AnalyseAngst vor der Kohlenstoffblase

Sie treffen sich seit einem halben Jahr in gut klimatisierten Räumen im saudischen Dhahran, in Londoner Hinterzimmern oder in New York: Berater, die von einigen der wichtigsten Banken der Welt kommen. HSBC, JP Morgan, Morgan Stanley. Ihr Auftrag: den größten Börsengang aller Zeiten vorzubereiten.

Saudi Aramco, der staatliche Ölriese Saudi-Arabiens, soll im kommenden Jahr an die Börse gehen. Nur mit einem Anteil von fünf Prozent zwar – aber schon das lässt die Märkte heißlaufen. Saudi Aramco, das heißt: eine Quelle sprudelnden Öls, eines überall begehrten Rohstoffs. Eine Gelddruckmaschine. Bis zu 2000 Mrd. Dollar sei der gesamte Konzern wert, hatte das saudische Königshaus verkündet. Mehr als Apple, Microsoft und die Google-Mutter Alphabet zusammen.

Aber stimmt das überhaupt? Noch während die internationalen Berater rechnen, sind erhebliche Zweifel laut geworden. Branchenexperten geben deutlich niedrigere Bewertungen ab. Auch das Bankenteam selbst kommt Medienberichten zufolge beim besten Willen nicht auf den ursprünglich angestrebten Preis. Zum einen weiß niemand, ob die Ölvorräte der Saudis tatsächlich so groß sind wie offiziell angegeben. Das ist ein altes Problem, schwerer wiegt jedoch ein neuer Zweifel: Investoren fürchten, dass die Reserven in den kommenden Jahren massiv an Wert verlieren.

Seit der Klimakonferenz von Paris im Jahr 2015 machen viele Regierungen ernst mit dem Kampf gegen Kohlendioxid. Energierohstoffe könnten bald nicht mehr so gefragt sein wie bisher – und dramatisch an Wert verlieren. Das trifft nicht nur Saudi Aramco, sondern alle Produzenten von Erdöl, Gas oder Kohle. Und das Problem hat einen Namen: carbon bubble. Kohlenstoffblase.

„Wir haben in den vergangenen Jahren einen faszinierenden Wandel beobachtet“, sagt Frédéric Samama, der beim französischen Vermögensverwalter Amundi das Geschäft mit institutionellen Anlegern verantwortet. „Bis dahin war der Kampf gegen den Klimawandel eine rein politische Angelegenheit. Jetzt sehen wir, dass Anleger ihre Strategie danach ausrichten.“

Samama kann genau sagen, wann ihm klar wurde, dass sie es mit etwas Großem zu tun haben. Im August 2014 wollte der Finanzfachmann in den Urlaub fahren, die Koffer waren gepackt. Amundi plante einen Indexfonds, der den CO₂-Footprint halbieren sollte, aber den gab es bis dahin nur als Prototyp. „Da rief ein Kunde bei uns an, der wollte, dass wir sofort richtig damit loslegen“, sagt Samama. „Und er wollte 1 Mrd. Euro da reinstecken.“ Ab da wusste er, dass es ernst wird. Der Urlaub musste warten.

Klimaindex performt gut

Samama verfolgt das Thema auch deshalb, weil er seinen Fonds an den Mann bringen will. Doch die Furcht vor der Rohstoffblase treibt viele um. Norwegens Staatsfonds, der größte der Welt, will sein Geld aus Industrien mit hohem CO₂-Ausstoß abziehen – das Geld, das er vor allem dank des Exports von Öl eingenommen hat. Die Allianz investiert nicht mehr in Unternehmen, die über 30 Prozent ihres Umsatzes aus dem Abbau oder der Verbrennung von Kohle beziehen. Klimaorientierte Indexfonds wie der MSCI Low Carbon Target Index schlagen ihre traditionellen Vergleichswerte in der Performance.

Mark Carney, Gouverneur der Bank of England, warnte in einer viel beachteten Rede, ein plötzlicher Einbruch der Energiewerte gefährde die Stabilität der Finanzmärkte. Auch Privatanleger könnten das Problem zu spüren bekommen – in ihren Pensionsfonds und Sparplänen.

Die große Frage ist nun, ob dieser Wandel bereits eingepreist ist oder den Anlegern noch weitaus größere Überraschungen bevorstehen. Für viel Aufsehen sorgte im Herbst eine 16-seitige Studie der Fondsgesellschaft Blackrock. Unter dem unscheinbaren Titel „Die Anpassung von Portfolios an den Klimawandel“ kam der größte Vermögensverwalter der Welt zu einem beunruhigenden Urteil: „Wir glauben, dass Klimafaktoren unterschätzt und zu niedrig eingepreist worden sind“, heißt es da. „Das aber könnte sich ändern, wenn die Folgen des Klimawandels deutlicher sichtbar werden.“ Selbst wer nicht an die Theorie von der menschengemachten Erderwärmung glaube, so die Autoren, könne die „Flut von klimabezogenen Regulierungsschritten“ nicht ignorieren.