KolumneDie Uhr für China tickt

Michael Pettis
Michael Pettis
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Michael Pettis ist Finanzprofessor an der Peking University und Senior Associate des Carnegie Endowment. Der in Spanien geborene Amerikaner hat an der Wall Street ­gearbeitet und sich dort besonders mit Lateinamerika befasst. Er lebt in China.


China erfreut sich auch unter seinem neuen Präsidenten Xi Jinping eines großen und wachsenden Handelsüberschusses. Im dritten Quartal 2014 sind die Ausfuhren dreimal so schnell gewachsen wie die Einfuhren.

Mit der Abschwächung der Weltwirtschaft steigt aber nun der Druck auf Peking, die Reformen umzusetzen, die vor einem Jahr auf dem Dritten Plenum der Parteiführung beschlossen wurden.

Denn was ist Chinas Grundproblem? Viele Investitionen sind unproduktiv, sie weiter zu steigern erhöht nur die bereits exzessive Verschuldung. Dämpft man die Investitionen, erhöht das die Arbeitslosigkeit – es sei denn, der private Verbrauch schließt die Nachfragelücke.

Der private Konsum macht in China allerdings nur einen ungewöhnlich kleinen Teil des Bruttoinlandsprodukts aus. Und das wiederum liegt daran, dass den Privathaushalten nur ein ungewöhnlich kleiner Teil der Wirtschaftsleistung zufließt. Um den Konsum rasch zu steigern, muss Peking also die Haushaltseinkommen erhöhen – zulasten der Staatsbetriebe und der lokalen Regierungsapparate.

drei heikle Optionen

China steht damit vor einem Balanceakt zwischen drei heiklen Optionen: steigende Schulden, wachsende Arbeitslosigkeit oder Umschichtung des Wohlstands vom Staatssektor zu den Haushalten.

Solange der Wohlstandstransfer ausbleibt, ist die Arbeitslosigkeit nur durch mehr Verschuldung zu begrenzen. Allerdings dürften dem Bankensystem nur noch drei bis vier Jahre bleiben, bis seine Schuldenkapazität erschöpft ist.

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Der florierende Export verschafft Peking Zeit für die notwendige Umschichtung des Wohlstands. Aber wird er das auch weiterhin tun?

Steigende Außenüberschüsse in Europa und der Fall des Yen zeigen dramatisch, wie Länder in aller Welt mit strukturell schwacher Binnennachfrage ringen. Das kann am Ende auch Handelskonflikte verschärfen. Wenn diese Kräfte dazu führen, dass Chinas Handelsüberschuss schrumpfen muss, dann wird Peking weniger Zeit für die Neuausrichtung seiner Wirtschaft bleiben.

Das Dritte Plenum hat explizit versprochen, dass private Haushalte mehr und der Staatssektor weniger vom BIP erhalten sollen. Neue Wohnsitzregeln verschaffen etwa Wanderarbeitern Zugang zu kommunalen Leistungen. Eine ebenfalls vorgeschlagene Bodenreform würde den Bauern helfen und bei den Lokalbehörden die Einnahmen aus Grundbesitz schmälern. Höhere Einlagezinsen und eine verbesserte Kreditzuteilung würden privaten Sparern und Kleinbetrieben nützen – zulasten lokaler Regierungen und von Staatsbetrieben, die seit Jahrzehnten privilegierten Kreditzugang haben.

Exportüberschuss hat eine Schlüsselrolle

Politische Widerstände haben bislang verhindert, dass Haushaltseinkommen und Konsum schnell genug wachsen, um schwächere Investitionen auszugleichen. Der Exportüberschuss hat deshalb eine Schlüsselrolle: Von ihm hängt ab, ob Chinas Politik mehr oder weniger Zeit für die Anpassung bleibt.

Präsident Xi hat es bisher geschafft, die Hauptgründe für Chinas Schieflage zu beseitigen: viel zu niedrige Zinsen, eine schwache Währung, geringes Lohnwachstum. Er hat aggressiv zentralisiert, um die Reformen gegen die alten Mächte durchzusetzen. Wie gut er damit 2015 vorankommt, ist für den langfristigen Erfolg der Anpassung entscheidender als alles andere.

Sinkt der Exportüberschuss, dann muss China seinen Wohlstand umso aggressiver umverteilen.

Das ökonomische Quartett: David McWilliams (Irland), Heleen Mees (Niederlande), Jim O’Neill (Großbritannien), Michael Pettis (USA). Jeden Monat schreibt bei Capital einer dieser vier Ökonomen. Sie stammen aus verschiedenen Ländern, und jeder hat damit eine andere Perspektive auf die Welt

Der Beitrag von Michael Pettis erschien zuerst in der aktuellen Capital. Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe der neuen Capital herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.