Weltwirtschaft5 Fragen zur Ansteckungsgefahr der Türkei-Krise

Die türkische Lira steht erheblich unter Druck
Die türkische Lira steht erheblich unter DruckGetty Images


Stefan Schneider ist Chefvolkswirt Deutschland bei Deutsche Bank Research


Capital: Wie groß ist aktuell die Gefahr einer Schwellenländerkrise, wenn die Krise in der Türkei auf andere Länder übergreift?

STEFAN SCHNEIDER: Die Situation in der Türkei ist schon speziell, etwa der Konflikt mit den USA, der zum Auslöser wurde. Allerdings wird das Hauptproblem, eine hohe Fremdwährungsverschuldung der privaten Wirtschaft, die bei absehbar weiter steigenden US-Zinsen schwerer drückt, auch für andere Schwellenländer eine zunehmende Herausforderung. Zumal die letzten insgesamt sehr starken Konjunkturdaten aus den USA der Erwartung weiterer Zinsanhebungen durch die Fed und damit natürlich auch dem US-Dollar weiteren Auftrieb gegeben haben.

Argentinien rückte zuletzt schon in den Blickpunkt. Welche anderen Schwellenländer wären derzeit besonders krisenanfällig?

Der Devisenmarkt scheint Südafrika für anfällig zu erachten, das zuletzt auch noch in eine Rezession geschlittert ist. Die brasilianische Währung hat im Vorfeld der Wahlen ebenfalls gelitten. Allerdings sind derartige Abwertungen nicht per se ein Krisenindiz, sondern gerade ein Mechanismus, der helfen kann, Schlimmeres zu verhindern. Das ist eine wichtige Lehre aus früheren Krisen. Insgesamt aber ist es schwierig, einzelne Länder zu identifizieren. Wenn der Markt mit Blick auf die Schwellenländer in einen dauerhaften „risk off“-Modus schaltet, spielen die Kennzahlen eines Landes, auf die man in normalen Zeiten schaut, nur noch eine untergeordnete Rolle.

Drohen hier auch Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft?

Ja, leider. Zwar sind die direkten Effekte über den Außenhandel nicht groß, nur etwas über eineinhalb Prozent der deutschen Exporte gehen beispielsweise in die Türkei. Allerdings ist die Einschätzung der weiteren Entwicklung der Weltkonjunktur und speziell des Welthandels ein Schlüsselfaktor für die Investitionen der deutschen Unternehmen, die durch den schwelenden Handelskonflikt mit den USA ohnehin erheblich verunsichert sind.

Was kann gegen eine Ausweitung der Krise unternommen werden?

Zunächst sind natürlich die betroffenen Länder gefragt. In der Türkei könnte eine entschlossene Zinspolitik der Notenbank zu einer Stabilisierung des Wechselkurses beitragen. Das könnte die Bedienung der kurzfristigen Auslandsschulden erleichtern, zumal der Privatsektor durchaus über erhebliche Devisenbestände verfügt. Der türkische Staat, der sich – gemessen am Schuldenstand – in einer komfortablen fiskalischen Lage befindet, könnte Banken unterstützen, die durch Kreditausfälle stark belastet werden. Generell wäre natürlich eine Deeskalation der globalen Handelskonflikte sehr hilfreich. Letztlich müssen aber alle akzeptieren, dass die in den USA schon eingetretene oder sich in der EWU und Japan abzeichnende geldpolitische Trendwende den Kapitalzufluss in die Schwellenländer reduzieren wird.

Ist der IWF entscheidend gefragt oder kommt es auch auf Solidarität anderer Länder, zum Beispiel Deutschlands und der EU an?

Man sollte nicht sofort nach dem IWF rufen und einige Länder haben ja derartige Hilfen bereits abgelehnt. So hart es klingt, es hätte allen Beteiligten klar sein müssen, dass die Phase extrem niedriger Zinsen in den Industrieländern zur Überwindung der globale Finanz- und Wirtschaftskrise irgendwann einmal zu Ende geht. Alles in allem sind die Schwellenländer auch insgesamt deutlich stabiler als früher, sodass die aktuellen Probleme nicht der Start einer flächendeckenden Krise sein müssen.