VG-Wort Pixel

Landwirtschaft Die Vertical-Farming-Revolution gerät ins Stocken

Vertical Farming in den Niederlanden
Vertical Farming in den Niederlanden
© IMAGO / Martin Bertrand
Tech-Investoren haben Milliarden in Unternehmen gesteckt, die neue Wege in der Landwirtschaft gehen wollten. Vertical Farming boomte. Doch jetzt drohen einige dieser Wetten zu platzen

Die Verical-Farming-Firma Fifth Season aus Pittsburgh hat ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Herbst mitgeteilt, dass das Unternehmen seine Tätigkeit einstellt. Die in Berlin ansässige Indoor Urban Farming, die mit mehr als 1 Mrd. Dollar bewertet wird, entließ etwa 500 Mitarbeiter. Und das Gewächshaus-Start-up AppHarvest, das im 2021 über ein Spac an die Börse gegangen war, musste seit seinem Rekordhoch im vergangenen Jahr einen Kurseinbruch von über 90 Prozent hinnehmen. Nachdem AppHarvest den Anlegern mitgeteilt hatte, dass es nur noch über geringe Mittel verfüge, verkaufte es vor kurzem eine seiner Anlagen und will sie zurückmieten.

„Unser Mitgefühl gilt jedem Start-up-Unternehmen in unserem Segment“, sagt Plenty Unlimited-CEO Arama Kukutai. Das Unternehmen mit Sitz in South San Francisco hat fast 1 Mrd. Dollar von Investoren wie Walmart und dem Vision Fund der Softbank Group erhalten.  Plenty will die größten vertikalen Farmen der Welt bauen. Laut Kukutai sind die ersten Schritte in diesem Geschäft kostspielig, ebenso wie der Betrieb der komplexen landwirtschaftlichen Technologie. Es sei schwierig, die Rentabilität jeder einzelnen Anlage zu gewährleisten. Plenty wird seine erste kommerzielle Farm im kalifornischen Compton in diesem Jahr eröffnen, fast ein Jahrzehnt nach seiner Gründung 2014. „Wir werden sehen, dass noch mehr Firmen ... 2023 nicht überleben“, sagt Kukutai.

Nach Angaben des Marktforschungsunternehmens AgFunder haben innovative Agrarfirmen im Jahr 2021 mehr als 2,2 Mrd. Dollar eingesammelt. Davon zogen Vertical Farming und gewächshausähnliche Growhäuser die meiste Aufmerksamkeit auf sich. Vertikale Farmen stapeln Pflanzen Schicht für Schicht in Lagerhäusern, die mit Beleuchtungs- und Bewässerungssystemen ausgestattet sind und oft Sensoren zur Überwachung der Pflanzengesundheit und zur Regulierung der Bewässerung einsetzen. Diese Systeme sollen angesichts der klimabedingten extremen Wetterbedingungen eine dauerhafte und platzsparendere Möglichkeit zur Ernährung einer wachsenden Bevölkerung bieten.

Komplexe Technologie

Nicht jedes Unternehmen steht vor dem Kollaps. Einige der größten Akteure auf dem Gebiet des Indoor-Farming schlossen im vergangenen Jahr Monsterfinanzierungsrunden ab, darunter Plenty, das im Januar 400 Mio. Dollar einsammelte, sowie Soli Organic mit einer im Oktober abgeschlossenen Finanzierungsrunde über 125 Mio. Dollar. Doch das rasche Verschwinden kleinerer Unternehmen könnte auf eine größere Krise hindeuten, die noch bevorsteht.

Die Herausforderung bei Investitionen in Indoor-Farming-Unternehmen besteht darin, dass sie sich nicht nur durch Software, sondern auch durch Robotik, Agrarwissenschaft und Farmdesign auszeichnen müssen, sagt Hans Tung, geschäftsführender Gesellschafter bei GGV. „Es ist keine leicht zu knackende Kategorie“, sagt er. „Nur die Stärksten werden wohl überleben, und es wird nicht allzu viele große Anbieter geben.“

Das Berliner Unternehmen Indoor Urban Farming, das als Infarm firmiert, hat mit den steigenden Energiepreisen in Europa zu kämpfen. Nach Angaben von Infarm durchläuft das Unternehmen einen „signifikanten Strategiewechsel“, um Rentabilität zu erreichen. Die Hälfte der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden entlassen. Bei AppHarvest, das Anfang des Jahres einen gefährlichen Liquiditätsengpass aufwies, konnte die Krise abgewendet werden, nachdem das Unternehmen einen Kredit aufgenommen und eine Vereinbarung über den Verkauf einer landwirtschaftlichen Einheit an einen Lebensmittelhändler getroffen hatte. Fifth Season, das einst versprach, Salat „in einem glücklichen Zuhause anzubauen, das durch Robotik und hochmoderne künstliche Intelligenz geschaffen wurde“, reagierte nicht auf Anfragen, nachdem seine Mitarbeiter über die Einstellung des Betriebs informiert hatte.

Hoher Kapitalbedarf

Die Kosten für den Betrieb einer Indoor-Farm, bei der ein Unternehmen alles vom Licht über die Heizung und Kühlung bis hin zu jedem Tropfen Wasser kontrollieren muss, liegen bei 300 Dollar oder mehr pro Quadratmeter, sagt der Gründer und CEO des Beratungsunternehmens Agritecture Henry Gordon-Smith. Im Vergleich dazu kostet eine normale Freilandfarm nur ein paar Dollar. Laut Gordon-Smith sind Start-ups im Bereich der Indoor-Landwirtschaft daher besonders anfällig für Probleme bei der Beschaffung von Finanzmitteln. Wenn ein Betrieb eine kritische Größe nicht erreicht, ist er möglicherweise nicht in der Lage, das Geschäft weiter zu finanzieren.

„Wir sind ein Unternehmen, das immer Kapital benötigt“, sagt Bowery Farming-CEO Irving Fain. Das Vertical-Farming-Unternehmen hat fast 500 Mio. Dollar Eigenkapital von einer Reihe von Star-Investoren erhalten, zu denen der Sänger Justin Timberlake und GV von Alphabet gehören. Das in New York ansässige Unternehmen ist eines der größten in diesem Bereich und verkauft sein Blattgemüse an mehr als 1400 Einzelhändler.

Gordon-Smith von Agritecture prognostiziert, dass der Abschwung die Erwartungen an die vertikale Landwirtschaft wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen werde – insbesondere die Vorstellung, dass Indoor-Farming die Antwort auf die Klimakrise sei. Start-ups können den Menschen mehr Zugang zu gesunden Lebensmitteln bieten, sagt er. Aber die Farmen würden mit ihrem teuren und (kalorienarmen) Blattgemüse nicht das Hungerproblem auf der Welt lösen. Trotz der wirtschaftlichen Schwierigkeiten sieht Gordon-Smith immer noch großes Potenzial in dem Konzept. „Im Moment können die Versprechungen nicht eingehalten werden“, sagt er. „Aber es ist nicht so, dass sie nie erfüllt werden können. Der Hauptfeind, den ich sehe, ist der Hype.“

©2022 Bloomberg L.P.

Mehr zum Thema

Neueste Artikel