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Währungsprojekt Brasilien und Argentinien: Eine Währungsunion, die den Namen nicht verdient

Brasiliens Präsident Lula da Silva und sein argentinischer Amtskollege Alberto Fernandez: Eine Parallelwährung soll den Regionalhandel ankurbeln.
Brasiliens Präsident Lula da Silva und sein argentinischer Amtskollege Alberto Fernandez: Eine Parallelwährung soll den Regionalhandel ankurbeln.
© picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Gustavo Garello
Brasilien und Argentinien lancieren Pläne für eine gemeinsame Währung, damit der regionale Handel florieren kann – zulasten des Dollar. Die Reaktionen fallen skeptisch aus.

Eine Währungsunion zwischen Brasilien und Argentinien? In einem gemeinsamen Artikel haben die Präsidenten beider Länder Diskussionen über eine künftige gemeinsame Währung angekündigt. Das hat nicht Wenige überrascht und vor allem Skeptiker auf den Plan gerufen: Warum sollte der frisch gewählte brasilianische Staatschef Luiz Inácio Lula da Silva sich ohne Not  mit einem chronisch überschuldeten Staat und einer labilen Volkswirtschaft auf ein solches Abenteuer einlassen?

Die Kritiker ließen nicht lange auf sich warten – angefangen von Investmentguru Mohamed El-Erian bis hin zu Harvard-Professor Larry Summers. Sie alle signalisierten: Beide Länder seien von den wirtschaftlichen und fiskalischen Voraussetzungen für einen gemeinsamen „Sur“ sehr weit entfernt. Die größten Hindernisse auf dem Weg zu einer Währungsunion wären die fehlende politische Koordination und die riesigen Inflationsunterschiede der beiden größten Volkswirtschaften Südamerikas.

Um Bezahlwege und Handel zu erleichtern, reiche auch eine Nummer kleiner, so die Botschaft.Eben darauf besannen sich offenbar schließlich die Finanz- und Wirtschaftsminister der Nachbarstaaten. Nach überraschten Berichten der internationalen Wirtschaftszeitungen ruderten sie zurück: Niemand wolle Real und Peso ersetzen, zitierte der Finanzdienst Bloomberg Brasiliens Finanzminister Fernando Haddad und seinen argentinischen Kollegen Sergio Massa. Vielmehr gehe es um die Idee eines gemeinsamen Zahlungsmittels, das den Austausch von Waren und Dienstleistungen erleichtern soll.

Dollar dominiert

Die beiden Länder möchte gerne ohne den Dollar auskommen. Es sollte wohl vorrangig dieses Signal sein, das von dem Regionalgipfel der Staaten in Buenos Aires diese Woche ausgehen sollte. Schon seit Jahrzehnten denken Brasilien und Argentinien vor allem aus politischen Motiven darüber nach, ihre Währungen zu koordinieren, um dem Einfluss des Dollars in der Region etwas entgegenzuhalten und den bilateralen Handel anzukurbeln.

Zu groß waren jedoch die gesamtwirtschaftlichen Ungleichgewichte, zu gering der politische Wille. So liegt die Inflationsrate in Argentinien bei fast 100 Prozent, im Vergleich zu 5,8 Prozent in Brasilien. Auch die rasante Abwertung des argentinischen Pesos in den vergangenen Jahren steht derartigen Fantasien im Weg. „Hoch problematisch“ seien diese Umstände, twitterte der ehemalige US-Finanzminister und Harvard-Professor Summers, und erinnerte zugleich an Gefahren des Populismus in beiden Ländern, Schwierigkeiten mit fixen Wechselkursen und „relativ dünne“ politische Gemeinsamkeiten.  

„Wir sprechen über ein System, das nicht auf Zahlungen in lokaler Währung basiert, was nicht funktioniert hat“, wurde Haddad später zitiert. „Es soll aber nicht den Grad der Währungsunion wie beim Euro erreichen." Massa schloss sich dem an und erklärte, beide Länder wollten über eine gemeinsame, nicht aber über eine einheitliche Währung diskutieren. Auch die bräuchte aber wohl zunächst einen gemeinsamen Markt.

