Die Höhle der Löwen Bildungs-Revolution: Eine Schule für die Welt von morgen

Sabrina Heimig-Schloemer
Sabrina Heimig-Schloemer
© Marcel Maffei
Die Berliner Unternehmerin Sabrina Heimig-Schloemer hat in Berlin eine neuartige Schule ins Leben gerufen: Kinder sollen sich mit Meditation, gemeinsamen Kochen und Projekten anders entwickeln – und für die Welt von morgen vorbereitet werden

2015 von Sabrina Heimig-Schloemer eröffnet, hat die Privatschule ihren Sitz im Ostberliner Ortsteil Alt-Treptow. Kinder ab dem elften Lebensjahr können sich mit Projektideen um Aufnahme bewerben. Die New School ist staatlich anerkannt, sodass Schüler den mittleren Schulabschluss erwerben können. Die Kosten sind nach dem Gehalt der Eltern gestaffelt und liegen pro Kind bei mindestens 100 Euro, maximal 1200 Euro im Monat. „Aber den Satz zahlt hier niemand“, sagt Heimig-Schloemer.

Frau Heimig-Schloemer, Sie haben die New School eröffnet. Dabei sind Sie keine Pädagogin.

SABRINA HEIMIG-SCHLOEMER: In der Tat. Um genau zu sein, haben wir sogar extra Wert darauf gelegt, dass wir keine Pädagogen dabei hatten.

Ungewöhnlich für eine Schule.

Pädagogen wissen immer ganz genau, was alles nicht geht. Gerade das wollten wir nicht. Ich selbst bin gelernte Industriekauffrau, habe im Vertrieb gearbeitet. Mein Mann und ich haben Immobilien entwickelt und in Start-ups investiert. Danach eröffneten wir den Start-up-Campus Factory, später einen zweiten Standort. Dort ist mittlerweile auch die New School. Unser Lebensweg hat uns gezeigt, dass vor allem ein gutes Netzwerk wichtig ist, um voranzukommen und sich zu entfalten. Das sollen bei uns schon die Kinder lernen.

Das heißt: Projektarbeit statt klassische Fächer.

Moment, wir unterrichten auch Deutsch, Englisch, Mathe – lesen, schreiben, Grundrechenarten, das muss man draufhaben.

Und davon abgesehen?

Am wichtigsten ist uns, dass die Kinder lernen, aus allen Angeboten ihr Wissen zu ziehen. Der Unterschied zu früher ist ja, dass Wissen heute jederzeit vorhanden und zugänglich ist. Man muss halt lernen, es sich zu nehmen. Und vor allem den nötigen Antrieb dazu haben.

Das wollen Sie erreichen, indem Kinder eigene Projekte umsetzen?

Für jedes Projekt hat das Kind sich selber entschieden. Wer bei uns eine App programmieren will, kann rüber in die Code University gehen, eine Programmierschule in der Factory. Soll es was Musisches sein, holen wir Musiker ran. Wir stellen jedem Kind Mentoren und Experten an die Seite, die ihm mit seinem Projekt weiterhelfen können.

Das klingt traumhaft. Aber wie hilft es den Kindern, später im Leben voranzukommen?

Was, wenn man später in einem Job landet, den man nie gelernt hat? Wer auf der New School war, kann sich die notwendigen Dinge aneignen. Oder weiß, wie man sich schnell Experten ranholt. Oder wie man in der Gruppe arbeitet.

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos hat Alibaba-Gründer Jack Ma für eine radikale Abkehr vom Schulwissen plädiert. War das Wasser auf Ihre Mühlen?

In Deutschland ist die Angst immer noch sehr groß, dass man etwas verpasst oder nicht gelernt hat. Kinder vergleichen sich miteinander, auch bei uns, besonders in den Gründungstagen der New School kam das häufiger vor. Da hieß es dann: Meine Freundin hat aber schon dies und das gelernt. Aus dem gesellschaftlichen Zwang rauszukommen ist nicht leicht, auch nicht für die Eltern.

Die haben Angst, dass ihre Kinder hier zu wenig lernen?

Ja. Man kann aber nicht zu wenig lernen, wenn man lernen will.

Wer waren die ersten „Talents“, wie Schüler hier genannt werden?

Es begann mit unserer Tochter, dazu eine Freundin. Zwei Kinder, ein Tisch, zwei Mentoren, so haben wir angefangen. Der Raum war leer. Wenn ich heute die Bilder anschaue, denke ich: Wow, der Start war klein.

Wie hat es sich seither entwickelt?

Zu uns kommen Kinder, die Ideen verwirklichen wollen. Auch solche, die nicht im herkömmlichen Schulsystem klarkamen. Unter den Eltern sind Künstler und Selbstständige, einige arbeiten in der Verwaltung, es gibt aber auch welche, die Hartz IV beziehen.

Was, wenn die Eltern ihr Kind auf die New School schicken wollen, das Kind aber nicht will?

