GeldanlageWie Investoren aus Daten Geld machen

Spa-Francorchamps, im Sommer 2000: Formel 1 und belgisches Schmuddelwetter, Regen, dann Sonne, viel Wind. Trotzdem holt Mika Häkkinen in seinem McLaren-Mercedes auf Michael Schumacher auf – und setzt zu einem der größten Überholmanöver in der Geschichte der Formel 1 an: Drei Runden vor Schluss schießt der Finne durch die berühmte Kurve „Eau Rouge“ auf die anschließende Gerade und überholt den irritierten Schumacher auf der Innenseite vor der nächsten Rechtskurve.

Der Kopf hinter dem Überholmanöver ist damals Mark Ainsworth. Der studierte Psychologe, damals 23, ist Rennanalyst und füttert laufend einen Computer namens Master of Operational Race Strategy, kurz: Mors. Der kann binnen einer Sekunde 100 Formel-1-Rennen simulieren und genau ermitteln, wann man idealerweise die Reifen wechselt, wann ein Pulk von Überrundeten bremst oder wie lange man bei nasser oder trockener Strecke braucht. Je größer das Chaos aus Regen und Sonne, umso wertvoller der Rechner. Und so wussten die McLaren-Leute genau, dass Häkkinen bei einer immer trockeneren Strecke Schumacher noch würde überholen können.

16 Jahre später sitzt Ainsworth in der Londoner Zentrale der Fondsgesellschaft Schroders, einen Steinwurf nördlich der Bank of England. Er leitet nun die Datenanalyse einer Fondsgesellschaft. Ganz anderes Metier, aber ähnliche Inhalte. „Sowohl an der Formel-1-Strecke als auch im Fondsmanagement ist Informationsüberflutung ein Risiko“, sagt Ainsworth. Aber entscheidende Informationen nicht oder zu spät zu haben eben auch. Es gehe darum, „alle wichtigen Informationen bereitzustellen und zu visualisieren, die für richtige Entscheidungen notwendig sind“.

Big Data – die Auswertung gigantischer Datenmengen – ist zu einer Allzweckwaffe geworden. Wer etwas auf sich hält, muss hier Kompetenz zeigen, das gilt erst recht für ein Metier, in der die Außendarstellung so wichtig ist wie die tatsächlichen Leistungen: die Fondsbranche. Doch wie nutzt man das exponentielle Wachstum von Rechenleistung, Speichern und Daten? Capital ist zu den Goldgräbern der Geldanlage aufgebrochen.

Analyse unstrukturierter Daten

Die Analyse großer Datenmengen ist in der Branche keineswegs neu: 1960 markierte die Gründung des Center for Research in Security Prices die Geburtsstunde quantitativer Kapitalmarktforschung anhand von Kursen, Bewertungen, Dividenden. Allein: Diese Daten waren strukturiert. „Heute liegt der Fokus auf der Analyse unstrukturierter Daten”, so die Analysten von Goldman Sachs in einer Studie über Big Data.

Und von denen gibt es mehr als reichlich. In jeder Minute veröffentlichen Nutzer des Kurznachrichtendienstes Twitter 350.000 Meldungen, tippen Google-Nutzer drei Millionen Suchanfragen, veröffentlichen Facebook-Nutzer vier Millionen Statusmeldungen, wächst die globale Datenmenge um die Speicherfähigkeit von rund 70.000 DVDs.

Ein gigantischer, kakofonischer, ungeordneter Datenmüll, der nur ablenkt, unken Kritiker. Ein Schatz, der die Geldanlagebranche revolutionieren wird, glauben Optimisten.

Die Strategen von BNP Paribas sehen bereits eine Parallele zum globalen Erfolg des Fahrdienstes Uber und sprechen mit Blick auf die Geldbranche von einer „Uberisierung“. Wer sich der neuen Datenanalyse verweigere, dem drohe eine ähnliche Herausforderung wie den Taxifahrern. Selbst wenn die Wahrheit in der Mitte läge – die Branche stünde vor gewaltigen Umwälzungen.