VG-Wort Pixel

Größter Modehändler P&C-Insolvenz sendet Schockwellen in die Modebranche

Eine Filiale von Peek & Cloppenburg in München
Schock-Nachricht für die Modebranche: Der Modehändler Peek & Cloppenburg (P&C) hat beim Amtsgericht Duesseldorf ein Schutzschirmverfahren beantragt
© picture alliance / SVEN SIMON | Frank Hoermann / SVEN SIMON
Der Düsseldorfer Modehändler Peek & Cloppenburg geht in die Insolvenz. Für Modehersteller und Lieferanten eine gefährliche Entwicklung

Rund 7000 Beschäftigte von Peek & Cloppenburg Düsseldorf (P&C) bangen um ihre Jobs, nachdem der größte deutsche Modehändler vergangene Woche einen Antrag auf ein Schutzschirmverfahren gestellt hat. Die Zukunft der 67 Filialen ist ungewiss, Klarheit dagegen im Management: Fast die komplette P&C-Führungsriege wurde laut Informationen des Branchenmedium „Textilwirtschaft“ entlassen – vom Onlinechef über die Verantwortlichen für Logistik, Personal, Vertrieb und Einkauf. Was hat P&C Düsseldorf in diese bedrohliche Schieflage gebracht? Capital klärt die wichtigsten Fragen:

Wieso muss Deutschlands größter Modehändler Insolvenz anmelden?

P&C Düsseldorf selbst verweist auf Pandemie- und Kriegsfolgen, gestiegene Energiepreise, hohe Inflation und niedrigere Konsumausgaben. Grundsätzlich hat das Unternehmen aber schon in der Vergangenheit wichtige Weichenstellungen verpasst, wodurch es zunehmend in Schwierigkeiten geriet. In den letzten drei Jahren rauschte der Umsatz von P&C von rund 1,5 Milliarden auf noch knapp über eine Milliarde ab. Im gleichen Zeitraum, so war in der „Textilwirtschaft“ zu lesen, explodierten die Kredite von 170 auf annähernd 400 Millionen Euro, die Eigenkapitalquote sank von 31,5 auf etwa 11 Prozent. Die Folge sollen Verluste in dreistelliger Millionenhöhe für das Jahr 2021 und 2022 sein.

Unabhängig von der aktuellen Brisanz ist der Einstieg des Unternehmens in den E-Commerce von Beginn an suboptimal gelaufen. Denn: Neben P&C Düsseldorf gibt es – ähnlich wie bei Aldi Nord und Aldi Süd – ein gleichnamiges zweites, eigenständiges Unternehmen, nämlich Peek & Cloppenburg mit Sitz in Hamburg. Beide Einzelhändler wählten für ihre Online-Ableger Fantasienamen statt ihres Markenamens: Bei P&C Düsseldorf hieß der Onlineshop FashionID, bei den Verwandten im Norden VanGraaf.

Hintergrund dürfte die Zerstrittenheit gewesen sein, sodass keiner unter der eigentlichen Firmierung agieren durfte. Wegen des geringen Bekanntheitsgrades lief das Onlinegeschäft aber nur schleppend an. Inzwischen hat man den Fehler korrigiert und firmiert unter dem Markennamen – P&C Düsseldorf unter peek-cloppenburg.de und Hamburg unter peek-und-cloppenburg.de. Weil der E-Commerce überhaupt sehr spät gestartet wurde – fünf Jahre nach Zalando – konnte P&C Düsseldorf die verpassten Marktchancen kaum mehr aufholen. Der Onlineumsatz bewegte sich zuletzt im Bereich von 15 Prozent.

Auch das „Omnichannel-Dilemma“ dürfte P&C Düsseldorf belastet haben. In der Branche versteht man darunter, dass Kunden sowohl im stationären Handel als auch online ordern können – mit der Option, die Ware zugesendet zu bekommen oder im Geschäft abzuholen. Eine teure Omnipräsenz mit hohem strategischem und logistischem Aufwand, vor allem, wenn sie nicht über Jahre aufgebaut wird, sondern unter Zeitdruck und im millionenschweren Hauruckverfahren.

Was bedeutet die Insolvenz von Peek & Cloppenburg für die Branche?

Für viele gerade deutsche Modemittelständler ist die Nachricht vom Schutzschirm ein Schock, schließlich ist P&C Düsseldorf nicht selten deren größter Kunde, und das seit Jahrzehnten, mit oft deutlichem Abstand zu weiteren Verkaufspunkten. Die meisten wurden von der Nachricht der drohenden Insolvenz kalt erwischt, nicht einmal gerüchteweise hatten sie zuvor von solch gravierenden Problemen gehört.