Regionales Zusammenrücken

Brasilien ist Argentiniens größter Handelspartner, der mehr als 14 Prozent seiner Exporte im Wert von 12,7 Mrd. Dollar abnimmt. Brasiliens Anteil an Argentiniens Importen liegt bei einem Fünftel und einem Volumen von 16 Mrd. Dollar 2022, so Statistiken aus Buenos Aires. Umgekehrt ist das Volumen viel geringer. Brasilien gilt zudem als wichtiger Verbündeter des Nachbarn in Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF), der Argentinien mit Krediten von 44 Mrd. Dollar vor einer Währungskrise und der Zahlungsunfähigkeit bewahrt. Brasilien wiederum verfügt über mehr als 300 Mrd. Dollar an Devisenreserven

Lulas rechtspopulistischer Vorgänger Bolsonaro hatte das Land in seiner Amtszeit von der Gemeinschaft Lateinamerikanischer und Karibischer Staaten (CELAC) ferngehalten, deren Regionalgipfel nun in Buenos Aires stattfand. Seine Begründung: „Undemokratische Regimes wie Venezuela, Kuba und Nicaragua“ würden dort unnötig aufgewertet.

Der ehemalige Gewerkschaftsführer Lula trifft dort dagegen eher auf Gleichgesinnte. Er wollte auch Venezuelas Präsident Nicolas Maduro treffen, der blieb dem Gipfel aber fern. Nach Gesprächen mit Kubas Staatschef war Lulas nächstes Ziel Uruguay, das für Spannungen in der Handelsgruppe Mercosur sorgt, weil es ohne Zustimmung der Partner Brasilien, Argentinien und Paraguay ein Handelsabkommen mit China geschlossen hat. Die Zollunion ist das einzige regionale Bündnis – und die ist auch noch löchrig.

Für Brasilien ist Argentinien drittwichtigster Handelspartner, und vieles spricht sicher für einen intensiveren wirtschaftlichen Austausch. Aber beide Länder pflegen ihren eigenen Protektionismus. Und ihre bedeutendsten Exportrouten sind die für landwirtschaftliche Produkte und Rohstoffe wie Soja, Getreide und Fleisch nach Europa und vor allem nach Asien und China.

Erwartungen für die Zukunft

So wäre ein neues bilaterales Zahlungsmittel wohl auch als Keimzelle einer regionalen Lösung gedacht. Denn Lula und Fernandez sprechen in ihrem Meinungsartikel für die Zeitung „Perfil“ von einer gemeinsamen südamerikanischen Währung, womöglich ein „Sur“, der parallel zu den Landeswährungen – und anstelle des Dollars – sowohl für Finanz- als auch für Handelsströme verwendet werden könnte. Ziel sei es, „die operativen Kosten und unsere externe Anfälligkeit zu verringern" – und zugleich die lokalen Währungen zu fördern.

Die Währungsdebatte soll aber auch dem unpopulären argentinischen Staatschef Fernandez in die Hände spielen, der sich im Oktober zur Wiederwahl stellt, mutmaßt der heimische Politikexperte Sergio Berensztein im „Wall Street Journal“. Die Finanzkrise spitze sich wieder zu, die Zentralbank drucke Geld, während ihre Reserven schrumpften. „Es geht darum, Erwartungen in die Zukunft zu schüren.”

Dabei erweist sich die Dollar-Not in Argentinien offenbar als zunehmend reales Problem im bilateralen Handel, wie Minister Massa der „Financial Times“ gestand. Argentinier stehen im Ruf, Milliarden Greenbacks im Ausland gebunkert zu haben, die Nachfrage im Land ist zugleich so hoch wie das Vertrauen in den Peso schwach.

Langfristziel

„Wir sprechen über eine Studie der Mechanismen für Handelsintegration,“ sagte Massa weiter. Zunächst sollten alle Parameter geprüft werden, die für eine gemeinsame Währung erforderlich seien, von Haushaltsgebaren über die volkswirtschaftlichen Größen bis hin zur Rolle der Zentralbanken. Er wolle keine falschen Erwartungen wecken, es gehe um den ersten Schritt einer langen Reise, die Lateinamerika antreten müsse. Europa habe bis zu seiner Einheitswährung Euro auch 35 Jahre gebraucht.

Ein greifbares kurzfristigeres Vorhaben als das „langfristige“ Währungsprojekt dürfte die energiepolitische Zusammenarbeit im Rahmen der neuen strategischen Partnerschaft von Argentinien und Brasilien bieten. Als eines der Ziele nannte Lula, die brasilianische Entwicklungsbank könnte wieder in Infrastrukturprojekte investieren und den Ausbau einer Pipeline vom argentinischen Schiefergasfeld Vaca Muerta zur brasilianischen Grenze finanzieren.

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