StreitgesprächBayer vs. Grüne: Wie ernähren wir zehn Milliarden Menschen?

Für das Streitgespräch lud Capital Grünen-Chef Robert Habeck (l.) und Bayer-Vorstand Liam Condon in das Institut für Agrar- und Gartenbauwissenschaften der Humboldt-Universität
Für das Streitgespräch lud Capital Grünen-Chef Robert Habeck (l.) und Bayer-Vorstand Liam Condon in das Institut für Agrar- und Gartenbauwissenschaften der Humboldt-UniversitätAlexander Gehring und Paula Winkler

Herr Condon, Sie stehen gerade im Zentrum einer der größten Übernahmen weltweit, von Monsanto durch Bayer. Die halbe Welt hat den Eindruck, dass Bayer gerade Darth Vader übernimmt. Ist das nicht doppelt anstrengend?

Liam Condon: (lacht) Es stimmt ja: Monsanto hat ein schlechtes Image, vor allem in Deutschland. Deshalb haben wir von Anfang an betont, dass wir das kombinierte Unternehmen nach Bayer-Werten führen werden. Die Logik des Deals ist klar: Bayer ist stark im Pflanzenschutz, Monsanto führend im Saatgut mit der Kernkompetenz Biotechnologie. Gemeinsam können wir innovativer sein und ganzheitlichere Lösungen anbieten.

Herr Habeck, verstehen Sie zumindest die Logik dieses Deals?

Robert Habeck: Ich verstehe natürlich die interne Logik von Bayer und Monsanto. Sie wollen noch größere Marktmacht. Politisch aber spricht alles gegen diese Fusion. Ganzheitlich heißt doch: größer, neu kombiniert und auf dem Weg zum Oligopol. Das ist der falsche Weg. Das ist ja auch keine Imagefrage, sondern eine materielle: Welche Landwirtschaft wollen wir künftig haben? Eine, die noch stärker Pestizide mit Gentechnik verzahnt und das Ganze noch schön digitalisiert? Das ist die falsche Antwort.

Condon: Sie machen es sich zu einfach! Wer eine nachhaltige Landwirtschaft will, muss auch auf technologische Innovation setzen. Auf besseres Saatgut, widerstandsfähigere Pflanzen und neue molekularbiologische Verfahren. Weil man nur so mit weniger Land, weniger Wasser und weniger Dünger und Pflanzenschutzmitteln mehr Ertrag erreicht. Auf biologische Art. Das muss doch in Ihrem Interesse sein!

Habeck: Nur fürs Protokoll: Wenn ich „biologisch“ sage, meine ich „ökologisch-nachhaltig“, Sie meinen „irgendetwas mit Pflanzen“.

Herr Condon, können Sie die Bedenken von Leuten wie Herrn Habeck verstehen?

Condon: Natürlich, er muss sich als Grünen-Chef gegen Agrarkonzerne und die konventionelle Landwirtschaft positionieren. Meine Aufgabe hingegen ist es zu verstehen: Woher kommen diese Bedenken in Teilen der Gesellschaft, und wie kann ich ihnen begegnen? Da mischen sich mehrere Ängste: die Angst, dass ein großes Unternehmen noch größer wird. Zweitens die Angst, dass Landwirte abhängig werden. Und drittens die Angst, dass Innovationen auf Kosten der Menschen, Tiere und Umwelt gehen, um Gewinne zu machen.

Und sind diese Ängste denn ganz unberechtigt?

Condon: Nun, sie sind erst einmal da, und wir versuchen, ihnen mit Fakten zu begegnen. Jede Zulassungsbehörde der Welt bestätigt uns, dass Produkte aus der Biotechnologie für Mensch und Umwelt unbedenklich sind. Dennoch wird gerade von NGOs und Vertretern Ihrer Partei das Gegenteil behauptet, und viele Menschen glauben das …

Habeck: Es ist genau andersherum: Es sind nicht Ängste, sondern die Fakten, die dagegen sprechen, den Weg dieser sogenannten „grünen Revolution“ einfach weiterzubeschreiten. Es mag sein, dass Sie in Ihren Laboren Innovationen hervorbringen. Aber wenn ich auf die Realität schaue, auf die industriell-chemische Landwirtschaft der vergangenen 30 Jahre, wäre es falsch, diese auf nur noch höherem Niveau fortzusetzen. Fakt ist, dass das Streben nach Größe und immer größeren Skaleneffekten dazu geführt hat, dass immer mehr Betriebe aufgeben mussten. Fakt ist, dass wir einen hohen Verlust an Artenvielfalt haben. Und Fakt ist, dass wir uns bei den genetischen Ressourcen extrem eingeengt haben: Von den 50.000 essbaren Pflanzenarten nutzen wir rund 30. Allein in den vergangenen hundert Jahren haben wir 75 Prozent der Kulturarten verloren.

