KolumneDas Ende einer Ära bei der Deutschen Bank

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Zwei Dutzend Vorstandsmitglieder kamen und gingen bei der Deutschen Bank, aber Paul Achleitner blieb. Die Verluste häuften und häuften sich in Milliardenhöhe, aber Paul Achleitner blieb. Der Aktienkurs halbierte sich unter seiner Ägide, aber Paul Achleitner blieb. Die Bankenaufseher griffen wieder und wieder in die Geschäfte des Kreditinstituts ein, aber Paul Achleitner blieb. Nur mit großer Mühe schrammte der Aufsichtsratschef auch mehrmals knapp an einem Misstrauensvotum der Aktionäre vorbei – aber Paul Achleitner blieb. Und am Ende seiner zehnjährigen Amtszeit bei der Deutschen Bank sieht es fast so aus, als ob das alles vergessen sei. Die Kritik an der Amtsführung des Österreichers ist weitgehend verstummt, der Kurs der Aktie hat sich vom schmählichen Allzeittief bei 6,75 Euro wieder etwas berappelt und der jetzige Vorstandschef Christian Sewing geht anders als alle seine von Achleitner auserkorenen Vorgänger mit Fortune ans Werk.

Deutsche Bank Aktie

Deutsche Bank Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Eigentlich scheint alles eingetütet für ein letztes ruhiges Amtsjahr. Im Mai nächsten Jahres will Achleitner seinen Abschied auf der Hauptversammlung mit einem seit langem heiß ersehnten Beschluss krönen: Die Deutsche Bank will dann erstmals seit 2018 wieder eine Dividende an ihre vielen Aktionäre zahlen. Bis dahin bleibt dem ehemaligen Allianz- und Goldman-Sachs-Manager eigentlich nur noch eins zu tun: geräuschlos und glatt für einen geeigneten Nachfolger zu sorgen. Genau daran aber scheint es zu hapern, wenn man mehreren Presseberichten aus der letzten Woche glauben darf. Das „Handelsblatt“ meldete aus Frankfurt, die Bankenaufseher der EZB seien mit dem Fortgang der Dinge nicht einverstanden. Es fehle ein richtiger Nachfolgeplan. Und auch eine möglichst frühe Entscheidung sei anzuraten, damit sich der neue Mann (eine Frau gehört wohl nicht zu den Kandidaten) in die überaus schwierige Materie eines immer noch sehr komplexen Geschäftsmodells einarbeiten könne.

Schwierige Nachfolgesuche

Zwar tummeln sich im Aufsichtsrat gleich mehrere mögliche Nachfolger, aber bei allen hakt es irgendwo. Offiziell liegt die Suche in den Händen von Mayree Clark, die den Nominierungsausschuss des Aufsichtsrats leitet. Die Amerikanerin ist jedoch in Deutschland kaum verdrahtet und kennt sich mit den Gepflogenheiten unseres Corporate-Governance-Systems nur mäßig aus. Das gilt auch für mehrere andere Mitglieder des Aufsichtsrats, die am Ende ihr Votum abgeben müssen. Deshalb hält sich in Frankfurt hartnäckig der Verdacht, aber Schluss suche sich Paul Achleitner dann doch selbst seinen Nachfolger. Für die Bank wäre das aber nicht gut.

Trotz aller schönen Nachrichten über gestiegene Gewinne und ziemlich gute Quartalszahlen aus den letzten Monaten: Die Deutsche Bank mag zwar aus dem Gröbsten heraus sein, aber die Stabilität des Geschäftsmodells bleibt brüchig. Viele alte Probleme (Stichwort Geldwäsche) holen das Kreditinstitut immer wieder ein. Der Abbau von faulen Krediten (Stichwort Bad Bank) beschäftigt die Deutsche Bank wahrscheinlich noch viele Jahre. Und auch ihre oft veränderten Strukturen (Stichwort Postbank) lassen nach wie vor zu wünschen übrig.

Weiter aufwärtsgehen wird es mit der Bank nur dann, wenn sie das richtige Personal in den Topfunktionen an sich bindet. In der Vergangenheit war das nicht der Fall, im Gegenteil: Im Vorstand nahm im Laufe der Jahre so manche zwielichtige Gestalt Platz. Der nächste Aufsichtsratschef muss dafür sorgen, dass damit ein für allemal Schluss ist. Deshalb gibt es kaum eine andere Personalie in der Deutschland AG, die so wichtig ist wie die Nachfolge Paul Achleitners.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.