TeuerungChili-con-Carne-Index: Muss die Inflation neu vermessen werden?

Ein italienischer Händler hält eine Rispe Tomaten hoch. Der Markt für Produzenten aus der Region darf im Rahmen der Covid-19-Lockerungen seit kurzem wieder öffnen.
Ein italienischer Händler hält eine Rispe Tomaten hoch. Der Markt für Produzenten aus der Region darf im Rahmen der Covid-19-Lockerungen seit kurzem wieder öffnen.imago images / IPA/ Salvatore Laporta

Die Corona-Krise hat im Konsumverhalten der Deutschen tektonische Verschiebungen ausgelöst. Deshalb kann der herkömmliche Warenkorb, der zur Vermessung der Inflationsrate dient, eigentlich nur ein verzerrtes Bild liefern. Das fanden Wissenschaftler an der Universität Hohenheim und entwickelten einen „Chili-con-Carne-Index“. Der zeichne in dieser Zeit exemplarisch die Preisentwicklung vor allem von Lebensmitteln nach.

Um die Kaufkraft einer Währung in internationalen Vergleichen zu veranschaulichen wird oft der Preis des Big-Macs herangezogen. Da dieser gegenwärtig nur im „McDrive“ und über Lieferdienste verfügbar sei, entschieden die Hohenheimer sich für den Kocheintopf, der bei Studierenden besonders beliebt sei. Der dazu gehörige Warenkorb enthält rund 70 Produkte, die als Zutaten infrage kommen. Demnach hat sich das Gericht – sowohl in der vegetarischen wie in der Hackfleisch-Variante – seit Anfang Februar bereits um sechs Prozent verteuert. Allein Tomaten wurden um fast ein Viertel teurer, Mais um 13 Prozent.

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Eine noch umfassendere Analyse der Preisentwicklung von rund 30.000 Produkten aus dem Internet-Angebot von fünf großen Supermarktketten in Europa ergibt: Würde sich der Trend der letzten zweieinhalb Monate bis Ende 2020 fortsetzen, ergäbe dies eine Preissteigerung von 3,8 Prozent. „Bezieht man sich auf einen kürzeren Zeitraum vor dem 20. April, errechnen sich noch deutlich höhere annullierte Preissteigerungsraten bis in den zweistelligen Bereich“, warnt die Studie.

Für relevant halten die Ökonomen das, weil die Europäische Zentralbank (EZB) deutlich niedrigere Werte errechnet „Eine systematische Verzerrung des Index könnte eine fehlerhafte Geldpolitik auslösen“, befürchten Jan Swiatkowski und Marius Puke aus dem Team von Professor Hans-Peter Burghof am Institut für Financial Management.

Warenkorb in der Krise nicht valide

Herkömmliche Grundlage für die Berechnung der Teuerungsrate ist ein repräsentativer Warenkorb von Gütern und Dienstleistungen, der sich aus dem Konsum der Verbraucher in der Vergangenheit ableitet. Auf dieser Basis berichteten die offiziellen Statistikbüros, dass im Euro-Raum die Verbraucherpreise gegenüber dem Vorjahresmonat weniger stark gestiegen seien: nämlich von 1,2 Prozent im Februar auf nur noch 0,7 Prozent im März. Für den April wurden in Deutschland vorläufige 0,8 Prozent vermeldet.

Allerdings sei den meisten Europäern aufgrund der unterschiedlichen Ausprägungen des Lockdowns der Zugang zu bestimmten Produktgruppen schlicht unmöglich, so das Argument: In der Krise entfallen Ausgaben für Kultur- und Sportveranstaltungen, Restaurants und Hotels. Mehr Zeit im Homeoffice spart Spritkosten. Die Konsumausgaben konzentrieren sich auf Lebensmittel, Drogeriebedarf und andere Alltagsartikel.

Dabei fallen im deutschen harmonisierten Verbraucherpreisindex (HICP) Ausgaben für Erholung und Kultur mit mehr als elf Prozent ins Gewicht, im europäischen Index mit knapp neun Prozent. Auch die Mobilität schlägt mit jeweils mehr als 15 Prozent zu Buche. Und Preise von Lebensmitteln und Getränken fließen mit je 11 und 15 Prozent ein. „Viele dieser Ausgaben dürften in der Krise entfallen“, so die Studie. “Teilweise verlagert sich die Kaufkraft in Bereiche, in denen die Preise deutlich steigen, so zum Beispiel von Hotels und Restaurants zu Lebensmitteln.“

Gerade für letztere hat die Studie zum Teil erhebliche Entwicklungen gemessen – unter dem Strich nicht ganz so stark wie für den Chili-Topf, aber doch weitab von Stabilität. So haben Unternehmen die Preise zunächst nur zögerlich angepasst und es vermieden, die Krisensituation für kurzfristige Gewinne zu missbrauchen. Preise für vielgehamsterte Produkte wie Nudeln, Reis, Toilettenpapier und mitunter alkoholische Getränke zogen kaum merklich an, obwohl die Regale zeitweise leergekauft waren.

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Kekse und Gebäck empfindlich verteuert

Mit der Dauer der Krise wurden jedoch die Preisausschläge deutlicher: vor allem in der Kategorie frische Produkte, Backwaren und weitere Grundnahrungsmittel mussten Europäer im 2,5-Monats-Zeitraum deutlich mehr hinlegen. Obst und Gemüse, wie etwa Tomaten für den Chili-Eintopf, sowie Fertig- und Tiefkühlprodukte zeigten gegen Ende der Periode einen deutlichen Anstieg. Unter Einzelprodukten stechen Preiserhöhungen für Kekse und Gebäck mit stolzen 45 Prozent, Frühstücksflocken und Müsli sowie Tiefkühlprodukte mit 39 Prozent und 33 Prozent im Durchschnitt heraus.

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Höhere Kosten für Produktion und Vertrieb unter erschwerten Bedingungen sind sicher ein entscheidender Faktor. Wettbewerber, die ihre Preise noch nicht angepasst haben, könnten aber das Potenzial nutzen. „Sollten sich die Preise marktweit auf diesem neuen Niveau einpendeln, würden sich Lebensmittel in Deutschland deutlich verteuern“, schließt die Studie. Die bisher zu beobachtenden durchschnittlichen Steigerungen wären dann nur ein Vorbote.

Wie sich die Preisdynamik entwickelt, hängt den Forschern zufolge vom weiteren Verlauf der Pandemie ab. Prognosen seien damit ausgesprochen schwierig. Doch die Zweifel an der Validität des üblichen Warenkorbs und die Auswirkungen auf die Inflationswerte stellten sich dennoch – nicht zuletzt für die Geldpolitik: „Vor diesem Hintergrund muss die Frage erlaubt sein, ob die Entwicklung des Geldwertes tatsächlich einen so großen Spielraum für eine Erhöhung der Geldmenge zulässt, wie man bei der EZB glaubt,“ meinen die drei Wissenschaftler.

 


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