KolumneDie Bewährungsprobe für Biontech

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Noch nie hat eine deutsche Pharmafirma in so kurzer Zeit so viel Markenkapital angesammelt wie Biontech. Mit seinem Impfstoff ist das Mainzer Unternehmen in der Corona-Pandemie auf der ganzen Welt zum Haushaltsnamen geworden. Anders als AstraZeneca produziert Biontech keine Negativnachrichten. Die rasant steigenden Umsätze katapultieren die Firma in diesem Jahr in der Rangliste der größten deutschen Pharmakonzerne auf Platz 3. Der Aktienkurs hat sich seit dem Start an der New Yorker Technologiebörse Nasdaq vor 18 Monaten versechsfacht. Die Hauptkonkurrenten – Moderna in den USA und erst recht Curevac in Deutschland – fallen im Rennen zurück. Besser könnte es gar nicht laufen für Biontech als jetzt.

Die große Bewährungsprobe für Biontech kommt wahrscheinlich erst 2023. Dann muss sich zeigen, ob die Mainzer Forscher ihren Vorsprung in der sogenannten mRNA-Technologie halten können. Der jetzige Impfstoffpartner Pfizer könnte dann mit dem erworbenen Wissen aus der Zusammenarbeit den Alleingang wagen. Der größte amerikanische Pharmakonzern verfügt über nahezu unbegrenzte Finanzmittel, um eigene Medikamente zu entwickeln. Hinzu kommt: Auf Dauer kann Biontech mit Vakzinen allein nicht genug Geld verdienen. Normalerweise gilt das Impfgeschäft als wenig lukrativ. Die jetzige Pandemie ist ein absoluter Ausnahmefall.

Spätestens 2023 könnte sich Biontech deshalb wieder auf das ursprüngliche Ziel konzentrieren: mit der mRNA-Technologie maßgeschneiderte Krebsmedikamente zu entwickeln. Ein ganzes Dutzend möglicher Anwendungen befindet sich gegenwärtig weltweit in klinischen Tests. Sollte sich die mRNA-Technologie auch auf diesem Gebiet bewähren, ändern sich langfristig wahrscheinlich sehr viele Therapien in der Onkologie – und Biontech könnte zu einem der größten Pharmakonzerne der Welt aufsteigen. Die Produktion von Vakzinen wäre dann nur noch so etwas die eine „Cash-Cow“ für die Übergangszeit.

Wird Biontech zum Übernahmeziel?

Biontech und der Wettbewerber Moderna in den USA haben sich einen ziemlich großen Vorsprung in der Forschung auf diesem Gebiet erarbeitet und erwerben zugleich durch die Herstellung der Vakzine viel schneller als gedacht das notwendige Know-how für die Massenproduktion von Medikamenten. Die meisten etablierten Pharmakonzerne haben die Entwicklung verschlafen – und wachen jetzt auf. Sie sind fest entschlossen, das Feld nicht den ehemaligen Start-ups zu überlassen. Viele Großkonzerne dürften versuchen, das mRNA-Wissen einzukaufen. Bayer geht bereits diesen Weg. Und Pfizer dürfte das versuchen, was in der Vergangenheit immer wieder die bevorzugte Methode der Amerikaner war: kleinere Konkurrenten zu übernehmen.

Die Mehrheitsaktionäre von Biontech – die Gebrüder Strüngmann – wollen nach ihren bisherigen Erklärungen auf keinen Fall verkaufen. Sie träumen von einem eigenen großen integrierten Pharmakonzern, der die ganze Branche aufmischt. Moderna könnte eher zum Übernahmeziel werden. Auf jeden Fall werden die Karten ab 2023 neu gemischt, vielleicht auch bereits etwas früher. Die Pharmabranche steht vor der vielleicht spannendsten Veränderungszeit der letzten Jahrzehnte.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.