Im Fachmagazin „Textilwirtschaft“ ließ sich etwa Mark Bezner, Inhaber und geschäftsführender Gesellschafter von Olymp, mit den Worten zitieren: „Dieser Schritt trifft uns schwer und kommt völlig überraschend. Obwohl wir in der HAKA [Herrenmode] zu den Top-Lieferanten zählen und einen entsprechend engen Austausch zum Unternehmen pflegen, gab es bislang keinerlei Andeutungen aus Düsseldorf, die eine solche Maßnahme auch nur hätten erahnen lassen.“

Und Marc Freyberg, Geschäftsführer von Brax, sagte im gleichen Medium: „Es ist ein fatales Signal für unsere gesamte Branche, wenn selbst ein bis dato unerschütterlicher Riese wie P&C Düsseldorf ins Wanken gerät.“ Ähnlich klangen die bisherigen Reaktionen bei Unternehmen wie Lacoste, Hechter, Marc O’Polo oder Eterna.

Auch im Rahmen der Bilanzpressekonferenz von Hugo Boss äußerte sich CEO Daniel Grieder zur Causa P&C Düsseldorf, einem der größten Kunden der Metzinger: Die Nachricht hat uns überrascht, aber wir glauben, dass sich P&C unter dem Schutzschirm optimieren wird.“ Man wolle in enger Absprache mit der Modekette möglichst bald wieder „business-as-usual“ praktizieren, so Grieder weiter. Sorgen um offene Rechnungen mache er sich nicht.

Nicht zu vergessen: In vielen Fußgängerzonen und Einkaufszentren besitzt P&C Düsseldorf noch immer den Status eines wichtigen „anchor stores“, dessen Anziehungskraft für eine gewisse Kundenfrequenz sorgt, von der andere Filialisten abhängen. Keine Angaben machte das Unternehmen übrigens bisher zur Zukunft seiner auf Männermode spezialisierten Kette Anson's, mit weiteren 18 Häusern an 14 Standorten.

Vor welchen Problemen stehen Hersteller und Lieferanten?

Adler, Görtz, Galeria und nun P&C Düsseldorf: Für die Modemarken wird es allmählich schwierig, umsatzstarke stationäre und bundesweit aktive Einzelhändler zu finden. Die Branche gerät unter immer größeren (Absatz-)Druck und den deutschen Textil-Mittelstand darf man als „gebeutelt“ beschreiben.

Die Hoffnungen von Lieferanten wie Mitarbeitern hängen jetzt maßgeblich vom Controlling- und Verhandlungsgeschick der erfahrenen Insolvenzverwalter Dirk Andres und Horst Piepenburg ab. Denn: Die Frühjahrs- und Sommermode sind in weiten Teilen bereits ausgeliefert und, darauf baut die Modebranche, wird auch bezahlt werden. Vermutlich mit Verzögerungen. Doch auch die Bestellungen für die Saison Herbst/Winter hat P&C Düsseldorf längst getätigt. Unklar, ob deren Volumen nun nachträglich nach unten korrigiert wird und auf die Warenkreditversicherung Verlass ist. Die Angst bei Herstellern vor Tonnen von überschüssigen Kollektionsteilen im Lager, die allenfalls mit ruinösen Rabatten noch in den Markt zu drücken sind, ist dementsprechend hoch.

Völlig offen ist derzeit auch, wie stark sich die Eigentümerfamilie finanziell in dieser Krise engagieren wird und ob sich die Schweizer Holding des Unternehmens an einer Sanierung beteiligt. Verpflichtet, sagen Experten, wäre sie dazu nicht.

Könnten weitere Mode-Mittelständler in Schwierigkeiten geraten?

Die Modebranche produziert seit vielen Jahren rund 30 Prozent zu viel Ware, was zu warme Winter und verregnete Sommer zu einer echten Gefahr für dieses fragile System machen. Diesen Überschuss, der regelmäßig durch Sale-Events, Outlets und Rest-Abnehmer oder Exporteure kanalisiert werden muss, haben Kritiker immer wieder angeprangert: als unwirtschaftlich, zerstörerisch für Preisstabilität sowie Margen und aus Gründen mangelnder Nachhaltigkeit. Sollte P&C Düsseldorf im Verlauf des Schutzschirmverfahrens die Zerschlagung oder gar das Aus drohen, dürfte der so wichtige deutsche Modemarkt für viele Marken erheblich schrumpfen. Zumindest vorübergehend, ehe Mitbewerber oder neue Player ihre Chance wittern.

Nun lief es in der Vergangenheit bei etlichen Textilfirmen wiederholt „unrund“. Gleichwohl blieb das große Firmensterben, etwa im Zuge der Coronapandemie, bisher aus. Pessimisten sprechen deshalb von einem „Sterben auf Raten“. Und wer die jüngste Schließung der Hamburger Vorzeigefiliale von Appelrath & Cüpper verfolgt hat – eine Modekette, die erst Ende 2020 erfolgreich die Insolvenz in Eigenverwaltung abschloss – der ahnt, dass es gut möglich ist, dass einige Unternehmen zum Sparen angehalten sein werden und ihre Produktion entsprechend anpassen müssen.

Mehr zum Thema

Neueste Artikel