Brexit„Aus Sicht des britischen Finanzsektors haben wir ein No-Deal-Szenario“

Das Brexit-Abkommen nützt der britischen Finanzbranche kaum.imago images / Science Photo Library

Die Erleichterung war groß, als sich Großbritannien und die EU kurz vor dem Jahreswechsel auf ein Abkommen einigten. Hauptsache kein ungeregelter, harter Brexit, war die verbreitete Meinung. Doch dem britischen Finanzsektor hilft das Abkommen wenig, denn er bleibt weitestgehend außen vor. „Aus Sicht des britischen Finanzsektors haben wir es mit einem No-Deal-Szenario zu tun“, sagt Jürgen Matthes, Leiter des Kompetenzfelds Internationale Wirtschaftsforschung und Konjunktur am arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW).

Denn für die britische Finanzbranche bedeutet der Austritt aus dem EU-Binnenmarkt: Großbritannien wird behandelt wie ein Drittstaat. So dürfen Mitarbeiter britischer Banken Kunden aus der EU nur noch von Filialen innerhalb der EU bedienen. „Selbst telefonische Beratungsgespräche sind für Finanzdienstleister verboten“, sagt Matthes. Das sei eine Beratungsdienstleistung, die britische Finanzdienstleister nicht mehr aus Großbritannien anbieten dürften.

Trotzdem halten sich die Störungen bislang in Grenzen: „Größere Verwerfungen mit Blick auf die Finanzstabilität hat es bisher nicht gegeben“, sagt Andreas Krautscheid, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken (BdB). In stabilitätsrelevanten Bereichen, wie der Nutzung britischer Clearing-Häuser, habe die Europäische Kommission den Marktzugang über Äquivalenzentscheidungen vorerst offengelassen. „In allen anderen Bereichen haben die Banken entsprechende Vorkehrungen getroffen“, sagt Krautscheid. Auch deutsche Banken seien gut auf die Einstufung Großbritanniens als Drittstaat vorbereitet gewesen. „Dennoch bleibt es mit Blick auf den internationalen Wettbewerb wünschenswert, dass die EU auch für andere Bereiche den Marktzugang möglich macht“, sagt er.

Banken verlagern Geschäfte in die EU

In zahlreichen Äquivalenzregelungen will die EU nun entscheiden, ob sie die britische Regulierung in der Finanzbranche als gleichwertig mit der EU-Regulierung anerkennt. Viele dieser Entscheidungen stehen noch aus. Ein Problem für Großbritannien: Die EU kann diese Äquivalenzregelungen jederzeit einseitig wieder aufkündigen – was für mangelnde Planbarkeit sorgt.

Für Matthes steht fest: „Banken können nur dann ein nennenswertes Geschäft in Europa machen, wenn sie eine Niederlassung auf dem Kontinent oder in Irland haben.“ Viele Banken müssten daher ihre Geschäftsbasis verlegen. „Dadurch gehen Arbeitsplätze in London verloren und werden in Paris, Dublin, Amsterdam und Frankfurt aufgebaut“, sagt Matthes.

In Teilbereichen sei zu beobachten, dass Geschäfte abwandern, sagt auch Krautscheid. Das gelte für die Verlagerung von Geschäften in die EU, was insbesondere bei internationalen Banken zu beobachten sei. Diese hätten ihr Geschäft bisher über London gesteuert und wickelten es nun zum Beispiel über Paris, Amsterdam oder Frankfurt ab. „Es ist aber auch zu sehen, dass Geschäfte aus London an andere Regionen der Welt gehen, wie zum Beispiel beim Derivatehandel, bei dem insbesondere New York von mehr Aufträgen profitiert“, sagt Krautscheid.

Die Beratungsfirma EY ging schon im Oktober des vergangenen Jahres – also noch vor Großbritanniens Austritt aus dem Binnenmarkt – davon aus, dass bereits 7500 Arbeitsplätze innerhalb der Finanzbranche von London in die EU abgewandert waren. Zudem sind laut EY damit Vermögenswerte in Höhe von 1,2 Billionen Pfund in die EU abgewandert. „Obwohl diese Situation vorhersehbar war und einige Jobs bereits abgewandert sind, gibt es jetzt noch einmal einen möglicherweise sogar noch größeren Schub der Abwanderung“, sagt Matthes. Auch davon werde sicherlich Frankfurt als Finanzmetropole profitieren.

