Western von gesternDer russische Volkswagen

Der Schwede Bo Andersson war der vorerst letzte Sanierer bei Awtowas
Der Schwede Bo Andersson war der vorerst letzte Sanierer bei Awtowas
© Illustration: Jindrich Novotny / Foto: Imago

So viel Aufmerksamkeit wie gerade hatte Lada schon lange nicht mehr. Da ist der geklaute blaue Lada Niva, der im Film „Tschick“ die wichtigste Nebenrolle spielt. Demnächst hat aber auch der Vesta deutsche Premiere – das erste wirklich neue Exportmodell aus Russland seit Jahrzehnten. Entstanden ist es unter der Regie Renault-Nissans, sein Basispreis soll unter 10 000 Euro liegen.

Für die Franzosen steht einiges auf dem Spiel. Kurz vor dem Weltfinanzcrash hatten sie sich eine Beteiligung am Awtowas-Konzern erkämpft, dem Hersteller der Marke Lada. Statt des erhofften Geschäfts gab es aber bisher vor allem Ärger.

Lada: Das ist seit inzwischen einem halben Jahrhundert die Geschichte großer Träume und ernüchternder Realität. Weil die Sowjetunion keine moderne Autoindustrie hatte, suchte sie Mitte der 60er-Jahre einen Partner im Westen. Bereits damals ging Renault mit ins Rennen, doch den Zuschlag erhielt 1966 Fiat – auch dank guter Drähte der italienischen Kommunisten nach Moskau.

Wolfsburg an der Wolga

Im Eiltempo baute Awtowas eine Art Wolfsburg an der Wolga, eine riesige neue Autostadt, benannt nach dem italienischen KP-Führer Tolgiatti. Ab 1970 lief dort der Nachbau eines betont kantigen Modells vom Band, das immerhin 1967 Europas „Auto des Jahres“ gewesen war. Die russisch-robuste Variante des Fiat 124 wurde in der Sowjetunion als Schiguli, später im Ausland als Lada verkauft. Im realen Sozialismus waren die Wagen heiß begehrt.

Fiat erhielt im Gegenzug große Mengen an sowjetischem Stahl – der sich allerdings als katastrophal rostanfällig erwies. Das Ende der Sowjetunion traf die Fabriken hart, Toljatti wurde zur berüchtigten Mafiametropole. Der Fortschritt bei Awtowas blieb gering, noch bis nach der Jahrtausendwende basierten die Modelle auf der alten Fiat-Vorlage.

Im Boom der 2000er kämpften Westkonzerne dann aber erneut um einen Einstieg bei Awtowas. 2007 setzte sich Renault durch und wurde Minderheitseigner. Der Chef Carlos Ghosn hatte große Pläne: Renault, Nissan und Awtowas sollten gemeinsam rund 40 Prozent des russischen Markts beherrschen und international an Gewicht gewinnen. Doch die Krisen rissen nicht ab, Renault-Nissan musste Geld nachschießen und wurde 2012 Mehrheitseigner.

Zuletzt sanierte der Schwede Bo Andersson die Fabriken. Allerdings machte er sich dabei so viele Feinde, dass er im April als Awtowas-Chef abtreten musste.

Hauptperson

Bo Andersson, 61, sammelte viel Erfahrung als Automanager bei GM und im russischen Gaz-Konzern. 2013 wurde er als erster Ausländer Chef von Awtowas. Der Ex-Offizier griff hart durch, strich die Zahl der Beschäftigten von 70.000 auf 44.000 zusammen. Aus Qualitätsgründen ließ er das neue Modell Vesta nicht in Toljatti, sondern am Standort Ischewsk bauen. In diesem Frühjahr musste er gehen – offiziell, weil die Verluste weiter steigen. 2015 machte Awtowas gut 1 Mrd. Dollar Miese.

 

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