FinanzevolutionBei neuen Finanzierungsformen ist Deutschland Entwicklungsland

Von wegen digital und online - die meisten Kreditgeschäfte werden analog abgewickeltGetty Images

Finanzierung ist im Prinzip eine einfache Sache. Hier werden Zahlungsmittel und Kapital für Privatpersonen, Staaten und Unternehmen beschafft, wenn sie mehr Aus- als Einzahlungen planen. Für Ökonomen ist dies sogar so simpel, dass im vorherrschenden neoklassischen Modell Banken, Finanzmärkte und Instrumente keine Rolle  spielen. In der Idealwelt der Ökonomen gibt es weder Finanzierungsprobleme noch ungleiche Informationsverteilung oder gar Finanzkrisen. Alles ist stets im Gleichgewicht und gipfelt im sogenannten   wonach die Finanzierung für den Unternehmenswert irrelevant sei.

Der ehemalige Chefökonom der Deutschen Bank, Thomas Mayer, kritisiert in seinem Buch „Die neue Ordnung des Geldes“ dieses ökonomische Paradigma: „In ihrer komplizierten Modellwelt, die mit viel Mathematik verwissenschaftlicht werden soll, haben sie den Bezug zur Wirklichkeit verloren.“ Die Idealwelt der Ökonomen hat diesen Bezug zur Realwirtschaft nie gehabt, denn so einfach eine Finanzierung in der Theorie klingt, so vielfältige Finanzierungsformen und komplizierte Konstruktionen haben sich in der Wirtschaftspraxis entwickelt. Hier hilft die vom US-Ökonomen Andrew Lo entwickelte „Adaptive Market-Theorie“, ein potenzieller Nachfolger der neoklassischen Ökonomie. Die aus der Evolutionsbiologie abgeleitete Adaptive Market-Theorie jedenfalls könnte die Vielfalt der heute bekannten Finanzierungsinstrumente, wie Aktien, Mezzanine Kapital, Anleihen bis hin zu Leasing- und Lieferantenfinanzierung reichenden Instrumente leicht erklären.

Der Markt für klassische und alternative Finanzierungsinstrumente ist in den letzten Jahren noch unübersichtlicher geworden. Zu den altbekannten Finanzierungsinstrumenten, haben sich in den letzten Jahren mit Hilfe von Unternehmen der Finanztechnologie (Fintech) neue Formen gesellt, wie das Crowdinvesting (eigenkapitalnahe Mittel), das Marketplace-Lending (Kreditfinanzierung ohne Banken über elektronische Handelsplätze) oder – noch ganz frisch und wild – die Finanzierung über die Ausgabe von Kryptowährungen (Initial Coin Offering oder ICO genannt).

Marketplace-Lending steckt noch in der Nische

Das Marketplace- oder Peer-to-Peer-Lending weist in vielen Ländern weiterhin beachtliche Wachstumsraten auf. Glaubt man den Daten des Analysehauses AltFiData, dann erreicht das Gesamtvolumen in den USA in diesem Jahr fast 24 Mrd. US-Dollar und in Großbritannien etwa 5 Mrd. britische Pfund. Für die Eurozone wird dagegen nur ein Volumen von 1,2 Mrd. Euro gerechnet.

In Deutschland wartet das Marketplace-Lending weiter auf den Durchbruch. Zwar haben sich Kunden über Auxmoney, den größten P2P-Finanzierer hierzulande, schon weit über 500 Mio. Euro geliehen, allerdings ist das in einem Zeitraum von zehn Jahren geschehen. Der Düsseldorfer Pionier hat jüngst vom niederländische Versicherer und Vermögensverwalter Aegon 1,5 Mrd. Euro erhalten, die nun über die Plattform verliehen werden könnten. Auxmoney versucht nun, den Absatz über Kooperationen wie zum Beispiel mit der Smartphone Bank N26 anzukurbeln.

Hohe Wachstumsraten bei der Crowdfinanzierung gibt es nach einem Bericht von Finanzszene bei Immobilienprojekten. Danach wurden in den ersten neun Monaten dieses Jahres mehr als 100 Mio. Euro investiert, ein Wachstum im Vergleich zum Vorjahr um 337 Prozent.