Finanzministerium: positive Effekte für den Finanzstandort Deutschland

Zu diesem Schluss kommt auch das deutsche Bundesfinanzministerium. Insgesamt hätten 55 britische Banken und Finanzdienstleister Geschäftslizenzen in Deutschland beantragt, teilt das Ministerium in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage mit. 54 davon seien bislang genehmigt worden. Zudem hätten drei Schaden- und Unfallversicherer die Erlaubnis zum Geschäftsbetrieb erlangt. Zahlreiche Finanzdienstleister aus Großbritannien hätten im Zuge des Brexits in Deutschland und anderen EU-Staaten Zweigniederlassungen und Tochtergesellschaften entweder neu errichtet oder bereits bestehende Strukturen „in teils signifikantem Maße ausgebaut“, heißt es. Deutschland habe sich dabei neben Irland als attraktiver Standort erwiesen.

Das Bundesfinanzministerium geht davon aus, „dass die Verlagerung von Vermögenswerten und die neu geschaffenen Arbeitsplätze im Finanzsektor positive Effekte auf die Attraktivität des Finanzstandortes Deutschland haben werden“. Davon geht auch die Hessische Landesbank in einem Wochenbericht aus: Frankfurt könne bis Ende 2022 mit etwa 1500 neuen Arbeitsplätzen bei den Brexit-Banken rechnen.

Auch Krautscheid geht davon aus, dass Arbeitsplätze entstehen werden. „Das werden nicht zehntausende neue Arbeitsplätze sein, wie zum Teil für den Raum Frankfurt angenommen, aber die Bedeutung des Finanzstandort Deutschland nimmt zu“, sagt er.

Auch der Aktienhandel wandert ab

Für London drängt derweil angesichts der ungeklärten Situation die Zeit. „Je länger sich die Entscheidung über die Äquivalenzvereinbarungen hinzieht, desto mehr Jobs werden abwandern und desto kleiner ist die Chance, mit einem Äquivalenzabkommen Jobs zurück nach London zu holen“, sagt Matthes. Das bedeute auch, dass der Anreiz für Großbritannien sinke, sich im Finanzsektor an EU-Regeln zu halten.

Großbritannien habe immer betont, nicht von internationalen Finanzstandards abweichen zu wollen, sagt Krautscheid. Dennoch werde sich die britische Regierung dafür einsetzen, den Finanzstandort Großbritannien attraktiv zu halten. „Sie hat bereits für einzelne Finanzbereiche angekündigt, EU-Gesetze nicht mehr umzusetzen oder den bisherigen Rechtsrahmen zu ändern“, sagt er.

So überlegt die britische Regierung wohl, beispielsweise die Mindestanforderungen für Börsengänge zu senken. Das soll ausländische Unternehmen an die Londoner Börse locken. Denn auch diese hat durch den Brexit an Attraktivität verloren: Marktteilnehmer aus der EU dürfen Aktien von europäischen Unternehmen nun nur noch innerhalb der EU handeln. Das hat Folgen: So sind laut der „Financial Times“ gleich am ersten Handelstag des Jahres 2021 rund 6 Mrd. Euro des EU-Aktienhandels aus London in EU-Städte abgewandert. „Es bleibt aber im beiderseitigen Interesse, dass EU und UK gleichwertige Standards aufrechterhalten, um den gegenseitigen Marktzugang auszubauen – vor allem zur Vermeidung der Abwanderung des Geschäfts in andere Regionen der Welt“, sagt Krautscheid.

London bleibt als Finanzstandort relevant

Die Finanzbranche ist von zentraler Bedeutung für die britische Wirtschaft – und vor allem für die Hauptstadt London. Im Jahr 2018 trug der Finanzdienstleistungssektor 132 Mrd. Pfund zur britischen Wirtschaft bei, das sind rund sieben Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung.

Ist der Brexit also das Ende des Finanzstandortes London? „London gehört zu den größten Finanzstandorten der Welt und wird auch künftig konkurrenzfähig bleiben“, sagt Krautscheid. „Das Geschäft, das jetzt wegfällt, wird dem Finanzstandort London nicht das Genick brechen“, ist sich auch Matthes sicher. Dazu sei der Standort zu stark und mache genügend Geschäfte außerhalb Europas, zum Beispiel in Asien und Amerika. Man werde abwarten müssen, wie gut es gelinge, das auszubauen. „Aber selbst, wenn es nur zu einem kleinen Teil gelingt, die Folgen des Brexits zu kompensieren, wird der Finanzstandort London bestehen bleiben“, sagt Matthes. „Er ist einfach zu groß und zu relevant.“

 


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