Interview„Der öffentliche Nah- und Fernverkehr ist der große Verlierer“

Der Nah- und Fernverkehr ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Verkehrswende. In der Pandemie hat sich die Anzahl an Fahrgästen allerdings halbiert
Der Nah- und Fernverkehr ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Verkehrswende. In der Pandemie hat sich die Anzahl an Fahrgästen allerdings halbiertIMAGO / photothek


Andreas Knie ist Sozialwissenschaftler am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und Professor für Soziologie an der TU Berlin


Große Sprünge sind noch nicht erlaubt, aber die Straßen, die U- und S-Bahnen – zumindest in Berlin – sind voll. Sind wir im Alltag schon wieder so mobil wie vor der Pandemie?

ANDREAS KNIE: Der Eindruck in der Großstadt täuscht. Die Mobilität ist längst noch nicht so wie vor der Pandemie. Richtig ist aber: Es gibt wieder mehr Bewegung. Der Teil-Lockdown ab Herbst ist anders. Der totale Lockdown im Frühjahr war viel massiver, weil Geschäfte, Betriebe, Unis und Schulen geschlossen waren. In dieser Phase waren etwa zwei Drittel der Beschäftigten in Kurzarbeit oder im Homeoffice. Im Teil-Lockdown ist es jetzt nur noch ein Drittel. Umgekehrt heißt das: Zwei Drittel bewegen sich, und das sieht man natürlich auch.

Subjektive und objektive Wahrnehmung weichen häufig voneinander ab. Können Sie beziffern, wie unbeweglich wir in der harten Lockdown-Phase geworden sind?

Am Anfang der Corona-Einschränkungen hatten wir eine sehr kompakte Struktur. In der Zeit ist unser Bewegungsradius um ein Drittel unserer üblichen Wege von vor der Pandemie zusammengeschrumpft.

Und jetzt?

Im ersten Quartal 2021 sehen wir wie gesagt einen Anstieg der Verkehrsmenge, aber es fehlen beispielsweise immer noch die Bewegungen der meisten Geschäftsreisenden, von Studierenden und Touristen zum Beispiel, die vorher in den Zahlen stark zu Buche geschlagen sind. Außerdem sind 20 Prozent der Menschen noch dauerhaft im Homeoffice oder in Kurzarbeit. Das heißt, wir haben immer noch weniger arbeitsplatzbezogenen Verkehr. Zum Ende des Quartals rechnen wir damit, dass unsere Mobilität – alle Verkehrsmittel zusammengerechnet: Fernzüge, Flugverkehr im Inland, Eisenbahn und alle Auto- und Fahrt-bezogenen Wege – grob ein Fünftel unterhalb des Niveaus von 2019 liegen wird.

Und was waren im vergangenen Jahr die Verkehrsmittel der ersten Wahl?

In der ersten harten Lockdown-Phase haben wir die Hälfte mit den Füßen und dem Fahrrad zurückgelegt. Den Rest mit dem Auto. Das Auto blieb die ganze Zeit auf hohem Niveau. Im Sommer kam es zu einer sehr autofixierten Urlaubsplanung. Viel mehr Menschen als vorher sind mit dem Auto in die Ferien gefahren. Die Zahl der Autofahrten ist nahezu explodiert. Die deutsche Küste und die Berge waren voller Autos, weil die Menschen sich gesagt haben, ich fliege nicht.

Die Deutsche Bahn war offensichtlich keine Alternative …

Nein. 2020 hatten wir weder nennenswerten Flug- noch nennenswerten Fernverkehr. Die Fernbahn hatte nur noch ein Fünftel ihres ursprünglichen Verkehrsvolumens. Die Mobilitätsverlierer in der Pandemie sind klar die Bahn, das Flugzeug und der öffentliche Nahverkehr. Hier sind die Zahlen der touristischen und beruflichen Fahrten katastrophal eingebrochen.

Ist das der Beginn einer neuen Mobilitäts-Ära?

Was ich bemerkenswert finde, gerade für uns hier in Berlin, ist, dass wir zwischendurch einen Flughafen eröffnet haben, aber keinen nennenswerten Flugverkehr haben. Die Flughafenbetreiber und Airlines sagen sehr vorsichtig, dass sie in etwa fünf Jahren das alte Volumen wieder erreicht haben. Wir Forscher sagen, innerdeutsch werden wir das alte Volumen nie wieder erreichen.

Ein Wunschszenario der Umweltschützer, mit dem keiner rechnen konnte. Trotzdem hören sich Ihre Beschreibungen eher nach einem Abgesang auf die Verkehrswende an.

