Kunstmarkt Das sind die Stars der Kunst von morgen

Alicja Kwade portraitiert von Oliver Mark, Berlin 2014
Alicja Kwade portraitiert von Oliver Mark, Berlin 2014
© Oliver Mark auf Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0
Welche Künstler werden wichtig? Im Kunstkompass-Ranking der „Stars von morgen“ geben immer mehr die Frauen den Ton an. Eine Koreanerin führt die Liste der hoffnungsvollsten Nachwuchskünstler an

Zur Feier der zehnten Ausgabe des Kunstkompasses kam Joseph Beuys noch persönlich. In Düsseldorf herrschte an diesem Herbstabend 1979 dichtes Gedränge bei der öffentlichen Diskussion zum Jubiläum: „Ist Kunst messbar?“ lautet das provokante Thema, und mit Beuys diskutieren Willi Bongard, Erfinder des Kunstkompasses, und Ludolf Herrmann, späterer Capital-Chefredakteur. Richtig spannend sei der Kunstkompass ja eigentlich erst da, wo er aufhört, sagte ausgerechnet Beuys irgendwann – der von 1979 bis zu seinem Tod 1986 den Kunstkompass anführte – und lachte.

2018 nun nähert sich der Kunstkompass seinem 50. Jubiläum, und Capital schaut diesmal tatsächlich wieder dorthin, wo der Kompass eigentlich aufhört: zu jenen Künstlern nämlich, die es noch nicht in die Top 100 geschafft haben. Capital veröffentlicht zum zweiten Mal die komplette Liste der 100 „Stars von morgen“ – Künstler, die in den vergangenen zwölf Monaten große Resonanz in der Fachwelt auslösten, aber (noch) nicht unter den ganz Großen auftauchen. Daneben finden sich auf den folgenden Seiten auch das gewohnte Ranking der 100 größten Künstler sowie der „Olymp“ – die Liste der mittlerweile verstorbenen Künstler, die zu Lebzeiten zu den Top 100 zählten – und ein Porträt des Briten Tony Cragg, der exklusiv für Capital zwei Skulpturen-Editionen aufgelegt hat.

Doch zunächst die „Stars von morgen“:













































































































































































































































































































































































































































































