GastbeitragDie letzte Chance für die europäische Solarindustrie

Photovoltaikanlage in MalsfeldIMAGO / Norbert Neetz

Spätestens mit dem „Fit for 55“-Klimapaket der EU-Kommission ist gewiss, dass uns eine bislang noch nie dagewesene Ausbaurallye bei der Photovoltaik bevorsteht. Aktuelle Prognosen der International Energieagentur kommen zu dem Schluss, dass Photovoltaik (PV) bis 2030 rund 20 Prozent der globalen Energieproduktion ausmachen wird.

Mit 18,2 Gigawatt (GW) an Neuinstallationen und einem Anstieg von elf Prozent gegenüber dem Vorjahr war bereits 2020 ein Boomjahr für PV in der EU. Deutschland war hierbei zum wiederholten Mal unangefochtener Spitzenreiter mit einem Zubau von 4,8 GW. Dass der globale (Wirtschafts-)Schock durch die Corona-Krise den Solarbereich nicht ausbremsen konnte, ist ebenso überraschend wie erfreulich. Es ist zugleich ein klares Indiz für die beachtliche Dynamik der hiesigen Energiewende, die sich auch aus einem geschärften klimapolitischen Bewusstsein in der Gesellschaft speist. Allerdings haben uns die Lockdowns oder auch zuletzt das Drama im Suez-Kanal um die „Ever Given“ in kaum zu übertreffender Deutlichkeit die Fragilität globaler Lieferketten vor Augen geführt.

Das lenkt den Blick auf ein Kernproblem der deutschen und europäischen Energiewende: die fundamentale Importabhängigkeit der Europäischen Union von Solarmodulen aus Asien, insbesondere aus China. Mit dem Wiederaufbau einer deutschen beziehungsweise europäischen Solarindustrie besteht nun die einmalige und vermutlich auf lange Sicht letzte Chance, das zu ändern. Dies könnte in einem Zuge auch die strategische Autonomie beim Jahrhundertprojekt Energiewende wiederherstellen, Wertschöpfung regional ansiedeln und diese in Übereinstimmung mit dem Zielkanon des Europäischen Green Deals konsequent an Nachhaltigkeits- und Sozialstandards ausrichten.

Auch aus technologischer Sicht ist der Zeitpunkt dafür günstig. Denn die heute dominierende PERC-Technologie (passivated emitter rear contact) bei Solarmodulen stößt in puncto Energieeffizienz an ihre Grenzen. Es stehen bereits Alternativen bereit, ihren Platz einzunehmen – mit deutschen Playern an vorderster Front.

Dazu gehört etwa die Heterojunction/SmartWire-Technologie. Hierbei werden modernste Solarzellen mit einer weltweit einzigartigen Verbindungstechnik kombiniert. Weil bei den Hochleistungszellen ein sehr dünner monokristalliner Siliziumwafer von zwei ultradünnen amorphen Siliziumschichten umhüllt wird, geht weniger erzeugte Ladung verloren und der Leistungsverlust über die Zeit wird minimiert.

Geschichte darf sich nicht wiederholen

Diese Innovation – und es gibt viele mehr – verdeutlicht die hervorragende Ausgangslage für regional verankerte Unternehmen , um beim anstehenden Technologiesprung auch kommerziell die volle Ernte einzufahren. Es wäre – auch politisch – kaum zu verantworten, wenn sich Geschichte wiederholen und europäische Technologieführerschaft nicht in wirtschaftlichen Erfolg und Wohlstandsgewinn münden würde.

Um genau dies zu verhindern, wurde Ende Februar mit Unterstützung von EU-Energiekommissarin Kadri Simson und EU-Binnenmarkkommissar Thierry Breton die „European Solar Initiative“ (ESI) unter Leitung des EU-finanzierten European Institute of Innovation & Technology (EIT InnoEnergy) und des Verbands Solar Power Europe ins Leben gerufen. Ziel ist der rapide Auf- und Ausbau der europäischen PV-Industrie entlang aller Wertschöpfungsstufen von der Rohstoffgewinnung über die Zellproduktion bis zum Recycling.

Die ESI geht in ihren Prognosen bis 2050 von einem jährlichen Ausbauziel von 20 GW aus, was in Anbracht der 2020 bereits erreichten 18 GW realistisch scheint. Insgesamt würden demnach über die kommenden drei Jahrzehnte 600 GW an neuen Kapazitäten in der EU benötigt, ergänzt durch weitere 100 GW für die Erneuerung ausgedienter Anlagen. Neben dem Zusammenspiel von Industrie, Forschung und Politik erfordert dies über diesen Zeitraum Investitionen in einer Größenordnung von mindestens 400 Mrd. Euro. Gerade deshalb konzentriert sich die Initiative auf die Umsetzung industrieller Großprojekte mit Finanzierungsbedarfen im Milliardenbereich. Als ein zentrales Vehikel hat die ESI daher eine paneuropäische Investment-Plattform eingerichtet.