Robert Habeck: Der 48-Jährige ist seit Ende Januar Bundesvorsitzender der Grünen. Sein Amt als Umweltminister in Schleswig-Holstein gibt er dafür auf. Habeck ist Quer- und Späteinsteiger bei den Grünen.
Robert Habeck: Der 48-Jährige ist seit Ende Januar Bundesvorsitzender der Grünen. Sein Amt als Umweltminister in Schleswig-Holstein gibt er dafür auf. Habeck ist Quer- und Späteinsteiger bei den Grünen.

Dennoch hat sich die Produktivität enorm gesteigert, der Hunger ist in Europa nahezu verschwunden …

Habeck: Das bestreite ich gar nicht. Am Anfang muss trotzdem die Frage stehen: Welche Landwirtschaft wollen wir in Zukunft? Bayer und Monsanto wollen eine hoch industrialisierte Landwirtschaft, die die Menge an Kalorien steigert. Dieser Weg berücksichtigt aber die negativen Folgen nicht. Wer die Umwelt und soziale Fragen ernst nimmt, muss zum Beispiel die Lebensmittelverschwendung verringern, den hohen Fleischkonsum reduzieren und für eine gerechte Verteilung sorgen.

Condon: Natürlich müssen wir uns mit diesen Fragen beschäftigen. Aber wir wollen den Menschen nicht vorschreiben, was sie zu essen haben. Wir glauben fest daran, dass es nicht eine, sondern viele Arten der Landwirtschaft gibt und geben muss und die Vielfalt hoffentlich noch zunimmt – wir haben den Ökolandbau, die konventionelle Landwirtschaft und eine, die mit gentechnisch veränderten Pflanzen arbeitet. In Zukunft wird es mehr Urban Farming geben, außerdem das Vertical Farming, also Produktion in mehrstöckigen Gebäuden. Es geht also nicht nur um Größe, sondern um Vielfalt – wir wollen all diese Arten bedienen, für große wie kleine Landwirte. Auch Biobauern kommen ja ohne Pflanzenschutz nicht aus.

Habeck: Stimmt, aber chemischer Pflanzenschutz ist verboten.

Condon: Dafür verwenden Biobauern Schwermetalle, die keineswegs harmlos sind.

Herr Condon, gibt es denn Kritikpunkte von Herrn Habeck, die Sie vielleicht sogar teilen?

Condon: Ich stimme zu, dass die Landwirtschaft zu einseitig auf Ertrag ausgerichtet war. Dafür hat der Hunger abgenommen – 1960 hat in Deutschland ein Bauer 17 Menschen ernährt, heute sind es 160. Ein reines „Weiter so“ geht nicht, das sieht Bayer genauso wie die Grünen. Zwei Themen werden wichtiger, zum einen die Qualität, zum anderen die Nachhaltigkeit. Die Landwirtschaft arbeitet nicht ressourcenschonend genug. Da kommen immense Herausforderungen auf uns zu, die Bevölkerung wächst, das Wetter wird extremer, das Klima wandelt sich.

Das klingt jetzt fast so, als habe Herr Habeck gesprochen …

Habeck: Bei der Diagnose sind wir offenbar gar nicht so weit auseinander, nur bei den Lösungen. Ich sehe doch jeden Tag, was inzwischen auch in unserem Land los ist. Wir haben einen so feuchten Winter in Schleswig-Holstein gehabt, die Felder sind abgesoffen – selbst alte Landwirte können sich nicht daran erinnern, dass es jemals so nass war. Auf vielen Feldern steht der Mais noch, der im Herbst hätte geerntet werden sollen. Ich bin nicht gegen Innovationen, aber gegen den Kauf von Monsanto durch Bayer. Ein „Roundup für alle“ ist keine Lösung.

Was meinen Sie damit?

