ImpfpflichtEs gibt keine Impfmärtyrer

Krisenrunde im Kanzleramt: Bund und Länder haben die Coronamaßnahmen wieder verschärftIMAGO / photothek

Nun ist er da, der so genannte „Lockdown für Ungeimpfte“, der aber auch das Leben aller wieder einschränkt. Die Lage sei ernst, das waren tatsächlich die letzten offiziellen Worte der scheidenden Bundeskanzlerin Angela Merkel. Wie konnte es so weit kommen? Vor einem Jahr erst verbreitete die Nachricht von einem Impfstoff weltweit Hoffnung.

Es wird nun von einem „Akt der nationalen Solidarität“ gesprochen, damit die vierte Welle gebrochen wird. 30 Millionen Impfungen bis Weihnachten lautet das Ziel, wieder einmal der berühmte Kraftakt. Das wird eine Herausforderung, am besten Tag im Juni haben wir 1,4 Millionen geschafft, derzeit sind es im Schnitt 680.000 pro Tag. Immerhin, gestern kratzten wir schon an der Million. Wir haben erkannt, dass es ein Fehler war, die Impfzentren abzubauen. Diese Kapazitäten müssen wir einige Jahre vorhalten.

Eine große Frage indes bleibt noch offen, ein wenig zumindest. Brauchen wir wirklich eine Impfpflicht? Es ist eine komplizierte Frage, und vor allem eine, die wir viel zu spät diskutiert haben. Im Sommer und im Wahlkampf haben die meisten Politiker die Impfpflicht ausgeschlossen. Nun ringen sich immer mehr zu dem unvermeidlichen Ja durch. Zu Recht finde ich. Denn es geht hier nicht um unzulässige und unverhältnismäßige Eingriffe in Freiheitsrechte, sondern um eine komplizierte Abwägung von Freiheitsrechten.

Millionen Impfbummler, -skeptiker und -verweigerer

Wir rätseln und streiten ja über die Ungeimpften. Wer sind sie, was treibt sie, was hindert sie? Appelle, Aufrufe, Bitten haben nicht gefruchtet. Lassen Sie uns auf ein paar Daten des Robert-Koch-Instituts schauen:

  • Mindestens 60 Jahre
    86,1 % vollständig geimpft
    (20,7 Mio. von 24,1 Mio.)
  • 18–59 Jahre
    75,6 % vollständig geimpft
    (34,3 Mio. von 45,3 Mio.)
  • 12–17 Jahre
    46,4 % vollständig geimpft
    (2,1 Mio. von 4,5 Mio.)
  • Mindestens 18 Jahre
    79,2 % vollständig geimpft
    (55,0 Mio. von 69,4 Mio.)

Es fehlen also 3,4 Millionen bei den über 60-Jährigen und 11 Millionen in der Gruppe 18 bis 59 Jahre. Wenn man mal diejenigen abzieht, die sich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen können, und diejenigen Ungeimpften, die sich in den vergangenen Wochen infiziert haben (aktive Fälle derzeit knapp 900.000, darunter aber auch Geimpfte), bleiben immer noch Millionen Menschen an Impfbummlern, Impfskeptikern und Impfverweigerern. So, und diesen Bummlern und Verweigerern muss man endlich mal Beine machen, zumal wir ja mit der Omikron-Variante 2022 das ganze Impftheater vielleicht noch mal vor uns haben. Vermutlich wird die Impfkampagne ein fortlaufender Prozess bis 2023 und darüber hinaus.

Hier wird keiner Minderheit Gewalt angetan. Vielmehr haben die Impfgegner dieses Land in Geiselhaft genommen. Sie haben dem Land diese vierte Welle beschert, weil sie sich mehrheitlich anstecken, mehrheitlich das Virus verbreiten und mehrheitlich erkranken und die Krankenhäuser und Intensivstationen belegen.

Die Ungeimpften rauben anderen Menschen ihre Freiheit

Die Impflicht führt also keine Mehrheit, die überreagiert, gegen eine Minderheit ein, die nun genötigt, drangsaliert oder ihrer körperlichen Unversehrtheit beraubt wird. Die Impflicht, wenn sie denn im Frühjahr kommt, haben die Ungeimpften gegen sich selbst herbeigeführt.