Fintechs spielen im Kreditgeschäft kaum eine Rolle

Die meistens von Fintechs angebotenen neuen Finanzierungsangebote haben sich hierzulande noch nicht etabliert. Positiv ausgedrückt besteht hier erhebliches Potenzial, wenn man auf Daten der Bundesbank schaut. In ihrem Monatsbericht kann man nachlesen, dass das Volumen der ausstehenden Kredite an inländische Nichtbanken in Deutschland 3,3 Billionen Euro beträgt. Der Fintech-Anteil daran dürfte sich trotz starken Wachstums weiter im Promillebereich bewegen.

Trotz des Digitalisierungs- und Fintech-Hypes werden nach einer Studie der Unternehmensberatung PWC zwei Drittel des Kreditgeschäfts immer noch in der Filiale abgeschlossen. Kooperationen mit Fintechs spielen laut PWC für das Kreditgeschäft der Banken eine eher geringe Rolle. Aber immerhin 33 Prozent der Kreditinstitute sollen im Firmenkundengeschäft schon eine Kooperation verankert haben.

Wie eine solche Kooperation aussehen kann, könnte bald der Immobilienfinanzierer Berlin Hyp zeigen. Er beteiligt sich nach Medienberichten an dem in London und Berlin ansässigen Fintech Brickvest, einer Plattform für Immobilieninvestments. Brickvest betreibt Crowdinvesting und bringt Investoren und Entwickler großer Büro- oder anderer gewerblicher Gebäude ohne eine zwischengeschaltete Bank zusammen. Brickvest ermöglicht Investments ab 1000 Euro und verfügt über eine Lizenz als „Alternative Investment Fund Manager“ der britischen Finanzaufsicht FCA. Das ist die Lizenz, die nach Informationen der FCA auch für Hedgefonds vergeben wird. Die Beteiligung bestätigt den in früheren Kolumnen aufgezeigten Trend hin zur Digitalisierung immer anspruchsvollerer Geschäfte in professionellen Geschäftsbereichen (Business-to-Business = B2B).

Kommunalfinanzierung reizt Fintechs

In ein anderes anspruchsvolles B2B-Geschäftsfeld, das bisher vorwiegend Banken und Versicherer bedienen, will das Münchener Fintech Commnex vordringen. Wie das IT-Finanzmagazin schreibt, will Commnex einen Marktplatz für die digitale Kommunalfinanzierung aufbauen und als Vermittler zwischen Banken, Versicherern, anderen Kreditgebern sowie deutschen Städten und Gemeinden stehen. Commnex ist freilich nicht das erste Fintech, das in diesen Bereich vorstößt. Die Stadt Essen platzierte über die Plattform Firstwire im Herbst letzten Jahres ein Darlehen in Höhe von 5 Mio. Euro für die Liquiditätssicherung.

Firstwire selbst glaubt, damit den internationalen Markt für Private Placements „revolutionieren“ zu können. Ich weiß nicht, warum viele Start-ups vor oder nach dem ersten Geschäft gleich die Revolution oder gar Disruption neuer Geschäftsbereiche ausrufen müssen. Normalerweise ist das ein sicheres Zeichen, dass diese ausbleiben. Mehr Relevanz haben derzeit ohnehin eher klassische Finanzierungsformen, wie etwa das ziemlich unspektakuläre Schuldscheingeschäft. Aber auch hier werden evolutionäre Ansätze sichtbar, wie etwa der Prototyp der Platzierung eines Schuldscheins von Daimler via Blockchain-Technologie zeigt.

Von einem Durchbruch neuer Finanzierungsanbieter ist bislang in Deutschland nichts zu spüren. Marketplace-Lending und Crowdinvesting bemühen sich aus der Nische zu kommen. Absehbar ist freilich, dass die bestehenden Instrumente durch den Einsatz neuer Technologie und oft mit der Unterstützung von Fintechs erheblich modernisiert werden.