FirmengeschichteDräger und das dunkelste Kapitel seiner Geschichte

Hauptsitz der Draegerwerk AG & Co. KGaA in Lübeck
Hauptsitz der Draegerwerk AG & Co. KGaA in Lübeckimago images / Agentur 54 Grad

König Willem-Alexander der Niederlande, Gesundheitsminister Jens Spahn, die Regierung in Washington: Stefan Dräger hatte sie in den letzten Wochen alle am Telefon. Dabei kannten vor der Corona-Krise nur Spezialisten das Lübecker Familienunternehmen, das der 57-Jährige in fünfter Generation leitet. Doch seit die weltweite Nachfrage nach den Beatmungsgeräten der Drägerwerk AG explodiert, interessieren sich viele für den Mittelständler mit seinen knapp 3 Mrd. Euro Umsatz.

Auf der Website und in den einschlägigen Firmenbroschüren erfährt man einiges über das 1889 gegründete Unternehmen. Den 71 knappen Zeilen, die sich dort zur Geschichte der Drägerwerke in der Nazi-Zeit finden, sollte man allerdings tunlichst misstrauen.

Es geht dabei keineswegs nur um die üblichen Schandflecke aus den Jahren 1933 bis 1945, die viele deutsche Unternehmen gern vergessen, wenn sie mal wieder ein Firmenjubiläum feiern. Bei Dräger wird Schlimmeres ausradiert: Ausgerechnet der heute weltweit führende Hersteller von Beatmungstechnik organisierte 1944 in einem Hamburger Bunker einen Menschenversuch, bei dem an 500 Insassen des KZ-Außenlagers Wandsbek getestet wurde, welche Luftkonzentration von CO2 sie aushalten. Die ehemalige KZ-Insassin Janina Pawlinska berichtete später: „Wir sind fast erstickt, wurden ohnmächtig. Wir haben geschrien, aber keinen hat es interessiert.“

Als die Welt noch in Ordnung war: das Drägerwerk in Lübeck auf einem Luftbild von 1926, vor dem Beginn seiner Nazi-Verstrickung
Als die Welt noch in Ordnung war: das Drägerwerk in Lübeck auf einem Luftbild von 1926, vor dem Beginn seiner Nazi-Verstrickung

Das alles ist seit den 80er-Jahren dokumentiert, in wissenschaftlichen Werken, die teils sogar mit Unterstützung der Drägerwerke erschienen. Viele Firmen, die Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge ausgebeutet hatten, arbeiteten damals unter dem Druck der Öffentlichkeit erstmals ihre Vergangenheit auf und zahlten den wenigen Überlebenden Entschädigungen. Nach zähen Verhandlungen formierte sich Ende der 90er-Jahre eine Wiedergutmachungsinitiative der deutschen Wirtschaft, bei der die Familie Dräger von Anfang an dabei war.

Umso erstaunlicher, was heute über die Rolle des damaligen Familienoberhaupts Heinrich Dräger zu lesen ist. Nach Darstellung des Unternehmens bemühte sich der Patriarch, der von 1928 bis 1984 die Firma leitete, im Krieg um „ein Gleichgewicht zwischen der zivilen Produktion und der Rüstungsproduktion“. Selbst auf dem Kriegshöhepunkt seien immer noch 47 Prozent des Umsatzes bei Dräger „im zivilen Bereich“ angefallen.

Die Beschäftigung von KZ-Insassen habe Dräger zunächst abgelehnt und erst „unter dem starken Druck der Kriegsbürokratie“ zugelassen. Die 500 KZ-Insassen, die Dräger in Wandsbek einsetzte, seien „immer wieder“ vor den „Schikanen der SS“ geschützt worden – mit Drägers „Rückendeckung“. Das Unternehmen habe ansonsten „kaum Einfluss“ auf ihre Behandlung gehabt.

Fast im Widerstand?

Wer diese Passagen liest, muss Heinrich Dräger für eine Art Widerstandskämpfer halten. Doch davon kann keine Rede sein. Der Unternehmer stand schon vor 1933 in engem Kontakt mit Nazi-Größen wie Gregor Strasser, veröffentlichte noch vor Hitlers Machtergreifung einen Aufsatz in der „Nationalsozialistischen Bibliothek“ (Heft 41/1932), trat nach 1933 in die NSDAP ein, amtierte ab Oktober 1938 als „Wehrwirtschaftsführer“, rückte 1940 in den Beirat der „Kolonialwissenschaftlichen Gesellschaft“ auf, konnte sich ab 1942 mit dem Kriegsverdienstkreuz 1. Klasse schmücken.

Heinrich Dräger beschäftigte Zwangsarbeiter und KZ-Insassen in Hamburg, Lübeck und Wien, profitierte massiv durch die „Arisierung“ einer Gummifabrik und die Übernahme eines Werks im besetzten Polen. Ein besonders brutaler Nazi war Dräger nicht, eher ein typischer Opportunist. „Dräger war keiner der wenigen, die aktiv Widerstand ­leisteten“, schreibt Bernhard Lorentz im Standardwerk „Heinrich Dräger und das Drägerwerk“ von 2001.

Viele heutige Behauptungen des Unternehmens aber stimmen schlicht nicht. Dräger schaltete sich immer wieder mit Vorschlägen in die Aufrüstung des Dritten Reichs ein – weit über die Belange seiner Firma hinaus. Ende 1934 beteiligte sich das Drägerwerk an den ersten Raketenversuchen Wernher von Brauns auf der Nordseeinsel Borkum. Das Wiener Zweigwerk arbeitete an der Entwicklung neuer U-Boote mit. Im Briefwechsel Drägers mit dem persönlichen Beauftragten des Reichsführers SS Heinrich Himmler schlägt der Unternehmer den Bau von Kleinflugzeugträgern vor, um das schwindende Kriegsglück im Atlantik zu wenden.