Umweltschutz Deutsche Firmen im Visier aktivistischer Hedgefonds

RWE-Kraftwerk Niederaußem. Einer der Investoren des Konzerns, Enkraft Capital, fordert eine schnelle Abspaltung der Braunkohle-Einheit
RWE-Kraftwerk Niederaußem. Einer der Investoren des Konzerns, Enkraft Capital, fordert eine schnelle Abspaltung der Braunkohle-Einheit
© Jochen Tack / IMAGO
Aktivistische Investoren mischen sich die Unternehmenspolitik ein und setzen sich dort auch für mehr Nachhaltigkeit ein. Seit 2021 haben sie zunehmend deutsche Unternehmen im Blick, zeigt eine Analyse

Investoren, die Einfluss nehmen wollen, haben zurzeit deutsche Firmen besonders im Visier – und fordern von ihnen immer öfter mehr Klimaschutz. Das zeigt eine aktuelle Analyse des Beratungsunternehmens Alvarez & Marsal . Bei den sogenannten aktivistischen Hedgefonds hatte die Corona-Krise zuletzt für Zurückhaltung gesorgt, doch die ist demnach vorbei.

Zehn deutsche Unternehmen sieht Alvarez & Marsal in den nächsten zwölf Monaten in der Gefahr solcher Versuche der Einflussnahme – ein deutlicher Anstieg im Vergleich zum Frühjahr. Damit verdrängt Deutschland Frankreich von Platz zwei der analysierten europäischen Länder und Regionen. Großbritannien bleibt dabei das Hauptangriffsziel der einflussnehmenden Investoren; dort stehen gleich 21 Unternehmen auf der „Roten Liste“, in ganz Europa 58.

Welche Firmen voraussichtlich ins Visier von Hedgefonds geraten, verraten die Berater nicht. Mehr als 1600 börsennotierte Unternehmen in Europa untersuchten sie auf den Einfluss durch Investoren. Das größte Risiko für solche Attacken hat demnach die Industrie, die besonders im Umbruch steckt.

Post, die Druck aufbauen soll

Viele Unternehmen bekamen in den vergangenen Monaten Post, wie das „Handelsblatt“ berichtet, die RWE-Führung zum Beispiel von Enkraft Capital. Der Investor sieht demnach im Kohle-Geschäft ein hohes Risiko und fordert eine schnelle Abspaltung der Braunkohle-Einheit. Davon verspricht er sich beinahe eine Verdopplung der Marktkapitalisierung von RWE. Bei Shell verlangt unterdessen der US-Hedgefonds Third Point eine Aufspaltung in einen Teil für den alten Geschäftsbereich des Ölkonzerns und einen Teil für erneuerbare Energien. Druck wird nicht nur per Post oder in Gesprächen aufgebaut, sondern auch über öffentliche Kampagnen.

Umwelt- und sozialbezogene Angriffe nehmen dabei schon seit drei Jahren zu, wie es in der Analyse heißt. Befeuert wird der Aktivismus in Bezug auf Umwelt und Soziales demnach durch einen breiteren Fokus der Aktionäre, staatliche Eingriffe und vor allem durch die öffentliche Meinung. „Das Potenzial für Imageschäden und daraus resultierende finanzielle Schäden war noch nie so hoch“, schreiben die Berater – genauso wie die Chancen für Unternehmen, die in den Bereichen vorangehen.

Investments in deutsche Firmen werden länger gehalten

Die aktivistischen Anleger nähmen zudem immer größere Unternehmen in den Blick. Außerdem steige die Dauer der Investments; zum einen um die Renditen zu erhöhen, zum anderen wachse dadurch ihre Akzeptanz und Glaubwürdigkeit bei den Unternehmen und anderen Investoren. Aktivistische Investitionen in deutsche Unternehmen werden laut der Analyse mit zuletzt durchschnittlich 794 Tagen deutlich länger gehalten als im europäischen Schnitt, nämlich um satte 50 Prozent.

Auch mit kleinen Anteilen können die Investoren große Wirkung entfalten. Engine No. 1 etwa verlangt von Exxon Mobil mehr Klimaschutz. Mit nur 0,02 Prozent Anteilsbesitz gelang es dem Aktivisten laut „Handelsblatt“, auf der Aktionärsversammlung zwei neue Mitglieder in den Verwaltungsrat wählen zu lassen, unterstützt von Pensionsfonds. Zum Teil scheitern aber solche Versuche natürlich auch. So setzte der britische Hedgefonds Petrus Advisers bei der deutschen Aareal Bank der Zeitung zufolge zwar die Abwahl von drei Aufsichtsräten durch, nicht aber die eigenen Kandidaten.

Durch solche Kampagnen aktivistischer Investoren dürfte sich nicht nur der Druck auf die Unternehmen zu mehr Klimaschutz verstärken, sondern auch der Trend zum Abtrennen von Unternehmensteilen. Doch die Forderungen der ungewöhnlichen Anleger können Firmenchefs auch helfen – mit dem wertvollen Blick durch die Investoren-Brille.

Der Beitrag ist zuerst erschienen auf ntv.de


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