Am Kind merkt man das schnell. Wir sagen dann ab. Aber wir hatten auch schon den umgekehrten Fall, wo das Kind unbedingt wollte, die Eltern aber im klassischen Schulsystem verhaftet waren. Uns war klar, dass die nach einem halben Jahr noch immer nach Erdkunde und Physik fragen würden.

Wie kommt man rein?

Man muss sich schriftlich bewerben: Warum man kommen will, welche Idee man hat, welches Projekt einem vorschwebt.

Worauf legen Sie Wert?

Wir wollen erfahren, was das Kind hier umsetzen möchte und was es der Gemeinschaft geben kann. Die soziale Komponente wird immer wichtiger. Manche Kinder sind in dem Alter noch sehr passiv. Für die ist die New School nicht so gut geeignet.

Wieso braucht die Welt überhaupt so eine Schule?

Unternehmer und Professorenhaben mir oft gesagt: Schön, wenn junge Menschen mit Einser-Abschluss zu uns kommen, aber die meisten erwarten, dass wir sie beschäftigen. Die sind weder aktiv noch beherrschen sie Projektarbeit. Und sie haben wahnsinnige Angst, Fehler zu machen.

Was gab die Initialzündung, die New School zu gründen?

Unsere Tochter war auf einer bilingualen Schule. Da dauerte der Unterricht bis 15 Uhr, dann standen Hausaufgaben an, dann musste sie noch lernen. Sie hatte praktisch keine Zeit, sich außerschulisch zu entwickeln. Darüber habe ich mir viele Gedanken gemacht. Ich dachte: Das kann nicht das Leben sein, und es kann auch nicht das sein, was junge Menschen erfolgreich macht.

Was macht denn erfolgreich?

Gute Frage. Wir wissen alle nicht, welche Berufe es in zehn oder 20 Jahren noch geben wird – etwa durch die Blockchain. Gibt es dann überhaupt noch Anwälte oder Banken? Weiß niemand. Trotzdem bereiten wir Kinder auf diese Karrieren vor, und zwar in einem Schulsystem, das es schon vor 100 Jahren gab.

Sie glauben, dass Ihre Talents besser mit solchen Veränderungen werden umgehen können, weil sie Flexibilität gelernt haben?

Wenn das bedingungslose Grundeinkommen kommt – und das wird es – und die Bedeutung von Arbeit neu definiert wird, werden viele in ein Loch fallen. Darauf müssen wir vorbereitet sein.

Wie geht die New School mit Technologie um – Stichwort Handy?

Die werden morgens abgegeben. Sonst schaffen die Kinder die Projekte nicht.

Trotzdem stellen Sie jedem Kind ein iPad zur Verfügung.

Stimmt, aber lässt sich ein Kind zu leicht ablenken, sagen wir: Arbeite mit Büchern. Wichtig ist, dass die Kinder beide Welten kennenlernen: die digitale und die analoge.

Also Grundvertrauen: Die Jugend weiß, was sie braucht?

Ja. Und wir sind zu alt. Mein Rat: Schränkt euch nicht ein. Lasst alles komplett offen.

Ist das noch ein Stundenplan?

Jedenfalls keiner, wie wir ihn aus der Regelschule kennen. Wie ein Tag an der New School abläuft

09:00 Uhr: Unterrichtsbeginn. Heimig-Schloemer sagt: „Ich würde um 10 Uhr anfangen, aber die Kinder sollen ja auch irgendwann nach Hause.“ Einen Start um 8 Uhr wie allgemein üblich findet sie jedenfalls zu früh. Studien belegen, dass Kinder da noch nicht richtig wach sind.

09:30 Uhr: Los geht’s – aber nicht am Tisch, sondern mit Joggen oder einer Runde Basketball. Direkt danach findet eine 15-minütige Meditation statt. Heimig-Schloemer: „Wichtig, weil die Kinder den ganzen Tag eine In-
formationsflut bekommen, die es früher nicht gab.“

10:00 Uhr: Ab in die individuelle Projektarbeit. An manchen Tagen finden in diesem Slot aber auch gemeinsame Aktivitäten statt, etwa ein drei Vormittage dauernder Workshop zum Thema Theater. An anderen Tagen besuchen die Schüler ein Seminar zum Projektmanagement.

12:00 Uhr: Lunch! Gemeinsam wird gekocht und gegessen. Das Budget verwalten die Schüler. „So wollen wir ein Bewusstsein schaffen: Warum ist Massentierhaltung preiswert, warum Bio-Fleisch teurer? Da kommen lustige Gerichte bei raus“, sagt Heimig-Schloemer.

13:00 Uhr: Nachmittags geht es weiter mit den Projekten, bei denen Mentoren und extra eingeladene Experten beratend zur Seite stehen. Freitags steht stattdessen ein Wochenrückblick zur Reflektion an: Was lief gut, was nicht – und was war sonst noch los auf der Welt?

Der Beitrag stammt aus dem Magazin „Die Höhle der Löwen . Ein Heft über Gründer, ihre Ideen und Produkte – das die Geschichten hinter der erfolgreichsten deutschen Gründershow erzählt und erfolgreiche Unternehmer porträtiert. Am Kiosk erhältlich sowie bestellbar hier im Shop


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