wo keiner sein dürfte, sollte uns alle alarmieren.

An diesem Wochenende stimmen die SPD-Mitglieder über den Koalitionsvertrag ab; 400.000 Menschen entscheiden in einem Akt der Scheindemokratie über das Schicksal Deutschlands und auch Europas. Und auch in diesem Vertrag wird so vieles am Land und seinen Kernbedürfnissen vorbei geplant – oder habe ich die Montagsdemos für die Mütterrente verpasst? Diese Entkopplung, die sich in Debatten wie in Essen oder in Passagen in Koalitionsverträgen findet, ist ein Grund für die Erosion der Volksparteien.

Wenn Politiker in Talkshows über „die Menschen da draußen im Lande“ reden, was sie oft und gern tun, sollten sie zwei Dinge beherzigen: eine Politik machen, die Kernbedürfnisse befriedigt, dem Land Dynamik bringt und die nächsten 10, 15 Jahre im Blick hat. Und wenn sie diese Politik schon nicht machen, sollten sie sich niemals über diejenigen erheben, die unermüdlich auffangen, was sie versäumt haben.