KolumneAufsichtsräte als Abnicker

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Letzten Donnerstag im Berliner Allianz-Forum, die 14. Jahreskonferenz der Corporate-Governance-Kommission. Und man fühlt sich wie im Filmklassiker „Und täglich grüßt das Murmeltier“, wo sich der  quälende Tagesablauf eines Reporters wieder und wieder wiederholt. BDI-Chef Ulrich Grillo gibt seiner eigenen Manager-Kaste mal wieder beste Noten („99,9 Prozent machen einen guten Job“), die Multi-Aufsichtsrätin Ann-Kristin Achleitner lobt sich wie immer selbst („Führen durch Vorbild“) und alle, aber auch alle anwesenden Wirtschaftsleute jammern über die vielen gesetzlichen Vorschriften für Unternehmensführung. Also alles wie 13-mal vorher.

Nur ein Konzernvertreter fällt erfrischend aus der Rolle: der Aufsichtsratschef der Direktbank ING DiBa, Ben Tellings. Sein Kernsatz: „Es liegt in unserer Hand, ob wir selbst auf freiwilliger Basis reglementieren – oder ob wir reglementiert werden.“

Genau so ist es. Leider halten sich in Deutschland die wenigsten Aufsichtsräte und Vorstände an den guten Rat des Niederländers. Deshalb erfüllen sie nach wie vor viele freiwillige Regeln, die sie sich gegeben haben, nur formal oder gar nicht. Und wundern sich, wenn es später zu gesetzlichen Vorschriften kommt, die empfindlich in die Unternehmensführung eingreifen. So war es bei der Frauenquote, so war es bei den Managergehältern. Die Konzerne leisteten so lange hinhaltenden Widerstand gegen verbindliche freiwillige Regeln, bis sie gesetzliche bekamen. Um anschließend darüber zu jammern.

Die Jammerspirale dreht sich weiter

Immer noch glauben viele Aufsichtsräte, sie könnten sich sogar jene Regeln guter Unternehmensführung einfach nach Gutsherrenart zurechtbiegen, die sie selbst ausdrücklich unterschrieben haben. Das gilt zum Beispiel für die Suche nach neuen Aufsichtsräten: Nach dem freiwilligen Corporate Governance Kodex soll ein besonderes Gremium die Auswahl steuern. Alle Dax-30-Konzerne müssen sich eigentlich daran halten. Doch in der Praxis schalten viele Aufsichtsratschefs diesen Nominierungsausschuss erst ein, nachdem sie sich bereits mit einem  Kandidaten geeinigt haben. Die Mitglieder des zuständigen Gremiums (und erst Recht die übrigen Aufsichtsräte) werden so zu bloßen Abnickern.

Eigene Vorschläge für neue Regeln guter Unternehmensführung will die deutsche Corporate Governance Kommission am liebsten gar nicht mehr machen. Dahinter steckt die sogenannte „Piranha-Theorie“: Wer freiwillig den kleinsten Finger gibt, so glauben viele Aufsichtsräte, riskiert die ganze Hand. Will sagen: Wer öffentlichem Druck nachgibt und sich auf neue Selbstverpflichtungen einlässt, bekommt am Schluss trotzdem noch gesetzliche Regeln obendrauf.

Doch diese Theorie geht in die Irre: Durch ihre Passivität begeben sich die Konzerne in Wahrheit jeder sinnvollen Einflussnahme. Wer nur mit sich selbst diskutiert und Kritiker gar nicht erst aufs Podium lässt, wie beim 14. Jahrestreffen in Berlin, muss sich nicht wundern über seine eigene politische Bedeutungslosigkeit. Man kann schon jetzt die Prognose wagen: Auf der 15. Jahreskonferenz dreht sich die gleiche Jammerspirale weiter wie auf der 14.

Hier geht es zur letzten Kolumne von Bernd Ziesemer: Autopreiskrieg in Peking