Buchpreis„Amerikas Kapitalismus ist am Ende“

Die Wall Street ist das Sinnbild des amerikanischen Kapitalismus. Wegen der Corona-Krise findet auf dem Börsenparkett zurzeit kein Handel stattimago images / Bildbyran


Die Ökonomin und Beraterin Denise Hearn hat lange für das Analysehaus Variant Perception gearbeitet. Ihr Co-Autor Jonathan Tepper hat es gegründet. Ihr Buch „The Myth of Capitalism“ ist einer der Gewinner des Wirtschaftsbuchpreises 2019 von getAbstract und Capital. Das folgende Interview wurde vor Ausbruch der Corona-Krise geführt


Frau Hearn, Sie sagen, der amerikanische Kapitalismus, wie wir ihn kennen, ist am Ende. Was meinen Sie damit?

DENISE HEARN: Beim Gedanken an die USA haben die meisten noch die freie Marktwirtschaft im Kopf. Die ist uns in den vergangenen 40 Jahren aber abhandengekommen. Ganze Industrien und Branchen werden nur noch von einem oder zwei Konzernen kontrolliert – als Folge von Neoliberalismus, Deregulierung und Übernahmewellen ohne wirkliche Fusionskon­trolle. So haben Monopole, Oligopole und kartellähnliche Absprachen den Wettbewerb praktisch ausgeschaltet. Der ist eigentlich die Triebfeder des Kapitalismus – aber wenn er als zentrale stimulierende Kraft ausfällt, können wir nicht mehr von Kapitalismus reden.

Wovon dann?

Von Marktversagen aufgrund einer übermäßigen Konzentration von Marktmacht in den Händen weniger. Wenn wir in natürlichen Systemen denken, dann ist es doch auch eher selten, dass eine Spezies ihre Umwelt komplett dominiert, ohne sie nachhaltig zu gefährden. Die Menschheit monopolisiert gerade die Ressourcen des Planeten bis an den Rand der Selbstzerstörung. Ähnlich ist es, wenn Unternehmen übermäßige Kontrolle über Markt und Ressourcen erlangen: Das zersetzt die Strukturen, aus denen die Realwirtschaft eigentlich besteht.

The Myth of Capitalism, J. Tepper und D. Hearn, Wiley, 2018

Das ist Ihre Erklärung dafür, dass es in der US-Wirtschaft so viele Verlierer gibt?

Ja, sie wird anfällig. Löhne stagnieren oder sinken, weil Arbeiter Verhandlungsmacht einbüßen und verwundbar sind. Großkonzerne vermeiden Steuern, während kleine und mittlere Betriebe zahlen. Das Stadt-Land-Gefälle nimmt zu: Immer weniger Ressourcen fließen in kleinere Unternehmen in Kleinstädten und Landkreisen. Der Manager in New York oder Kalifornien investiert nicht in die regionale Wirtschaft. Wenn man das aggregiert, macht es die Wirtschaft sehr verwundbar.

Sie sagen, diese Entwicklung wirkt sich auch negativ auf die Produktivität aus?

Wir verzeichnen heute die niedrigste Gründungsrate in 40 Jahren. Innovation geht verloren, es entstehen keine neuen Unternehmen mehr. Wir leben in einem Klima, in dem Großkonzerne die Wirtschaft als Selbstbedienungsladen betrachten, ohne selbst Mehrwert schaffen zu müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Es erinnert mich an die Ära der Raubritter à la Carnegie und Rockefeller, gegen die der Staat schließlich ein Kartellrecht entwickelt hat.

Das nun nicht mehr greift. Hat der Staat also als Wettbewerbshüter versagt?

Ja. Deshalb wollten wir das mit Blick auf die Wahlen 2020 auch thematisieren. Wir erleben global einen Anstieg von Populismus und nicht erst seit Thomas Piketty zunehmend eine Krise des Kapitalismus. Unsere Analyse hat bei der Ungleichheit begonnen und zur Marktkonzentration geführt.

Wie hängen die beiden zusammen?

In unserem Forschungsinstitut erstellen wir makroökonomische Analysen für Familienbetriebe genauso wie für Hedgefonds-Manager. Einige Kunden hatten uns darauf aufmerksam gemacht, dass mit unseren Indikatoren etwas nicht stimmen konnte, da sie auf steigende Löhne deuteten – die es jedoch einfach nicht gab. Die Löhne stagnierten, obwohl sie hätten steigen müssen. Unsere Daten führten uns dann zu dem völlig unterschätzten Faktor der Superstar-Unternehmen und ihrer ­Übermacht.

Ist deren Größe das einzige Problem?

Dazu kommt, dass falsche Anreize dazu führen, dass CEOs nicht in Forschung, lang­fristige Gewinnaussichten und nachhaltiges Talentmanagement investieren, sondern auf Quartalszahlen und die Börse fixiert sind. Die Steuergeschenke der Regierung Trump 2018 flossen etwa weitgehend in Aktien­rückkäufe für bessere Börsenkurse.