Kommentar2019 hat uns mehr Klarheit gebracht

Capital-Chefredakteur Horst von Buttlar.
Capital-Chefredakteur Horst von Buttlar.Gene Glover


Klarheit haben wir beim Brexit, nach drei quälenden Jahren. Großbritannien wird aus der EU ausscheiden. Ungeklärt ist allerdings das Verhältnis Großbritanniens zum europäischen Binnenmarkt, ja zur gesamten EU. Insofern dürften wir noch einiges erwarten an markigen Sprüchen, Fristen und Ultimaten, an schwierigen Verhandlungen.

Das nebulöseste Spektakel bleibt der Handelskrieg mit seinem ewigen Donner und Gegendonner. Hier gibt es immer wieder nur scheinbar Klarheit, angebliche Teileinigungen, mögliche Annäherungen, überraschende Fortschritte. Getwittert, bestätigt oder widerrufen von Donald Trump, ein Konflikt, geführt nach den Launen eines sprunghaften Präsidenten.

Gewiss ist nur, dass dieser Konflikt das Grundrauschen für die deutsche Wirtschaft bleibt, vielleicht sogar das neue Ordnungsprinzip. Viele deuten den Handelskrieg als einen Mega-Showdown zwischen zwei Großmächten, einem historischen Kräfteringen, wer künftig die Nummer eins und Nummer zwei in der Welt ist. Es ist anders als beim früheren Kampf zwischen Großmächten, auch anders als im Kalten Krieg: Der Kampf wird über Wirtschaft und Technologie geführt. Gewiss ist nur, dass dieser Konflikt weit über Trump hinausragt.

Scheinbar geklärt ist die Führungsrolle in den beiden – teils ehemaligen – deutschen Volksparteien. Die SPD hat ein neues Führungsduo, dessen Wahl uns alle überrascht hat, und Ausweis einer tiefen Krise ist. Die CDU hat AKK. Erstmals ist bei beiden Parteien völlig unklar, welche Person Kanzlerkandidat oder Kanzlerkandidatin in einem möglichen Wahlkampf und Wahljahr wäre. Das gab es noch nie in der Bundesrepublik, entweder stand der Kanzler oder die Kanzlerin zur Wiederwahl und/oder der Herausforderer stand fest.

Jahrzehnt der Mega-Transformation

Klarheit haben wir, dass die deutsche Wirtschaft im nächsten Jahr und Jahrzehnt vor einer gewaltigen Transformation steht – unklar ist dennoch, wie uns diese gelingen wird.

Deutsche Schlüsselbranchen wie der Automobilbau oder der Maschinenbau müssen sich updaten, wandeln, teils neu erfinden. Die Autoindustrie muss, in weiten Teilen getrieben durch eine selbst getriebene Politik und Regulierung, eine Kernbohrung vornehmen. Sie muss sich fragen, welche Produkte sie in den kommenden Jahren und Jahrzehnten verkaufen will. Immerhin eine Antwort haben die deutschen Premiumhersteller in einem bemerkenswerten Strategieschwenk dieses Jahr unter neuer Führung selbst gegeben: Sie wollen Autos bauen und verkaufen, keine Mobilität.

Völlig klar ist auch, dass Deutschland Reformen braucht. Aber völlig unklar ist, ob wir dazu in der Lage sind. Die Art der Willensbildung, wie sich Mehrheiten finden, Kräfte des Wandels mobilisieren lassen, wie halt der berühmte Ruck entsteht, hat sich verändert. Durch eine oft angstgetriebene große Koalition, die selbst um ihr Überleben fürchtet, gibt es viel zu wenig Drang und Drall nach vorne. Mut, Dinge umzubauen, Mut für Einschnitte sucht man vergebens. Die wenigen großen Entwürfe sind eher getrieben vom Untergang, etwa der Angst vor dem Klimawandel, und wenig überzeugend in der Frage, ob diese Wohlstand bewahren können.

Das letzte frische Geld, was die immer noch gute Konjunktur in die Kassen spült, wird wie in den vergangenen Jahren freizügig und leichtfertig verteilt, mal an die eigene Klientel, mal an die Klientel des Gegners. Klar ist, dass wir eine Reform der Unternehmenssteuer brauchen, unklar ist, ob die CDU noch in der Lage ist, so etwas durchzusetzen. Klar ist, dass der Mittelstand und die Mittelschicht eine Entlastung vertragen könnte, unklar ist, ob sich Mehrheiten dafür finden lassen.

Man wünscht diesem Land im neuen Jahr und Jahrzehnt wieder mehr Lust auf Zukunft, viel mehr Gestaltungsdrang, mehr Gelassenheit. Man wünscht ihm weniger Apokalypse und weniger Abgehängte. Weniger ritualisierten Schlagabtausch, und mehr Neugier. Und man wünscht ihm weniger monströse „Wenden“ (Agrarwende, Ernährungswende, Verkehrswende), die oft nur Ärger und Ängste bringen,  und dafür mehr pragmatische Wendigkeit. Man wünscht ihm ein klares Bewusstsein für die großen Probleme und weniger Panikmache. Das tägliche Durchdrehen, der alltägliche Ausnahmezustand, der darf ruhig weniger werden.