Gastbeitrag4 Gründe, warum Unternehmen nur Innovationstheater spielen

Jean-Philippe Hagmann
Jean-Philippe Hagmann ist Experte für radikale Innovationen und Autor des Buches "Hört auf, Innovationstheater zu spielen"

Angenommen, Sie würden rein gar nichts vom Golfen verstehen: Wie groß Schätzen Sie Ihre Chancen bei den Golfweltmeisterschaften ein? Genau, Ihre Chancen wären nichtexistent. Glauben Sie, dass sich Ihre Chancen dadurch erhöhen ließen, wenn Sie die weltbeste Ausrüstung kaufen würden? Wohl kaum, oder?

Doch genau diesem Irrglauben verfallen fast alle Unternehmen, wenn es um das Innovieren geht. „Wir stecken alle Mitarbeiter in eine eintägige Methodenschulung, und dann werden wir innovativ“. Oder: „Wir gründen ein Innovation Lab mit mobilen Möbeln, bunten Wänden und vielen Post-its, und dann werden wir innovativ“. Es werden Ideenkampagnen durchgeführt, Inkubatoren und Akzeleratoren ins Leben gerufen und Silicon-Valley-Rundreisen gebucht. Das alles im Glauben, die teure Ausrüstung mache sie zu professionellen Golfspielern. Dabei verkommen alle diese Bemühungen bloß zu Innovationstheater.

Seit Jahren darf ich hinter die Innovationskulissen etablierter Unternehmen blicken, und unabhängig von der Branche oder der Organisationsgröße begegnen mir stets folgende vier Gründe, weshalb fast immer – wenn auch zumeist unfreiwillig – Innovationstheater gespielt wird.

#1 Falsches Prozessverständnis

Bevor wir Menschen erwachsen werden, durchlaufen wir eine mehrjährige Phase der Kindheit und gehen dann durch eine turbulente Zeit der Pubertät. Auch ein Innovationsprozess muss drei unterschiedliche Phasen durchlaufen. Heute herrscht noch immer die weitverbreitete Meinung vor, dass es für eine erfolgreiche Innovation zuerst die eine gute Idee braucht und – hat man sie erst einmal gefunden – diese dann nur noch umgesetzt werden muss. Dieses Missverständnis führt zu einem regelrechten Ideen-Sammelwahn.

Erfolgreiche Innovationen können allerdings nur entstehen, wenn der Umsetzungsphase eine längere Entdeckungsphase vorangestellt wird. In dieser Phase wird mit zahlreichen Experimenten die Frage nach dem richtigen „Es“ beantwortet, bevor in der Umsetzungsphase der Frage, wie „Es“ richtig gemacht wird, nachgegangen werden kann. Zwischen diesen beiden Phasen ist fast immer eine Brückenphase vonnöten, da ein innovatives Konzept selten bereits umsetzungsbereit ist.

#2 Das Innovieren wird nicht vom Tagesgeschäft getrennt

Glauben Manager, dass die wichtigste Zutat einer Innovation die eine gute Idee ist, dann entsteht daraus die nächste falsche Schlussfolgerung: Um auf diese gute Idee zu kommen, benötigen Mitarbeiter kaum Zeit und deshalb kann Innovation so wunderbar zusätzlich zum Tagesgeschäft entstehen. Doch selbst wenn der Irrglaube der einen guten Idee als magische Zutat einer erfolgreichen Innovation stimmen würde, stünde das Tagesgeschäft dem Blick in die weitere Zukunft stets im Weg.

Wir Menschen wurden über Jahrtausende so konditioniert, dass wir alles bevorzugen, das uns ein unmittelbares Feedback gibt. So ist auch zu erklären, weshalb die meisten Menschen es vorziehen würden, heute 100 Euro zu erhalten anstatt noch einen Monat zu warten, um dann 200 Euro geschenkt zu bekommen. Das Tagesgeschäft erscheint uns immer dringender als das Innovieren. Und wer sich nicht voll und ganz der Entdeckung neuer Wege hingeben kann, wird kaum je innovative Konzepte entwickeln, testen und verbessern können.