KommentarDie Kapitulation der Märkte

Eine Frau mit Atemmaske steht vor der Mailänder Börse
Eine Frau mit Atemmaske steht vor der Mailänder Börsedpa

Schwarze Tage an den Börsen werden derzeit von noch schwärzeren abgelöst.
Meldungen über die Ausbreitung der Corona-Krise und Abwehrmaßnahmen hören wir wie den Paukenschlag auf einer Galeere: ein Crash am Ölmarkt, Aktienmärkte mit zeitweise bis zu zwölf Prozent Tagesverlust, Rekordeinbrüche an Europas Börsen, Italien ein Sperrgebiet, Österreich riegelt Grenzen ab, Einreisesperre der USA für Europäer, Dänemark schließt Schulen, Kitas und Behörden, immer mehr Städte verbieten Großveranstaltungen, andere schließen Theater, Konzerte, Bars, Fußballspiele ohne Zuschauer in der Bundesliga, verpuffte Rettungspakete von Notenbanken … man könnte so fortfahren und irgendwann fragen, ob das eine absurde Netflix-Serie werden soll oder die Realität ist.

Es ist der Alltag im Ausnahmezustand. Eine Krise, die keiner bemessen kann. Ein Schock, der in engen Stromschlägen durch unser System jagt.

Viele von Ihnen habe sicher Sorgen, in ihrem Alltag, im Job, um Ihr Unternehmen, um ihre Gesundheit. Wir widmen uns hier vor allem dem Thema Vermögen, den Finanzmärkten, die außer Kontrolle sind. Was tun? Doch noch verkaufen? Oder jetzt einsteigen? Nun, das dachten viele schon vergangene Woche und die sitzen jetzt auf tiefroten Zahlen.

Zunächst: Es klingt ein wenig simpel und wenig beruhigend, wenn man sagt, dass Panik ein schlechter Ratgeber sei. Natürlich haben viele Panik, ist doch klar. Es ist verständlich, dass abstrakte Verweise auf langfristige Renditen am Aktienmarkt über zehn,15 oder 20 Jahre derzeit vor allem eines sind: ziemlich abstrakt (auch wenn sie richtig bleiben).

Die Lage bleibt fragil, unsicher und unübersichtlich

Die Märkte schwanken in einer extremen Bandbreite, und deshalb bleibt die Lage fragil, unsicher und unübersichtlich. Nur eines scheint klar: Es ist viel zu früh, beherzt einzusteigen – „to buy the dip“, wie die Amerikaner sagen. Wenn Indizes zwischenzeitlich wieder Gewinne verzeichnen, wäre es falsch, von einer Stabilisierung zu sprechen oder gar einer Erholung.

Warten Sie lieber noch ab, welche Länder zu Sperrgebieten werden, wie schnell die Zahl der Infizierten steigt und wo noch überall das öffentliche Leben eine Zwangspause bekommt. Es geht derzeit um mehr als um Renditen und den richtigen Zeitpunkt. Es geht darum, den weiteren Zusammenbruch des öffentlichen Systems zu verhindern, der Mobilität, der Warenströme, des sozialen Lebens.

Hinzu kommt: Den Markt kann man als privater Anleger eh schwer timen, derzeit greift man in das berühmte fallende Messer. „Was als ein Abbau von Risiken wegen des Virus begonnen hat, ist zu einer breit angelegten Kapitulation vieler Anlageklassen geworden“, sagte dieser Tage Paul O‘Connor von Janus Henderson Investors.

Deshalb sind auch Hinweise, die man in manchen Mails von Robo Advisorn liest (die ihren ersten großen Härtetest haben, wie gut ihre Algorithmen wirklich sind), derzeit wenig hilfreich: Sie schreiben sinngemäß, dass solche Rückschläge nichts Ungewöhnliches seien, weil sie in den vergangenen 20 Jahren einige Male vorgekommen sind. Stimmt, wenn man auf die Prozente schaut.

„Keiner hat einen Informationsvorsprung bei diesem Virus“

Aber natürlich ist das, was wir derzeit in den Märkten erleben, ungewöhnlich, ja außergewöhnlich. Man muss dazu nicht nur auf den MSCI World, den S&P 500 oder den DAX schauen – sondern vor allem auch auf die Renditen von US-Bundesanleihen. 10-jährige Papiere notierten zeitweise bei 0,57 Basispunkten und verzeichnen historische Tiefs. Die Lage bleibt hoch volatil, weil der Markt die Gefahr, die von dem Virus ausgeht, noch nicht bepreisen kann. „Keiner hat einen Informationsvorsprung bei diesem Virus“, sagte Michael Arone, Chefanlagestratege von State Street Global Advisors der „Financial Times“.

Wir wissen derzeit nur: Das Virus verbreitet sich schneller als erwartet. Die Maßnahmen werden drakonischer, unvorstellbarer. Wenn noch mehr Länder sich abriegeln müssen wie Italien oder China und per Dekret das soziale Leben einschränken, steigt die Wahrscheinlichkeit einer globalen Rezession. Für Deutschland halten die meisten Ökonomen eine Rezession im ersten Halbjahr für ausgemacht – in seltener Einheit haben diese Woche die Köpfe der wichtigsten Institute in Berlin erklärt, wie ernst die Lage ist. Und die Kanzlerin hat es verstanden: Man werde tun, was nötig ist. Eine Variante von „Whatever It Takes“.

Checken Sie den Wert Ihres Hauses jeden Tag?

Halten Sie ihr Pulver also lieber trocken – werfen Sie aber ihre Strategie, die sie vor einigen Jahren mal beschlossen haben, nicht über den Haufen. Panisch verkaufen wäre falsch – auch wenn Panik nachvollziehbar ist. Selbst wenn Sie viele rote Zahlen in Ihrem Depot sehen: Das sind keine Verluste, sondern erst mal nur Wertminderungen. Könnten Sie jeden Tag den Wert Ihres Hauses in der App checken, würde man auch ins Grübeln kommen. Tut man aber nicht, weil eine Immobilie ein Investment für 30 Jahre oder das ganze Leben ist.

Für viele Anleger werden jetzt die Wertzuwächse der vergangenen Jahre verloren sein, aber solange sie die Papiere nicht verkaufen, ist es kein Verlust. Wer erst vor einigen Jahren mit Aktien begonnen hat, für den wird dieser Crash der erste große Härtetest, was für ein Typ er oder sie wirklich ist – und nicht nur auf dem Papier und in der Theorie. Und er oder sie wird das erste Mal verstehen, was die Idee von Sparplänen ist: Man lässt sie laufen. In guten wie in schlechten Zeiten.

Wenn Ihnen ein kluger Freund erzählt, dass er Ende Februar „alles verkauft“ hat, dann beglückwünschen Sie ihn – dann lag er halt mal richtig. Sie werden sicher auch Freunde haben, sie so klug und vorausschauend waren, vor zehn Jahren Aktien von Amazon oder Apple zu kaufen. Man hört immer nur die Erfolgsgeschichten, aber aus der Nachahmung von Geschichten wird noch keine Strategie.