ReportageNorwegen - das Tesla‑Paradies

Für die deutsche Autoindustrie ist Christina Bu so etwas wie das freundliche Schreckgespenst. Die junge Norwegerin hat ein herzliches Lachen, mit dem sie ihre Gäste empfängt, und Gäste hat Bu viele. Im vergangenen Jahr zum Beispiel kamen Mitglieder des Volkswagen-Vorstands, Ex-Opel-Chef Karl-Thomas Neumann und viele andere Autoleute, deren Unternehmen sie nicht nennen darf. Für all diese Besucher hatte Bu eine klare, nicht ganz so herzliche Botschaft: „Wenn Sie nicht schnell handeln, werden Sie enden wie Kodak oder Nokia.“ Mit anderen Worten: Sie werden zu den Verlierern der Wirtschaftsgeschichte gehören.

Wie aber kommt eine Frau zu einem solch harschen Satz, die ausgerechnet aus einem Land ohne eigene Autoindustrie stammt? Bu leitet den norwegischen Verband der Besitzer von Elektroautos – eine Organisation, die eines der vielleicht größten Experimente der Automobilgeschichte vorantreibt. Was anderswo eine Freakshow wäre, ist in dem nordischen Land eine mächtige Lobbyvereinigung. Denn Norwegen hat sich zum Ziel gesetzt, seine Pkw-Flotte so rasch wie möglich auf Elektrisch umzustellen. Die Führung des Landes ist überzeugt, dass E-Autos die Zukunft des Fahrens sein werden. Und diese Zukunft soll in Norwegen zuerst Gestalt annehmen. Damit das Land zu einem Beispiel für den Rest der Welt werden kann.

Christina Bu leitet den norwegischen Verband der Besitzer von Elektroautos
Christina Bu leitet den norwegischen Verband der Besitzer von Elektroautos
© Thomas Ekström

Im vergangenen Jahr hatten fast ein Drittel der neu zugelassenen Autos in dem skandinavischen Land einen Elektroantrieb, die meisten waren reine Stromer. Das ist mit weitem Abstand Weltspitze, und es ist ein Wert, der auf deutschen Branchenkonferenzen manchmal als Ziel genannt wird, aber immer noch nach Science-Fiction klingt.

In Oslo sieht man an einem einzigen Tag so viele Teslas wie in München in einem ganzen Jahr. Auch günstigere Modelle wie der Renault Zoe oder der Nissan Leaf fahren überall herum. Der E-Golf, in Deutschland eine Kuriosität, ist hier mittlerweile die am häufigsten verkaufte Variante des Volkswagen-Klassikers. Opel will sein mit Pomp angekündigtes Elektroauto Ampera-e im Mai zuerst auf den norwegischen Markt bringen. Das Spezialkennzeichen „EL“, mit dem die Elektroautos gekennzeichnet werden, reichte den Behörden nicht mehr aus, weshalb jetzt auch das Kürzel „EK“ (für Elektrisk Kjøretøy – Elektrofahrzeug) genutzt wird. Nach absoluten Zahlen ist das kleine Land mit seinen fünf Millionen Einwohnern der drittgrößte Markt für Elektroautos – nach den Riesen China und USA.

Erreicht hat Norwegen dies mit einem weltweit einzigartigen Programm aus Subventionen und Vergünstigungen – neben dem die deutsche Kaufprämie für Stromer wirkt wie das Taschengeld eines Achtjährigen. Wer in dem Land ein Elektroauto kauft, muss keine Mehrwertsteuer zahlen, was bei einem Satz von 25 Prozent schon mal ein Argument ist. Zudem fällt die landesübliche Registrierungssteuer weg, die sonst mehrere Tausend Euro ausmachen kann. Ist das Fahrzeug gekauft, geht es dann richtig los: Elektroautos können in vielen norwegischen Städten umsonst parken, sie dürfen Mautstraßen, Busspuren und Fährverbindungen kostenlos nutzen. Die jährliche Kraftfahrzeugsteuer ist niedriger als bei Verbrennern. Und es gibt ein stetig wachsendes Netz öffentlicher Ladestationen, an denen die Besitzer von E-Mobilen ihre Autos auftanken können. Gratis.

Als das Parlament auch noch erwog, Diesel und Benziner ab 2025 komplett zu verbieten, schaltete sich sogar Elon Musk ein. „You guys rock“, jubelte der Tesla-Chef per Twitter den Norwegern zu. Verständlich: Dank der norwegischen Gesetze kommt ein Tesla auf den Preis normaler Oberklasselimousinen. „Norwegen will Elektroautos dabei helfen, wettbewerbsfähig zu werden“, sagt Bu. „Die Industrie hat immer gesagt, dass die Leute diese Autos nicht wollen. Wir zeigen, dass sie sie wollen, wenn sie es sich leisten können.“