KolumneDie lange Durststrecke der Lufthansa

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Eines kann man über die Lufthansa mit Sicherheit sagen: Sie wird auch diese Krise überleben – genauso wie vorher die heftigen Umsatzeinbrüche nach den Terroranschlägen in New York am 11. September 2001 oder nach der Finanzkrise von 2008. Die deutsche Fluggesellschaft gehört zur nationalen Infrastruktur, sie kann nicht pleitegehen. Der Weg zurück zur alten Größe aber kann noch sehr dornig werden. Wer als Aktionär jetzt bei der Lufthansa einsteigt, braucht also einen sehr langen Atem – und die Bereitschaft, in den nächsten Monaten viele schlechte Nachrichten zu verdauen. Und mit einen hohen Risiko zu leben.

Kein anderer Dax-30-Konzern muss in diesen Wochen einen so starken Geschäftsrückgang verdauen wie die Lufthansa. Und anders als fast alle anderen großen Unternehmen kann die Fluggesellschaft auch nicht mit der berühmten V-förmigen Erholung nach dem Ende der akuten Corona-Krise rechnen: Wer in diesen Monaten nicht fliegt, der fliegt auch nach dem Ende der Reisesperren nicht plötzlich doppelt und dreifach. Der Umsatz, der jetzt wegbricht, kommt also nicht mit Zeitverzögerung doch noch wie möglicherweise in der ebenfalls gebeutelten Autobranche.

Lufthansa Aktie

Lufthansa Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Hinzu kommt: Die Zurückhaltung der Privatreisenden dürfte noch weit ins nächste Jahr, möglicherweise sogar darüber hinaus anhalten. Erst wenn sich die Menschen wieder völlig sicher fühlen, brechen sie wieder in ferne Länder auf – dann allerdings möglicherweise mit verstärkter Lust am Reisen. Doch das kann dauern.

Lufthansa braucht Hilfe

Lufthansa-Chef Carsten Spohr kann also vorläufig nur dreierlei tun: die Kosten so schnell wie möglich weiter senken, die Restliquidität so gut wie irgend möglich zusammenhalten und den Konzern erst einmal massiv verkleinern. Die gerade verkündete Schließung der Konzern-Tochter Germanwings ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Aber weitere müssen folgen.

Das alles aber reicht nicht. Aus eigener Kraft kann die Lufthansa die Krise nicht überleben. Sie braucht neues Kapital – und kann es sich nach Lage der Dinge kaum auf dem Finanzmarkt besorgen. Bleibt nur der Bund als Retter in der Not. Mit der Regierung laufen bereits seit Tagen intensive Gespräche, wie man lesen konnte. Fraglich bleibt nur die Form der Staatshilfe. Die milde Variante lautet: Der Bund beteiligt sich über eine ganz normale Kapitalerhöhung an der Lufthansa, bleibt einige Jahre als Aktionär dabei und verkauft seinen Anteil in einigen Jahren wieder mit Gewinn.

Theoretisch aber gibt es auch andere Möglichkeiten – bis hin zur Verstaatlichung ohne Rücksicht auf die privaten Aktionäre. Der Kurs der Lufthansa-Aktie ist seit dem 19. Februar bereits um die Hälfte gesunken. Viele spekulative Investoren setzen deshalb auf das Aufwärtspotenzial der Aktie. Aber man sollte nicht vergessen: Es kann auch noch viel weiter nach unten gehen.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.