Bundesbank„Bremseffekt stärker als bei SARS-Epidemie“

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann
Bundesbank-Präsident Jens Weidmann warnt vor konjunkturellen Risiken einer Corona-pidemieFlickr.com / Deutsche Bundesbank Link, (CC BY-NC-ND 2.0)

Jens Weidmann begrüßt mit einem freundlichen „Guten Morgen zusammen“ die Kameraleute und Fotografen zum Beginn der Bilanzpressekonferenz der Bundesbank in Frankfurt. Der Präsident lässt sich geduldig fotografieren – und dann sind es immer noch drei Minuten bis 11 Uhr. Dann erst endet die Sendesperrfrist für die ausgelegten Unterlagen, und vorher will er auch nicht reden.

Also steckt er den Kopf mit seinem für die Verwaltung der Bundesbank zuständigen Vorstandkollegen Johannes Beermann zusammen. Was die tuscheln ist nicht zu hören, aber viel im Raum fragen sich: Tauschen sich die beiden über die jüngste Entwicklung beim Coronavirus aus? An diesem Morgen war in Wetzlar der erste Corona-Fall im Bundesland Hessen bekannt geworden.

Punkt 11 Uhr geht es los. Weidmann kündigt an, sich zu grüner Geldpolitik, der neuen Strategie der Europäischen Zentralbank, der Inflationsmessung und dem deutlichen Anstieg des Bilanzgewinns auf 5,9 Mrd. Euro (nach 2,4 Mrd. Euro im Vorjahr) zu äußern. Doch die Fragen drehen sich immer wieder darum, welche konjunkturellen Konsequenzen eine Epidemie haben und wie dies die Geldpolitik in der Eurozone beeinflussen könnte.

Effekt schwer abschätzbar

Weidmann ist ganz der Geldpolitiker, er formuliert vorsichtig, spricht von „einem neuen Risikofaktor“. Schließlich entfalle auf China inzwischen ein Fünftel der globalen Wirtschaftsleistung. Wenn die Volksrepublik schwächelt, dann bleibe dies nicht ohne Konsequenz für das weltweite Wachstum. Und auch wenn sich nach dem Abklingen der Epidemie die Lage in China normalisieren sollte, so bleibe die Ausbreitung des Virus auf weitere Länder eine Gefahr.

Nachdem vor einer Woche der erste Corona-Fall in Italien festgestellt wurde, breitet sich das Virus in Europa aus. „Weitere Länder dürften in Mitleidenschaft gezogen werden“, sagt Weidmann. Dies gelte auch für Deutschland, wenngleich der Effekt „derzeit kaum seriös abzuschätzen ist.“ Allerdings könnten die Bremseffekte „stärker als bei der SARS-Epidemie sein“, warnt er.

Während der Epidemie im Jahr 2002/2003 waren in Deutschland nur wenige Menschen erkrankt, und es gab keine Todesfälle. Die Folgen für Europa waren seinerzeit auch deshalb begrenzt, weil China erst fünf Prozent der globalen Wirtschaftsleistung produzierte und längst nicht so stark wie heute in die Wertschöpfungsketten eingebunden war. Für Asien wurden die wirtschaftlichen Schäden auf rund 18 Mrd. Dollar geschätzt.

 „Erhöhte Aufmerksamkeit“

Die EZB wird Weidmann zufolge erst einmal nicht auf die Corona-Epidemie reagieren, denn noch sei eine „abschließende Antwort nicht möglich“. Auch die Auswirkungen auf das Preisniveau als Bestimmungsgrund für die Geldpolitik sei noch gar nicht klar. Sollten die Unternehmen trotz Nachfrage der Verbraucher nicht produzieren können, so könnte dieser „Angebotsschock“ inflationär wirken – Meldungen über Wucherpreise bei Atemschutzmasken deuten in diese Richtung.

Wenn allerdings die Bürger aus Angst das Konsumieren einstellten, es also einen „Nachfrage-Schock“ gebe, dann sei auch eine deflationäre Entwicklung möglich. „Es ist kein akutes geldpolitisches Handeln, aber eine erhöhte Aufmerksamkeit nötig“, sagte Weidmann. Und warnte vor zu großen Erwartungen an eine Lockerung der Geldpolitik im Fall einer großen Erkrankungswelle: „Die Leute gehen nicht deshalb wieder ins Restaurant, nur weil die Zinsen gesunken sind.“

 


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