FinanzevolutionDie Robo Advisor werden erwachsen

Folgen Kurse an Aktienmärkten vorhersehbaren Mustern oder schwanken Kurse so zufällig, dass selbst Finanzprofis keinen überdurchschnittlichen Ertrag aus der Finanzanalyse ziehen können? Diese Frage diskutieren seit Jahrzehnten hitzig Akademiker und Praktiker. Und die Antwort auf diese Frage bestimmt auch die Anlagepolitik von Vermögensverwaltern, egal ob sie persönlich beraten oder eine Maschine Anlageempfehlungen gibt.

Andrew W Lo, Professor für Finanzen an der MIT Sloan School of Management, ist auf diese Fragen in seinem gerade und bisher nur in englischer Sprache erschienenen Buch “Adaptive Markets: Financial Evolution at the Speed of Thought” eingegangen. Er erzählt darin die Geschichte der modernen Kapitalmarkttheorie, insbesondere die der These effizienter Märkte. Diese 2013 mit dem Ökonomie-Nobelpreis für den US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Eugene Fama ausgezeichnete Idee besagt, dass Finanzmärkte effizient und alle verfügbaren Informationen in den Preisen bereits enthalten sein müssten seien. Der Markt weiß also alles, was bedeutet, dass sich aus öffentlich verfügbaren Informationen und Finanzanalyse danach keine zuverlässigen Vorhersagen ableiten lassen.

Vorstellung effizienter Kapitalmärkte

Das Elegante und Praktische an der Vorstellung effizienter Kapitalmärkte ist, dass sich die Erkenntnisse in nachvollziehbare Formeln (Algorithmen) gießen lassen. Die Theorie effizienter Märkte, abgekürzt EMT, dominiert daher trotz Finanzkrise weiter die Finanzpraxis und ist methodische Basis für viele Anlage- und Risikooptimierungen . Diese Modelle sind auch das Fundament für die Algorithmen der sogenannten Anlageroboter (= Robo Advisors). Diese der Finanztechnologie (Fintech) zuzuordnenden Dienstleister, darunter viele Startups, bieten seit einigen Jahren eine automatisierte Kapitalanlage, die ohne Prognosen auskommt (siehe auch Kolumne Robo-Advisor müssen noch viel lernen).

Nach der EMT ist es einzelnen Investoren im Durchschnitt unmöglich, besser abzuschneiden als der Markt. Wenn man also den Markt nicht schlagen kann, warum dann nicht einfach den Markt kaufen? Eine einfache Möglichkeit, dies umzusetzen ist der Kauf eines Exchange Traded Fund (ETF). Das ist ein Fonds, dessen Wertentwicklung exakt einem Börsenindex entspricht. Das Risiko können Anleger variieren durch eine Mischung aus einem risikobehafteten ETF und einer (nahezu) risikofreien Anlagen z.B. in Festgeld oder Bundesanleihen.

Eine solche Mischung zwischen risikobehafteten ETF und risikofreier Anlage bieten die meisten Robo Advisors. Sie sind aber gerade keine Berater, wie die Bezeichnung Advisor (englisches Wort für Berater) vermuten lässt, sondern vielmehr regelbasierte Systeme, die auf Basis von Kundeneingabe wie Anlagezielen, Zeithorizonten und Risikoneigung Anlageempfehlungen berechnen. Das hat ebenfalls nichts, wie manche glauben , mit künstlicher Intelligenz zu tun. Sie verarbeiten nach mehr oder weniger komplizierten Algorithmen Markt- und Kundendaten, lernen aber (noch) nicht selbst und können mit Wünschen von Kunden, die von den Eingabefeldern abweichen, nichts anfangen. Auf künstliche Intelligenz bei den Anlagerobotern werden wir noch etwas warten müssen (siehe aber American Banker Beyond Robo Advisers: How AI Could Rewire Wealth Management).

 

Erwachsen aber nicht intelligent

Robo Advisors sind längst kein Randphänomen mehr. Techfluence, das in Frankfurt und London beheimatete Analyse- und Beratungsunternehmen für Banken und Fintechs, aktualisiert regelmäßig eine Übersicht der Robo Advisor in Europa und Deutschland. Interessant ist, dass im als börsenängstlich geltenden Deutschland mittlerweile 31 Unternehmen dieser Art aktiv sind, das sind acht mehr als noch Ende letzten Jahres. Mittlerweile sind nach Angaben von Techfluence die meisten der neuen Marktteilnehmer im Besitz einer Bank, einer Versicherung oder eines Vermögensverwalters. Als Beispiele nennen die Analysten Cominvest (Comdirect Bank), Bevestor (Dekabank) Solidvest (DJE Kapital AG) und VisualVest (Union Investment).

Noch sind die Gesamtsummen der gemanagten Vermögenswerte in Europa überschaubar. Die insgesamt verwalteten Vermögenswerte (=Assets under Management) in Deutschland schätzt Techfluenceper Ende Juli 2017 auf rund 850 Millionen Euro.

Auch wenn über diese Zahlen im Detail gestritten wird, dürfte damit erst die lange Wachstumsreise begonnen haben. Das Potenzial zeigt eine Studie der europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA. Danach erreichten per Ende 2016 die in Europa verwalteten Vermögenswerte den Rekordwert von 22,8 Billionen Euro .

Ein Blick in die wesentlich wertpapieraffineren USA unterstreicht das mögliche Potenzial für die Anlageautomaten. Ende Juli hat der unabhängige Anbieter Betterment, einer der Pioniere dieses neuen Segments, die 10 Milliarden US-Dollar-Grenze für die Assets under Management überschritten. Laut einem Bericht des Fachmagazins Fast Company erhöht Betterment den Betrag alle 50 bis 60 Tage um 1 Milliarde US-Dollar, erreicht also mehr Zuwachs als alle europäischen Roboterberater zusammen. Die großen Finanzgesellschaften in den USA haben das Potenzial längst erkannt. Die zu etablierten Verwaltern wie Vanguard und Charles Schwab gehörenden Robo Advisor liegen in den verwalteten Vermögenswerten deutlich über den Beträgen von Betterment. So soll etwa der Robo Advisor von Vanguard nach Information des US-Wirtschaftsmagazins Barron´s bisher etwa 65 Milliarden US-Dollar eingesammelt haben.

Die Anlageroboter werden also groß, sind aber längst nicht intelligent. Der eingangs erwähnte Andrew W Lo verwirft übrigens in seinem faszinierenden Buch die Effizienzmarkthypothese und ersetzt sie durch ein neues Modell. Noch hat niemand eine Antwort auf die Frage, was das für die Exchange Traded Funds und die Robo Advisor bedeutet. Sie werden sich davon vorläufig auch nicht beirren lassen, zumal sie Jahrzehnte gebraucht haben, um die EMT für die Praxis nutzbar zu machen.


Dirk Elsner (Foto: Sebastian Berger, Stuttgart)Dirk Elsner ist bei der DZ Bank Senior Manager Innovation und Digitalisierung. In dieser Kolumne äußert er seine private Meinung. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog BlickLog gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde.


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