GastbeitragCorona-Krise: Die Menschen brauchen eine Zeitperspektive

Auch Kinos sind wegen der Corona-Krise geschlossen. Wann kehrt die Normalität zurück?dpa

Jörn Quitzau
Jörn Quitzau ist Volkswirt bei der Berenberg Bank. Daneben betreibt er den Blog Fussball-Oekonomie.de

Während ein Teil der Wirtschaft aktuell zum Nichtstun verdonnert ist, haben Regierungen und Notenbanken in atemberaubender Geschwindigkeit gewaltige finanzielle Schutzschirme aufgespannt. Mit ihnen sollen die Betroffenen den Shutdown finanziell einigermaßen überstehen. Der Bundestag hat nicht nur einen Nachtragshaushalt in Höhe von 156 Mrd. Euro beschlossen, sondern darüberhinaus großvolumige Hilfspakete geschnürt. Die USA haben in der Nacht zu Mittwoch ein Fiskalpaket in Höhe von von rund 2 Billionen US-Dollar auf den Weg gebracht, das den vorläufigen und zugleich beeindruckenden Endpunkt der weltweiten staatlichen Rettungsprogramme markiert.

Die Notenbanken sichern die Glaubwürdigkeit dieser Programme ab, indem sie Anleiheankaufprogramme aufgestockt haben, zum Teil sogar ohne Limit. Die Staaten können sich also zu niedrigen Zinsen kräftig verschulden, ohne dabei allein auf private Investoren angewiesen zu sein.

An Entschlossenheit der politischen Akteure mangelt es also nicht. Was aber fehlt, ist eine zeitliche Perspektive. Noch herrscht Ungewissheit, wie lange diese Ausnahmesituation mit scharfen Einschränkungen des wirtschaftlichen und öffentlichen Lebens andauern wird. Ungewissheit ist aber kontraproduktiv – für die Unternehmen, für die Psyche der Menschen, aber auch für die Glaubwürdigkeit der großangelegten Fiskalprogramme, denn ein wirtschaftlicher Shutdown lässt sich nicht ein oder zwei Jahre aufrechterhalten.

„Je länger die Ungewissheit anhält, desto größer werden die Existenzängste“

Jörn Quitzau

Diese Ungewissheit kommt auch in den Konjunkturszenarien zum Ausdruck. Wir erwarten für Deutschland in diesem Jahr einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 4,8 Prozent und liegen damit in etwa auf einer Linie mit den Prognosen des Sachverständigenrates. Es gibt aber auch weitaus schlimmere Szenarien: Das Ifo-Institut hat für einen Extremfall einen Verlust der Wirtschaftsleistung von rund 20 Prozent des deutschen BIP errechnet. Die enorme Bandbreite der Szenario-Ergebnisse resultiert insbesondere aus den unterschiedlichen Annahmen darüber, wie lange der Shutdown dauern wird.

Es ist also an der Zeit, dass eine Perspektive für ein Ende der drastischen Einschränkungen zumindest skizziert wird. Auf Dauer wird nicht allein das gesundheitspolitisch Notwendige oder Wünschenswerte umgesetzt werden können, bis das Virus vollständig ausgerottet ist oder bis ein Impfstoff vorliegt. Nicht alle Menschen sind dazu in der Lage, geduldig zu Hause abzuwarten, bis die Lage aus gesundheitspolitischer Sicht bestmöglich bereinigt ist. Und nicht alle Menschen können mit der Ungewissheit umgehen, wie es für sie wirtschaftlich weitergehen wird. Je länger die Ungewissheit anhält, desto größer werden die Existenzängste. Eher früher als später wird deshalb ein Abwägungsprozess einsetzen müssen.

Nach welcher Zeit ist eine allmähliche Lockerung der Shutdown-Maßnahmen denkbar? Aufgrund der Inkubationszeit sind Erfolge der Kontaktbeschränkungen auf die Infizierten-Zahlen wohl erst mit einer Zeitverzögerung von bis zu 14 Tagen zu erwarten. Dies ist der Mindestzeitraum, der auch den Bund-Länder-Leitlinien zur Einschränkung sozialer Kontakte zugrunde liegt. Sollte sich die Bevölkerung in dieser Zeit, also bis zum 5. April, an die vom Robert-Koch-Institut empfohlenen Verhaltens- und Hygieneregeln – Mindestabstand, Handhygiene, Hustenetikette – gewöhnen und daran halten, spricht einiges für eine Entspannung bei den Infektionszahlen. Fachleute haben diese Vorsichtsmaßnahmen stets als wirksamen Schutz vor Infektionen und damit als Mittel gegen die Verbreitung der Viruserkrankung angemahnt.