Platzierung

Name

Jahrgang

Land

Kunstform

Zuwachs

Gesamt

1

Haegue Yang

1971

KOR

Installation, Objektkunst

4550

19600

2

Alicja Kwade

1979

POL

Installation, Skulptur

4250

27500

3

Anna Maria Maiolini

1942

ITA

Mixed Media, Installation

4200

9150

4

Kader Attia

1970

FRA

Installation, Kritische Kunst

3950

22400

5

Takashi Murakami

1962

JPN

Pop-Art

3600

20000

6

Taryn Simon

1975

USA

Fotokunst, Kritische Kunst

3450

23200

7

Mark Dion

1961

USA

Objektkünstler

3400

26100

8

Katharina Sieverding

1944

GER

Fotokunst

3000

26800

9

Marguerite Humeau

1986

FRA

Mixed Media

3000

4800

10

Berlinde de Bruyckere

1964

BEL

Skulptur

2900

19850

11

Yayoi Kusama

1929

JPN

Installation, Pop-Art

2900

6550

12

Njideka Akunyili Crosby

1983

NGA

Malerei

2900

4200

13

Camille Henrot

1978

FRA

Mediale Kunst

2850

19400

14

Ed Atkins

1982

GBR

Mediale Kunst

2850

15550

15

Akram Zaatari

1966

LIB

Mediale Kunst

2750

15500

16

Hiwa K

1975

IRQ

Installation, Kritische Kunst

2750

6850

17

Renaud Auguste-Dormeuil

1968

FRA

Mixed Media

2750

2750

18

Hito Steyerl

1966

GER

Mediale Kunst

2700

22000

19

Beatriz Gonzalez

1938

COL

Pop-Art

2700

4450

20

Valie Export

1940

AUT

Video, Performance

2550

26900

21

Superflex

Kollektiv

DEN

Performance, Kritische Kunst

2550

16150

22

Ian Cheng

1984

USA

Mediale Kunst

2450

7750

23

Danh Vō

1975

DEN

Installation, Kritische Kunst

2300

22200

24

Trevor Paglen

1974

USA

Fotokunst, Kritische Kunst

2300

9500

25

Dara Friedman

1968

GER

Mixed Media

2250

6400

26

Melanie Bonajo

1978

NLD

Mixed Media, Soundart

2250

2550

27

Thomas Bayrle

1937

GER

Mixed Media

2200

26400

28

Abraham Cruzvillegas

1968

MEX

Objektkunst

2150

8200

29

Theaster Gates

1973

USA

Installation, Kritische Kunst

2100

12800

30

Giuseppe Penone

1947

ITA

Arte povera

2050

28950

31

Franz Erhard Walther

1939

GER

Installation, Performance

2050

28700

32

Wael Shawky

1971

EGY

Mediale Kunst

2050

16400

33

Guerilla Girls

Kollektiv

USA

Feministische Kunst

2000

5650

34

Teresa Burga

1935

PER

Feministische Kunst

2000

3850

35

Kiluanji Kia Henda

1979

AGO

Fotokunst

2000

3000

36

Steve McQueen

1969

GBR

Fotokunst

1950

30300

37

Saâdane Afif

1970

FRA

Installation, Objektkunst

1950

15500

38

Bouchra Khalili

1975

MAR

Mediale Kunst

1950

9100

39

Alex da Corte

1980

USA

Mixed Media

1950

5650

40

Gauri Gill

1970

IND

Fotokunst

1950

3050

41

Ayse Erkmen

1949

TUR

Installation, Skulptur

1900

20700

42

Marisa Merz

1926

ITA

Arte Povera

1900

13800

43

Judith Hopf

1969

GER

Mixed Media

1900

9400

44

Robert Wilson

1941

USA

Mixed Media

1900

9300

45

Alexandra Bircken

1967

GER

Installation, Objektkunst

1900

8400

46

Michael Rakowitz

1973

USA

Installation, Kritische Kunst

1900

8100

47

Katinka Bock

1976

GER

Installation, Objektkunst

1900

5400

48

Sam Falls

1984

USA

Mediale Kunst

1900

2350

49

Jan Fabre

1958

BEL

Installation, Performance

1850

29500

50

John Armleder

1948

CHE

Mixed Media

1850

24800

Die ganze Liste der 100 Stars von morgen finden Sie in Capital 12/2018.

Hier hat in diesem Jahr die 1971 in Seoul geborene Koreanerin Haegue Yang den ersten Platz erobert. Mittlerweile gehört sie mit ihrem vielgesichtigen Werk zu den begehrtesten Künstlerinnen ihrer Generation. Die Wandlerin zwischen Ost und West pendelt zwischen ihren Studios in Seoul und Berlin. Ihr künstlerisches Rüstzeug holte sie sich an der Frankfurter Städelschule bei Georg Herold, der seine Objekte bevorzugt aus Dachlatten und Ziegelsteinen baut. Seit 2017 hat Yang an der Städelschule eine Professur inne.

Die bevorzugten Materialien für ihre Installationen findet sie in Baumärkten, darunter Ventilatoren und Kleiderständer. Virtuos spielt sie damit, wenn sie etwa die Kleiderständer in gespenstische Schamanen verwandelt.

Relativ rasch gelang ihr der Durchbruch in die internationale Liga: Bei der Kunstbiennale Venedig brillierte sie 2009 mit einer Einzelpräsentation im koreanischen Pavillon. Auf der Kassler Documenta 13 im Jahr 2012, der weltweit wichtigsten Übersichtsschau für zeitgenössische Kunst, zeigte sie im Kulturbahnhof eine eindringliche, geräuschvolle Konstruktion aus schwarzen Jalousien. Vor wenigen Monaten zeichnete das Kölner Museum Ludwig ihr Werk mit dem Wolfgang-Hahn-Preis aus und stellte 120 ihrer Werke in einer ersten Retrospektive vor.