Das Bild ist gemischt. Die gute Nachricht ist: Die Füße und das Fahrrad sind seit einem Jahr stärker am Verkehr beteiligt. Insbesondere für die großen Städte gilt, es gibt deutlich mehr Fahrradverkehr. In Berlin hat die Pandemie die Verkehrswende sehr beschleunigt. Sie hat den Senat gezwungen, endlich Dinge zu machen, die er lange geplant, aber nicht gemacht hat. Man hat Parkstreifen eingespart und Fahrradwege aufgemalt. Das ist eine klare Beschleunigung der Verkehrswende. Das ist jedoch auch fast das einzig Positive, das man feststellen kann. Die schlechte Nachricht ist: Das Auto als Fortbewegungsmittel bleibt die ganze Zeit auf hohem Niveau. Immerhin, und das ist ein ganz wichtiger Befund in der Pandemie, haben die Menschen nicht mehr Autos gekauft. Bis auf den Dezember, als der Mehrwertsteueranreiz auslief, wurden im Jahr 2020 40 Prozent weniger Neuwagen zugelassen. Der Gebrauchtwagenmarkt stagniert. Kontraproduktiv für die Verkehrswende ist wiederum – und das sehen Sie zum Beispiel auch wieder in Berlin sehr gut – der rasante Rückgang des öffentlichen Verkehrs. Inklusive der Fernbahn macht er nicht einmal ein Fünftel dessen aus, was wir vor der Pandemie hatten.

Kann man schon sagen, ob sich das Mobilitätsverhalten dauerhaft verändern wird? Viele Menschen wollen gerne so leben und sich bewegen wie vorher. In dem Fall bliebe alles beim Alten.

Grundsätzlich ist das richtig, das waren Zwangsmaßnahmen im Lockdown, das hat keiner von uns freiwillig gemacht. Das heißt, eine große Menge an Beweglichkeit werden wir uns wiederholen. Deshalb sind die Menschen ja auch schon im Sommer 2020 wieder vermehrt in den Urlaub gefahren. Immerhin sind sie dabei kaum geflogen!

Versuchen wir es auf den Punkt zu bringen: Verändert sich unsere Mobilität dauerhaft durch die Corona-Krise oder nicht? Und wird das zum Besseren oder zum Schlechteren sein? 

Eins kann man mit relativer Sicherheit sagen: Alles, was mit Arbeit zu tun hat, wird anders sein. Homeoffice wird ein fester Bestandteil des Alltags bleiben. Unserer Ansicht nach werden wir nach der Pandemie nur noch 70 Prozent der arbeitsplatzbezogenen Wege haben, das ist 30 Prozent weniger als vor der Pandemie. Das entschärft Verkehrsspitzen und das entschärft das Pendlerwesen. NRW, ein permanentes Stauland, wird davon deutlich profitieren. Wir wissen von großen Firmen wie Bahn, Telekom, Siemens, dass sie mehr Zoom und Teams für ihre Sitzungen auch in Zukunft nutzen werden. Die Bundesministerien haben ihre Flüge zwischen Bonn und Berlin deutlich reduziert. Das andere, was sich ändern wird, ist, dass sich das innerdeutsche Flugaufkommen nicht ansatzweise dem wieder annähern wird, was wir hatten. Und das liegt daran, dass die Leute sehen, dass man gut leben kann, ohne zwischen Hamburg und München hin- und herzufliegen. Wenn wir irgendwo einen Bewusstseinswandel durch die Corona-Krise verstärkt sehen können, dann ist es im innerdeutschen Flugverkehr.

Das ist eine positive Veränderung. Aber wird sich der Bahn- und der öffentliche Nahverkehr vom Corona-Schock wieder erholen?

Der öffentliche Nah- und Fernverkehr ist der ganz große Verlierer, die auch nicht mehr in alter Stärke zurückkommen werden. Wir wollten ihren Anteil von 15 auf 30 Prozent verdoppeln. Stattdessen wurde der Anteil jetzt halbiert. Wir sind bei acht Prozent. Dass wir die ursprünglichen Steigerungen schaffen, scheint im Moment völlig utopisch. Das ist die wirklich schlechte Nachricht für die Verkehrswende. Zumindest der öffentliche Nahverkehr wird sich etwas erholen, wenn die Millionen Touristen zurückkommen. Freizeit und Tourismus machen immerhin 30 bis 40 Prozent des Verkehrs insgesamt aus. Der fehlt jetzt, aber der wird zurückkommen.

Kreative Ideen im Verkehrswesen waren in der Corona-Krise offenbar Mangelware. Begegnet sind sie einem zumindest nicht.

Wenn sie mich fragen: Wie ist der Nahverkehr durch die Krise gekommen? Was hat er denn Neues gemacht oder sich einfallen lassen? Dann muss ich Ihnen sagen: gar nichts! Die Innovationseffekte in der Pandemie im Nah- und Fernverkehr sind gleich null. In Berlin werden flächendeckend und täglich die Fahrscheine kontrolliert, das Reservierungssystem knubbelt die Menschen immer noch ganz dicht in ansonsten leeren Zügen. Ein flexibles Pandemie-Ticket gibt es immer noch nicht, vielleicht im August.

Man sagt ja, Krisen seien auch eine Chance. Was Sie sagen, ist, dass die Pandemie eher lähmt …

Wenn Sie mich als Soziologen fragen, liegt die Pandemie ein bisschen wie Mehltau auf uns. Sie lähmt unsere Kreativität und unser Gefühl. Die Stimmung ist generell schlecht. Die Grundattitüde ist, man geht in Sack und Asche. Es gibt keine Freude. Für einen Innovationsschub hat die Krise bisher auf jeden Fall nicht gesorgt.

Das Interview ist zuerst erschienen auf ntv.de