Habeck: Von Afrika über Südamerika bis zu meiner Heimat erleben wir das Gleiche: eine vertikale Integration. Bauern werden Teil einer Handelskette und produzieren nur noch für einen Konzern. So verlieren sie ihre Freiheit und Wahlmöglichkeit, sie werden abhängig.

Liam Condon: Der gebürtige Ire ist seit 2016 Mitglied des Vorstands von Bayer und steht an der Spitze der Division Cropscience.
Liam Condon: Der gebürtige Ire ist seit 2016 Mitglied des Vorstands von Bayer und steht an der Spitze der Division Cropscience.

Zusammengefasst: Sie sagen, die Größe ist das Problem, Herr Condon sagt, die Größe ist die Lösung.

Condon: Einspruch! Es geht nicht um Größe, sondern um Vielfalt und Innovation. Schauen Sie, Bayer wäre angesichts der Herausforderungen mit seinem Fokus auf chemischen Pflanzenschutz einfach zu klein. Denn Chemie ist nicht immer die Lösung. Und noch ein Wort zu dem „Roundup für alle“: Glyphosat ist keine Innovation, das Mittel gibt es seit 40 Jahren. Glyphosat ist nicht unsere Zukunft, deshalb übernehmen wir auch nicht Monsanto – sondern weil sie führend bei biotechnologischen Innovationen sind.

Habeck: Ich kenne die Manager von Monsanto nicht, ich unterstelle auch Herrn Condon nichts Böses. In der Logik eines Konzerns aber ist doch immanent, dass er aus Menschheitsgütern, die für alle da sind, Rendite erwirtschaften muss.

Aber können Bayer oder Monsanto überhaupt anders handeln?

Habeck: Nun, sie sind keine Wohlfahrtsunternehmen. Weizen aber ist kein Produkt von Bayer oder Monsanto, sondern der Evolution. Die Konzerne haben es nur verändert, so sind sie immer weitergewachsen – und mit ihrer Marktmacht dominieren sie alles.

Condon: Na ja, es gibt Tausende Saatgutunternehmen, allein in Deutschland einige Hundert. Bayer und Monsanto tummeln sich nur im kommerziellen Bereich – der mit Abstand größte ist nicht kommerziell. Jeder Landwirt kann entscheiden, welches Saatgut er nimmt. Er kann kostenloses verwenden oder für ein Produkt von uns bezahlen – und das tut er nur, wenn er sich einen Mehrwert verspricht.

Habeck: Aber in der Praxis stimmt das nicht. Die Landwirte werden doch in der Regel so ausgebildet und beraten, dass sie nur das chemische Pflügen beherrschen. Es würde eine Generation brauchen, bis sie pestizidfreie Landwirtschaft betreiben können. Deshalb ist jetzt für die Bauern bei der Übernahme von Monsanto die Frage: Entsteht ein Konzern, der allen die Preise und Methoden diktiert?

Condon: Natürlich nicht. Das wollen wir gar nicht, und das wäre auch nicht möglich. Dafür sorgen die Kartellbehörden. Wir veräußern unser Saatgutgeschäft, um Monsantos zu übernehmen, sodass gleich viele Anbieter bleiben. Es gibt viele weitere Auflagen, die potenziell missbräuchliches Marktverhalten verhindern.

Habeck: Das System funktioniert doch so, dass vom Saatgut bis zur Ernte alles auf den Einsatz von chemischen Pestizidprodukten abgestimmt ist. Durch die Übernahme liegt noch mehr in einer Hand, Sie sagen ja selbst, Sie wollen ganzheitliche Lösungen. Der Bauer wird zu einem Bayer-Monsanto-Landwirt. Und das ist nicht die Schuld von Ihnen, Herr Condon – Sie machen nur Ihren Job. Die EU-Kommission als Wettbewerbshüter aber darf die Übernahme nicht genehmigen. (Anm. d. Redaktion: Sie hat die Übernahme inzwischen genehmigt – mit Auflagen)

Condon: Die Wirklichkeit sieht anders aus. Landwirte verwenden in der Regel Produkte von ganz verschiedenen Herstellern.