Ähnlich stürmisch verläuft die Karriere eines anderen „Stars von morgen“, der in diesem Jahr ins Blickfeld rückt: Danh Vō (Platz 23), 1975 in Vietnam geboren, in Dänemark aufgewachsen und an der Frankfurter Städelschule ausgebildet. Internationalen Glanz brachte ihm seine originalgroße Kupferkopie der 46 Meter hohen Freiheitsstatue, die er in 250 Teile zerlegte. Die Stücke sind heute in Sammlungen weltweit zu finden.

Gorillas und Schredder

Eigentlich würde man bei „Stars von morgen“ nicht unbedingt an über 80-Jährige denken. Doch es ist nicht ungewöhnlich, dass bildende Künstler erst spät zu Ruhm oder Renaissance finden. Tatsächlich feiern Veteranen wie die Japanerin Yayoi Kusama (Platz 11) ein Revival, auch die performative Kunst von Franz Erhard Walther hat erst zuletzt weltweit Resonanz gefunden.

Insbesondere aber geben die Frauen bei den „Stars von morgen“ Gas. Rund die Hälfte aller Kompass-Nachrücker sind weiblich und mischen den Kunstbetrieb mit In-stallationen, Tanz- und Sound-Aktionen und Performances auf. Massive Schützenhilfe dafür leisteten schon vor Jahren die Guerrilla Girls aus New York (Platz 33). Mitte der 80er-Jahre schlossen sich Künstlerinnen im lockeren Verband zusammen. Um anonym zu bleiben, zogen sie sich bei ihren Auftritten Gorillamasken über. „Wir hatten einfach die Nase voll von diesem Männerverein im Kunstbetrieb“, erinnert sich eine: „Es war klar, dass wir unsere feministische Institutionskritik mit Gorillamasken und Humor würzen mussten, damit die männliche Kunstwelt uns nicht als frustrierte Zicken outen konnte.“ Seit mehr als 30 Jahren proben sie mit Plakataktionen und Filmen den Aufstand – und kommen gut an.

Aber wie sieht es denn mit dem außerhalb der Fachwelt wohl bekanntesten Künstler aus, dem britischen Street-Art-Aktivisten Banksy? Bei Sammlern steht Street-Art hoch im Kurs, Banksys Aktion im noblen Londoner Auktionshaus Sotheby’s etwa, wo er kürzlich nach einer Versteigerung sein eigenes Bild schreddern ließ, wurde weltweit besprochen. Dennoch verschaffen ihm Spektakel wie diese im Kompass keinen einzigen Ruhmespunkt. Denn: Verkaufserfolge und Diskussionen in Massenmedien zählen nicht.

Die Kompassmethode

Seit 1970 misst der Kunstkompass so objektiv wie möglich Ruhm und Rang zeitgenössischer Künstler weltweit. Verkaufspreise spielen bei der Bewertung von mittlerweile mehr als 30.000 Künstlern keine Rolle. Die Qualität von Kunst lässt sich zwar nicht messen, wohl aber ihre Resonanz in der internationalen Fachwelt. Beobachtet und mit Punkten bewertet werden die folgenden Kriterien: Einzelausstellungen in einem der über 300 renommierten internationalen Museen wie dem Guggenheim in New York; Teilnahme an einer von über 100 Gruppenausstellungen in Jahr wie der Biennale in Venedig, Rezensionen in renommierten Kunstmagazinen, Ankäufe durch namhafte Museen, Ehrungen mit Auszeichnungen wie dem Turner-Preis in London; und bei Skulpturen außerdem: Ausstellungen im Außenraum. Die Punkte werden seit 1970 jährlich addiert und bestimmen die Position der Künstler im Ranking. Zu den Stars von morgen werden die Künstler gekürt, die noch nicht zu den Top 100 gehören, aber im vergangenen Jahr die größten Punktzuwächse erzielten.

Der Beitrag ist in Capital 12/2018 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop , wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes und GooglePlay



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