KolumneDas Trio Infernale und der Fall Tönnies

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Für ein Monatssalär von 10.000 Euro plus Spesen war der ehemalige SPD-Chef also ein Vierteljahr für einen Großschlachter im Einsatz, der mit der Einhaltung von Recht und Gesetz in seinen Fabriken mehr als hemdsärmlich umgeht. In der Öffentlichkeit erregen sich die einen nun über den Fall an sich: Wie konnte Sigmar Gabriel sich nur als Berater einer so zwielichtigen Figur verdingen? Die anderen halten sein Salär für viel zu hoch. Und die dritten bekritteln die Chuzpe, mit der Gabriel auf die Causa reagiert.

All das kann man allerdings mit kühlem Kopf auch anders sehen: Clemens Tönnies braucht wirklich dringend Berater, auf die er vielleicht ausnahmsweise mal hört. Warum nicht Gabriel, der über kein politisches Amt mehr verfügt, sondern nun in den nächsten Jahren vor allem Geld verdienen will? Und das Honorar ist auch nicht so üppig, wie die Neider in seiner Partei es hinstellen. Über solche Summen kann zum Beispiel Gerhard Schröder nur lachen.

Wirklich anrüchig an dem Fall ist etwas ganz anderes: Gabriel war ja nicht als PR-Berater in Diensten des Großschlachters und auch nicht mit dem Auftrag, Tönnies ansonsten in der Corona-Krise zu helfen. Der frühere Bundesaußenminister sollte dem Großschlachter mit seinen amtlich erworbenen Kontakten beim Verkauf von Schweinefüßen und Speckschwarten nach China unter die Arme greifen. Gerade zwei Jahre sind nach seinem Abschied aus dem Amt vergangen – und schon stürzt sich der ehemalige Minister ins Geschäft mit einem Regime, das in diesen Wochen weltweit als Übeltäter aller Art in der Kritik steht. Das ist der eigentliche Skandal.

Eine Art private Nebenaußenpolitik

Gabriel ist nicht der erste Politpensionär aus den Reihen der SPD, der vor allem im China-Geschäft hohe Honorare erwarten kann. Sein Vorbild Gerhard Schröder, der bei uns vor allem als Sprachrohr Wladimir Putins auffällt, sieht die Volksrepublik offenbar als zweites Standbein. Und für den ehemaligen Verteidigungsminister Rudolf Scharping ist die unermüdliche Vermittlungstätigkeit zwischen China und Deutschland in den letzten Jahren sogar zur Haupteinnahmequelle geworden. Drei ehemalige SPD-Chefs als allseits bereite Ansprechpartner der kommunistischen Führung in Peking – alle Achtung für Xi Jinping! Ein durchaus gewaltiger Erfolg der sogenannten Einheitsfrontpolitik, mit der sich China Einfluss im Westen erkauft. Aus deutscher Sicht aber das Trio Infernale einer Art privater Nebenaußenpolitik.

Die Wahrheit ist: Deutsche Politpensionäre verfügen generell über keinen sonderlich hohen Marktwert auf internationalem Parkett. Kein amerikanischer Konzern käme auf die Idee, Gerhard Schröder zum Chairman zu machen wie bei Rosneft in Russland. Und die britische Regierung würde Rudolf Scharping wohl auch nicht mit Glanz und Gloria als „alten Freund“ hofieren, wie es die Chinesen tun. Und obwohl Gabriel sogar an der Spitze der deutsch-amerikanischen Atlantik-Brücke steht, braucht man ihn in den bilateralen Wirtschaftsbeziehungen nicht wirklich als Türöffner. Wertvoll sind die ehemaligen Politiker nur für die Diktatoren dieser Welt – vor allem die Chinesen.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.