Das Institut hat mehrere Gewächshäuser. Die von Bayer sind ähnlich, nur viel größer, wie Liam Condon (l.) Robert Habeck berichtete
Das Institut hat mehrere Gewächshäuser. Die von Bayer sind ähnlich, nur viel größer, wie Liam Condon (l.) Robert Habeck berichtete

Herr Habeck, ist das nicht das Prinzip von Apple – der Aufbau eines Ökosystems?

Habeck: Ja, das kann man gut vergleichen. Wer ein iPhone hat, muss Musik von iTunes hören und Apps aus dem App Store laden.

Aber Apple verteufeln nicht so viele Menschen. Sie auch nicht.

Habeck: In der digitalen Welt diskutieren wir längst die Macht der Plattformen. Mit der Digitalisierung erleben wir übrigens auch die dritte Stufe der Machtkonzentration in der Landwirtschaft. Die bringt unbestritten viele Fortschritte: Sie können etwa viel genauer Gülle ausfahren oder punktgenau Pestizide aufbringen, das löst viele Umweltprobleme, über die die Grünen sich mit den Bauern jahrzehntelang die Köpfe eingeschlagen haben. Aber man schafft auch neue Probleme, wie bei der iPhone-Abhängigkeit. Immer mehr Software und Daten über Boden und Erträge, quadratmetergenau, werden von Maschinenherstellern gespeichert. Wenn Agrochemiekonzerne auch noch die Hersteller übernehmen, ist das System komplett geschlossen. Fehlt noch, dass sie Aldi kaufen, dann haben sie von der Saat bis zur Theke alles aus einer Hand …

Die Logik hinter all den Zusammenschlüssen ist die Ernährung der Zukunft. Die Weltbevölkerung wächst bis 2050 auf rund zehn Milliarden Menschen. Wie sieht denn Ihre Lösung aus, Herr Habeck?

Habeck: Die Welternährung ist eine der Schlüsselfragen der Menschheit. Aber Fakt ist: Wir haben kein Produktionsproblem, wir erzeugen 2800 Kalorien pro Mensch pro Tag, wir können theoretisch alle satt bekommen. Nur funktioniert die Verteilung nicht. Es gibt 800 Millionen Menschen, die unterernährt sind, 1,5 Milliarden essen zu viel. Wir haben also ein Gerechtigkeitsproblem und müssen mit der Verschwendungsmentalität brechen.

Kommt jetzt wieder Ihr Aufruf zum Fleischverzicht?

Habeck: Wenn man zehn Kilo Getreide braucht, um ein Kilo Rindfleisch zu produzieren, dann ist das ein Problem. Vor allem, wenn Fleischkonsum mit Wohlstand gleichgesetzt wird und bald jeder Mensch Rinderburger oder Steaks essen will. Aber wir verschwenden auch Ackerflächen mit dem Anbau von Zuckerrohr, den wir dann in den Tank schmeißen. Biokraftstoffe waren ein Irrweg.

Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass wir die Produktivität in der Landwirtschaft um 50 Prozent steigern müssen. Ist das denn realistisch, etwa für Afrika?

Condon: Zunächst muss man differenzieren: Einigen Kleinbauern in Afrika und Asien geht es deshalb schlecht, weil in ihren Ländern Krieg, Konflikte oder Korruption herrschen. Das können wir als Unternehmen nicht lösen, das muss die Politik tun.

Habeck: Da stimme ich zu.

Condon: Andere Kleinbauern leiden darunter, dass sie nur Subsistenzlandwirte sind. Wenn ich mit ihnen rede, dann erfahre ich, dass sie gern Überschüsse erwirtschaften würden, damit ihre Kinder auf eine Schule gehen können. Sie wollen eine bessere Zukunft.

Sie fahren selbst zu diesen Bauern?

Condon: Ja, klar. Wir haben viele Projekte mit solchen Landwirten, vor allem in Indien, aber auch woanders in Asien und in Afrika. Wir beraten sie, oft helfen einfachste Tipps, wie man auf einer sehr kleinen Fläche ertragreicher anbaut. Die Kleinbauern wissen oft nicht, welchen Preis sie bekommen können, und lassen sich von Mittelsmännern ausnehmen. Wir sehen mit der Digitalisierung eine Riesenchance, gerade Kleinbauern zu helfen, indem wir mehr Transparenz schaffen. Wir arbeiten vor Ort übrigens meist mit Unternehmen, Instituten und regionalen NGOs zusammen. Das läuft sehr gut.