Denn die Freiheit, auf die diese Menschen pochen, raubt anderen Menschen ihre Freiheit, ein normales Leben zu führen. Darunter viele Kinder, die nicht nur wieder den halben Tag Masken tragen müssen, sondern infiziert oder wochenlang in Quarantäne zu Hause sind.

Was haben sich vor allem die Millionen über 60-jährigen gedacht, die ungeimpft sind? Haben wir nicht vor allem für diese Menschen, die berühmten „vulnerablen Gruppen“, seit 2020 diverse Lockdownrunden gemacht?

Dachten diese Menschen, es würde reichen, wenn der Rest sich impfen lässt? Haben Sie erwartet, dass die junge Generation, und insbesondere die Kinder, jetzt noch mal einen Winter eingesperrt werden können, nachdem diese junge Generation eine unheimliche Opferleistung erbracht hat?

Der Staat greift jetzt erneut notgedrungen in seinen groben Werkzeugkasten der Pandemiebekämpfung, obwohl es vielfach das Versprechen gab: kein Lockdown mehr. Jeder Vater und jede Mutter, die jeden Tag damit rechnen, dass ihr Kind sich ansteckt, dass man wieder zu Hause unterrichten muss, geht in diesen Winter mit einer Erschöpfung und Gereiztheit, die nur allzu menschlich ist. Ebenso jeder Kellner, jede Köchin, jeder Hotelier, jeder Barmixer, jede Verkäuferin, die einen Stand auf einem Weihnachtsmarkt hat, jeder, der ein Kino oder einen Club betreibt.

Was ist eigentlich los in diesem Land?

Kleine Anekdote: Ich habe mich am Wochenende mit einer Frau unterhalten, die im Berliner Zoopalast Tickets und Impfpässe kontrolliert. Sie hatte sich bedankt, weil ich nett war. Ja im Ernst, sie erzählte, wie oft sie beschimpft und angegangen wird. Da dachte ich nur: Sie macht doch nur ihren Job. Und: Was ist eigentlich los in diesem Land?

Die Impfkampagne ist emotional völlig außer Kontrolle geraten. Wir erleben seit Monaten eine absurde Aufladung des Impfvorgangs, in der Kindheit war das ein Zuckerstück oder ein Piks gegen Mumps, Masern, Röteln. Das war Routine, der gelbe Impfpass war kein Dokument, das man fälschen musste, auch kein Pass in die Freiheit, sondern ein Dokument, das zerfleddert in einer Schublade lag. Ich wusste jahrelang nicht mal, wo mein Impfpass ist.

Natürlich wird es keine Polizisten geben, die Ungeimpfte an der Tür abholen und in Handschellen abführen. Solche Bilder mögen sich Verschwörungstheoretiker wünschen, es geht ja nicht um einen Impfzwang, der dann Impfmärtyrer erzeugt. Aber es wird und muss Kontrollen geben (die große Frage ist wie), Ausschluss von Restaurants, Kinos und Fußballspielen. Und auch Strafen. Denn es ist diese verzerrte Interpretation von Freiheit, selbst wenn sie nur aus Schlampigkeit oder Angst entsteht, die die Freiheit aller bedroht.

Klar, die Impfpflicht könnte die Gesellschaft weiter spalten. Wenn man aber nichts tut, droht diese Spaltung ebenfalls. Soll das jetzt jahrelang so weitergehen? Der Lockdown war nie die Lösung für diese Pandemie, sie war der Hammer, bevor der Tanz begann mit dem Virus – der aber nur gelingt, wenn die Gesellschaft zu mehr als 70 Prozent geimpft ist.

Eine Gesellschaft in einer Endlosschleife aus Lockdowns ist nicht erstrebenswert, sie verliert auf Dauer ihre Freiheit. Deshalb ist die Impfpflicht nicht die erstrebenswerte, aber die notwendige Antwort auf die nötige Impfquote.

 


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