Rund 400.000 neue Jobs möglich

Den notwendigen Kraftanstrengungen stehen beachtliche Wachstumsperspektiven für den europäischen Binnen- und Arbeitsmarkt gegenüber. Prognosen von EIT InnoEnergy und Solar Power Europe zufolge würden in Europa durch das „Heimholen“ jener Wertschöpfung zusätzlich rund 400.000 direkte und indirekte Arbeitsplätze bis 2050 entstehen. Größter Profiteur hiervon wäre Deutschland. Dies ist auch insofern wünschenswert, als es den Beschäftigungsrückgang in emissionsintensiven Industriezweigen wie der Kohle überkompensieren würde. Wie das künftig ausschauen könnte, zeigt sich bereits heute in der Gemeinde Bitterfeld-Wolfen in Sachsen-Anhalt. Dort hat das Schweizer Unternehmen Meyer Burger im Mai dieses Jahres ein neues Werk zur Herstellung von Hochleistungssolarzellen eröffnet. Schon in der initialen Ausbaustufe von 400 MW sind dort 350 Mitarbeiter beschäftigt. Bis 2026 soll die Kapazität auf 5 GW mehr als verzehnfacht werden.

Auch der gesamtwirtschaftliche Impuls einer „Solar-Renaissance“ wäre beachtlich. So erwartet die ESI einen jährlichen Effekt für das europäische Bruttoinlandsprodukt in Höhe von 40 Mrd. Euro über die nächsten 30 Jahre. Dabei nicht berücksichtigt ist ein zusätzlicher Nachfrageanstieg bei Haushalten mit hoher Konsumneigung.

Übernimmt Deutschland bei der Wiederbelebung der Solarindustrie eine Vorreiterrolle, könnte es die Blaupause für ganz Europa liefern und ein positives Signal an die anderen EU-Mitgliedstaaten senden. Das Knowhow dafür ist zweifellos da. Zudem bietet das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Nachschärfung des deutschen Klimaschutzgesetzes die ideale Steilvorlage. Denn ohne einen rasanten Ausbau der Erneuerbaren ist eine Reduktion der Treibhausgase um 65 Prozent bis 2030 – respektive 88 Prozent bis 2040 – schlichtweg utopisch. Was jedoch nach wie vor fehlt ist ein starker politischer Handlungsimpuls. Es gilt, nach der Bundestagswahl zügig Weichenstellungen vorzunehmen und Maßnahmenpakete zu definieren, die für die Industrie einen verlässlichen Rahmen schaffen und gleichzeitig die Bürger mit einbinden. So könnte beispielsweise ein deutsches 10-Millionen-Dächer-Programm ein verbindliches Signal an die Hersteller senden und in der EU zur Nachahmung animieren.

Wohlgemerkt: All dies ist kein Aufruf zu solarem Protektionismus. Der Markt ist groß genug für alle, schließlich wird PV innerhalb der nächsten beiden Jahrzehnte mit – je nach Prognose – mehr als 3000 oder sogar mehr als 4000 GW installierter Kapazität zum global wichtigsten Energieträger avancieren. Die Wertschöpfung in diesem für die Energiewende und Dekarbonisierung so entscheidenden Wachstumsmarkt global besser auszutarieren, ist insofern wirtschaftlich, politisch und ökologisch nicht nur legitim, sondern ein Gebot der Vernunft.

So viel steht fest: Die Chancen, die mit dem Wiederaufbau einer resilienten und nachhaltigen solaren Wertschöpfung in Europa einhergehen, stellen die absehbaren Folgen eines „Weiter so“ klar in den Schatten. Ein koordinierter europäischer Vorstoß, der sich auf das Knowhow und die Leistungsfähigkeit seiner Solarunternehmen und Forschungspartner stützen kann, könnte zum entscheidenden Baustein für die grüne Transformation unseres Wirtschaftsraumes werden.

 


Gunter Erfurt ist Vorstandschef des Schweizer Solartechnologieherstellers Meyer Burger. Christian Müller ist Deutschland-CEO des von der Europäischen Union finanzierten Climate-Tech-Investors EIT InnoEnergy.