Herr Habeck, Bayer als Entwicklungshelfer, das muss Sie doch freuen, oder?

Habeck: An den Agrarstrukturen sind wir ja nicht unschuldig. Viele Entwicklungs- und Schwellenländer bauen etwa Soja an, das in Argentinien, Deutschland oder den USA an Schweine oder Rinder verfüttert wird. Und wir exportieren dann in diese Länder tierische Produkte. Das macht dort die Märkte kaputt.

Das war jetzt keine Antwort.

Habeck: Also, ich höre Herrn Condons Worte, allein mir fehlt der Glaube. Überall, wo der Westen eingegriffen hat und sich Konzerne beteiligt haben, hat das niemals dazu geführt, dass wir eine kleinbäuerliche Landwirtschaft haben, die der Region nutzt. Am Ende steht immer eine Megastruktur.

Condon: Herr Habeck, Sie müssen es einmal mit eigenen Augen sehen. Sie bestreiten, dass eine Firma wie Bayer und Konzerne allgemein einen Nutzen für die Gesellschaft bringen. Ich sage: Gerade als großes Unternehmen haben wir diese Verantwortung und werden ihr auch gerecht.

Habeck: Ich schaue mir einfach an, was Monsanto in der Vergangenheit in Südamerika gemacht hat. Mir wäre neu, dass die Kleinbauern dort das gutheißen. Da fliegt man mit Flugzeugen über die Felder, wo aus Versehen auch mal ein Indiodorf mit Glyphosat eingesprüht wird. Herr Condon, das sind demnächst Ihre Flugzeuge.

Condon: Ich kann nicht für Monsanto reden. Wir sind Wettbewerber, die fusionieren wollen. Aber das sind nicht „unsere“ Flugzeuge, sondern die von Landwirten oder Dienstleistern. Produkt und Anwendung sind zwei verschiedene Dinge. Wir versuchen, durch Schulung und Beratung die sachgerechte Anwendung unserer Produkte sicherzustellen, und werden das auch in Zukunft verstärkt tun. Und ich sage: Wir werden liefern und uns an Taten messen lassen. Aber ich wünsche mir, dass man uns nicht von vornherein verteufelt.

Sie sind Ire, ist die Debatte in Deutschland denn eine andere?

Condon: Die Deutschen sind schon kritischer. Die Diskussion in Irland und England ist neutraler, hier ist sie ideologisch aufgeladen.

Habeck: Der Ideologievorwurf ist immer von beiden Seiten möglich. Genauso könnte ich sagen, der Marktglaube ist Ideologie, die Pestizidwirksamkeit ist Ideologie. Aber ich gebe zu, dass es so was wie eine falsche Sozialromantik gibt. Auch die Kleinbauern müssen die Chance haben, sich weiterzuentwickeln. Sie haben genauso das Recht wie alle anderen, dass ihre Kinder oder Enkel nicht Jahr für Jahr auf dem Markt stehen und Maiskolben verkaufen, sondern es eines Tages besser haben.

Konzerne wie Monsanto und Bayer arbeiten daran, für solche Menschen besseres Saatgut zu züchten. Findet das Ihre Zustimmung?

Habeck: Ich bin sehr für Forschung und Innovation. Wir brauchen eher mehr davon, auch wegen des Klimawandels. Und wenn Sie den Bauern neue Sorten präsentieren, die klimaangepasst gute Erträge abwerfen, dann klatsche ich in die Hände und freue mich. Ich würde nie eine Banane nicht essen wollen, nur weil das Saatgut von Bayer kommt. Solange die Banane nicht auf ewig Bayer gehört.

Herr Condon, haben Sie was in der Pipeline, wo Herr Habeck in die Hände klatschen kann?

Condon: Jede Menge. Nehmen wir Reis. Mit dem Klimawandel steigt das Meeresniveau an, viele küstennahe Gebiete, wo Reis angepflanzt wird, werden überflutet. Der Reis überlebt das nicht. Man kann das Saatgut so stärken, dass es Überflutungen und Versalzung durch das Meerwasser überstehen kann. Wir können auch Weizen so züchten, dass er mit viel weniger Wasser auskommt und Dürre aushält.

Herr Habeck, klatschen Sie mal.

