KommentarCorona macht uns mürbe

Hinweis zum Mindestabstand am Eingang zu einem Restaurant in Berlin
Hinweis zum Mindestabstand am Eingang zu einem Restaurant in Berlinimago images / Seeliger

Als im März Deutschland, weite Teile Europas und der Welt in einen Lockdown gingen, gab es nicht nur einen Schock, sondern auch einen Schub. Das Entsetzen war gewaltig, aber es wurde auch darüber gesprochen, dass etwas Gutes aus dieser Krise erwachsen könne.

Das ist in diesem Herbst, in dem sich die Länder Europas und anderswo auf der Welt gegen die zweite Welle stemmen, anders. Kein Digitalisierungsschub erwartet uns, kein Modernisierungssprung – und schon gar nichts Gutes. Wir erwarten nichts, außer dass Kraft- und Finanzpolster weiter aufgezehrt werden.

Die Corona-Krise brachte seit ihrem Ausbruch überwiegend Leid und Zerstörung, aber auch Fortschritte: Hunderte Millionen Arbeitnehmer wanderten nahtlos ins Homeoffice, unzählige Prozesse wurden über Nacht digitalisiert. Nicht wenige Menschen versuchten darüber hinaus, in dieser Krise Chancen zu suchen und zu sehen. Und die gab es ja durchaus, trotz der ganzen Schicksalsschläge und Dramen: viel Solidarität, Innehalten und Innigkeit.
Infografik: Wie Corona die Unternehmensstrategien beeinflusst | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Es gab kreativen Widerstand, neue Ideen, Wandlungsfähigkeit, Aufbruch. Unternehmen produzieren plötzlich neue Produkte, Beatmungsgeräte, Atemschutzmasken, Desinfektionsmittel. Menschen sangen gemeinsam über Zoom, Schriftsteller philosophierten über die „Splendid Isolation“ in den vier Wänden, Unternehmer über das Ende der toten Zeit an Flughäfen. Es war die Hoffnung auf das Weiterleben, die uns trieb – denn es schien nur vorübergehend, und bald würde ja der Sommer kommen.

Strapazierte Nerven

Nun also ein nasser und „heißer“ Herbst und der Kampf gegen die Dunkelheit. Er wird anders geführt, in der rhetorischen Härte liegt auch viel Zögern. „Go hard and go early“, das war die berühmte Formel der neuseeländischen Premierministerin Jacinda Ardern im Frühjahr, die sie im August wiederholt hat. Früh und hart gegensteuern. Die Politikerin wurde gerade fulminant wiedergewählt und hat in ihrem Land das Virus gleich zweimal besiegt.

In diesem Herbst spürt man kein entschlossenes „Go hard and go early”. Es gibt zwar viele Appelle, Eingriffe, Beschränkungen, Sperrstunden und Ausgangssperren –  und inzwischen immer neue regionale oder gar landesweite Lockdowns. Doch es wird gezögert und hinausgezögert. Der Lockdown im Frühjahr war eine Panikreaktion, wir wussten nicht, was uns blühen würde, nun ist es die Ultima Ratio, denn wir wissen ja, was uns blüht. Viele Politiker ahnen wohl, wie strapaziert die Nerven ihrer Bürger sind. Wie schwer es vielen Menschen fällt, die sozialen Kontakte wieder einzuschränken. Wir sind nicht mehr die gleiche Gesellschaft, die in den Lockdown geht. Wir sind erschöpfter und gereizter.

Die Aussicht und die Erwartung dunkler Tage bis Weihnachten, auf Wochen neuer Zurückhaltung und Vorsicht, macht mürbe. Die Mehrheit (62 Prozent) trägt zwar überwiegend den Kurs unser Regierung mit, 23 Prozent fordern gar härtere Maßnahmen – aber in dieser Welle schwingt auch die Verbitterung darüber mit, dass es oft eine leichtsinnige Minderheit ist, die alle in Mithaftung nimmt.

Vielleicht liegt heute in diesem Zögern (das im Frühjahr fatal war) etwas Gutes, denn es führt zu mehr Augenmaß. Wir wissen ja, was auch auf der anderen Seite, in Tausenden Unternehmen und bei Millionen Selbstständigen, auf dem Spiel steht. Jede Überreaktion kann Existenzen vernichten. Die Wirtschaft hat sich seit Juni erstaunlich erholt, doch der Aufschwung ist zerbrechlich. Manche Ökonomen befürchten einen erneuten Einbruch, die Kauflaune der Bürger – der Konsum war seit Monaten bemerkenswert robust – hat sich eingetrübt.

Es wird noch zu viel gefeiert

Auch die Debatte um eine verstärkte Beteiligung des Bundestages ist richtig. In der Panik im Frühjahr konnte man teils nur mit Verordnungen regieren und reagieren. Nun haben wir Erfahrungen, Pläne und Blaupausen – nicht die Gerichte, sondern das Parlament sollte mehr mitreden.

Die wichtigste Maßnahme zum Gegensteuern, so zumindest lässt es das Robert-Koch-Institut durchblicken, liegt ohnehin in unserer Hand. Es sind nicht Sperrstunden oder regionale Lockdowns, keine Eingriffe von Behörden, nicht die Schließung von Läden oder Schulen – das alles sind Reaktionen, wenn es zu spät ist. Ein wichtiger Hebel liegt in unseren vier Wänden, bevor wir uns in Isolation begeben: „Das Virus verbreitet sich naturgemäß immer dort, wo Menschen zusammenkommen“, sagte diese Woche RKI-Präsident Lothar Wieler. „Und zwar vor allen Dingen dort, wo sie gerne und intensiv zusammenkommen.“

Eine höfliche Umschreibung für: Es wird noch zu viel gefeiert. Man kann es niemandem verdenken. Aber jeder sollte an die Folgen denken.

 


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