Habeck: Das Saatgut wird vermutlich teurer sein als herkömmliches. Die kleinen, kapitalschwachen Bauern können sich das nicht leisten, sondern nur Großbauern. Dann wird da effektiver Reis angebaut, aber man hat die soziale Struktur zerbrochen. Die gute Absicht der Forschung führt zu einer Monopolisierung des Reisanbaus in China in der Hand von einem Saatguthersteller, der auch das Pestizid liefert.

Die Lösung kann doch nicht sein, dass Bayer sich raushält …

Habeck: Nein, aber Patente auf Pflanzen und Tiere darf es nicht geben. Denkbar wäre, dass die Welternährungsorganisation Lizenzen aufkaufen darf und das Saatgut kostenlos oder kostengünstig an die Bauern gibt.

Darauf würde sich Bayer kaum einlassen, oder?

Condon: Nein, das wäre kaum mit der Marktwirtschaft vereinbar. Aber Reis ist ein gutes Beispiel. Er ist ein Grundnahrungsmittel in Asien, er wird oft subventioniert. Jeder sollte ihn sich leisten können, aber nicht alle können es. Deshalb haben wir einige Pilotprojekte mit Partnern. Sie bieten den Bauern Mikrokredite, mit denen können sie das Saatgut kaufen und eine Versicherungspolice gegen Ernteausfälle. Was halten Sie davon, Herr Habeck?

Habeck: Mikrokredite sind eine feine Sache, aber die Versicherungen wollen sicher Gewinne machen. Wir brauchen eine Art Open-Source-Politik für Saatgut und Pestizide.

Dann müsste der Staat aber mehr Geld in die Forschung stecken …

Habeck: Ja. Und ich sehe da schon ein Dilemma. Wir sind vorhin auf dem Campus an den Gewächshäusern der Humboldt-Uni vorbeigelaufen. Ich hab Liam Condon gefragt: Sieht das bei euch auch so aus? Er sagte: Ja, nur sehr viel größer. Natürlich ist die Forschung in den starken Unternehmen schlagkräftig. Die Frage ist schon, gäbe es Bayer und Monsanto nicht, ob eine Uni das allein würde stemmen können.

Sie sprachen vorhin über die Sozialromantik der Grünen: der Ökobauer mit 20 Hektar, der im Einklang mit der Natur Pflanzen anbaut. Ist das realistisch – oder sorgt man da nicht eher für den Nachschub bei „Bauer sucht Frau“?

Habeck: Na ja, Ökobauern machen auch Innovationsfortschritte. Aber natürlich hat der Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden für enorme Produktionssteigerungen gesorgt. Und natürlich haben wir es dem immer effizienteren Wirtschaften der Landwirte zu verdanken, dass wir heute nur noch zehn bis zwölf Prozent unseres Einkommens für Lebensmittel ausgeben und nicht 80 oder 90 Prozent. Die Gesellschaft ist reicher geworden durch günstige Lebensmittel. Völlig unstrittig. Das verdanken wir den Bauern und den Innovationen im Bereich Zucht, Kunstdünger und Pestizide.

Condon: Und diese Innovationen brauchen wir auch in Zukunft!

Habeck: Ja, aber wir haben eben auch neue Probleme zu lösen, und die Industrialisierung der Landwirtschaft hat einen hohen Preis. Ich will nicht zurück zu einer Bullerbü-Landwirtschaft mit drei Schweinen und zwei Hühnern. Wir wollen auch den Bauern in Afrika nichts vorschreiben. Ich möchte aber, dass unsere Fehler anderen erspart bleiben. Wir dürfen die Landwirte nicht in eine neue Abhängigkeit treiben.

Wir haben in diesem Gespräch zwei unterschiedliche Weltsichten gehört. Frage an Sie beide: Nehmen Sie eine neue Erkenntnis mit?

Condon: Die größte Erkenntnis für mich ist, dass wir als Bayer und als Industrie insgesamt viel mehr erklären müssen, was wir tun, warum wir das tun. Wir waren lange fixiert auf den Landwirt und haben dem Verbraucher zu wenig erklärt, warum wir Innovationen in der Landwirtschaft brauchen. Wir müssen mehr den Dialog suchen, ansonsten werden wir das Vertrauen der Menschen nicht gewinnen.

Habeck: Ich höre aus der Industrie das „Wir haben verstanden, wir müssen etwas ändern“. Das freut mich. Nur passt dazu nicht die Übernahme von Monsanto.