WhiskyAndreas Thümmler - vom Deal zur Destille

Andreas Thümmler (o.) verkostet im Fasslager seinen 49,9-prozentigen „Turf Dog“ mit Torf-Aroma.
Andreas Thümmler (o.) verkostet im Fasslager seinen 49,9-prozentigen „Turf Dog“ mit Torf-Aroma. Felix Schmitt

Die alte Fabrikhalle riecht wie eine Ausnüchterungszelle in Tennessee. Bis unter die Decke stapeln sich Holzfässer, bis zu 500 Liter groß. In den Einfülllöchern stecken Gummipfropfen, doch die versiegeln die Fässer nicht komplett. Den entweichenden Whiskydunst nennen Destillateure „angels’ share“ – den Anteil für die Engel. „Geil, oder?“, sagt Andreas Thümmler. „Wenn du bei ’ner Frau abgeblitzt bist, wenn du auf jemanden böse bist – nach ein paar Minuten hier drin ist das alles weg.“

Nicht, dass er solche Stimmungsaufheller bräuchte. Andreas Thümmler, der sich als „der Andi“ vorstellt und den man unmöglich anders nennen kann, ist eine Frohnatur, wenn es je eine gab. Der Schalk sitzt ihm nicht nur im Nacken, er ist tief in den Andi hineingekrochen und hat von ihm Besitz ergriffen, sodass kein Exorzist ihn mehr austreiben könnte. Das hat ihn zu einer Marke gemacht, zur Kultfigur der deutschen Techbranche, der unter Bankern und Geeks hierzulande einen Ruf genießt wie kein Zweiter.

Investmentbanker, Venture-Capitalist, Spaßvogel vor dem Herrn. Mit seiner M&A-Boutique Acxit und dem Vorläufer Corporate Finance Partners hat der Andi seit 1998 Deals im Volumen von 20 Mrd. Dollar eingefädelt. Er hat Jamba an Verisign verkauft, Daily Deal an Google und Brands4Friends an Ebay. Einen Teil dessen, was er und seine Klienten bei den Exits verdient haben, haben sie in einen Fonds gesteckt, aus dem sie jetzt selbst in Start-ups investieren.

Dieser Tage aber kümmert sich der Andi vor allem um ein eigenes Baby: seine neue Whisky-Destille St. Kilian. Das klingt eher nach einem Spleen als nach einer ernsthaften Geschäftsidee – erst recht für einen, der sein Geld bisher mit Internetunternehmen verdient hat und dessen angestammtes Universum Metropolen wie London, San Francisco und Hongkong waren. Die Destille steht in seinem 750-Einwohner-Heimatort Rüdenau im Odenwald, in einer alten Textilfabrik. Was hat ihn da geritten? Hat jetzt endgültig der Exzentriker in ihm die Oberhand gewonnen?

Bedingungsloses Amüsement

Auf dem Weg nach Rüdenau verzwergt sich die Straße zu einer Art Feldweg, sodass sich der Ortsfremde schon fragt, wo er falsch abgebogen ist. Im Dorf haben die Häuser Fachwerkgiebel, in den Gärten türmt sich Brennholz für den Winter. Die Netzabdeckung ist lückenhaft. Auf der Außenwand der Kirche ersticht der Heilige Georg den Drachen.

Direkt dahinter liegt der Gasthof zum Stern. Es ist Mittagszeit. Die Tür öffnet sich, heraus tritt ein Mann in Klamotten, die etwas schlottern. Unterm Käppi ein braun gebranntes Gesicht mit Bartstoppeln. Fast nicht erkannt – auf Fotos sah er anders aus, er hat abgenommen.

„Andi Thümmler?“
Fragender Blick: „Ja?“
„Guten Tag, wir sind für Capital da.“
Ehrliche Freude: „Geil!“

Wenn der Andi ein Erfolgsrezept hat, dann ist es seine Begeisterungsfähigkeit. Klar, da war auch immer harte Arbeit, 80 bis 90 Stunden die Woche. Aber was ihn von anderen Investmentbankern absetzte, war seine Bereitschaft zum bedingungslosen Amüsement. Gründer, deren Pitch ihn nicht überzeugte, murkste er symbolisch ab – mit einem Lichtschwert, als Darth Vader verkleidet. Wer bei ihm landete, den verteidigte er dagegen wie ein Kampfhund – einmal streckte er nach einem Clubbesuch mit einem Sektkübelständer zwei Türsteher nieder, die Streit mit seinen Klienten angefangen hatten. Gelernt ist gelernt: Früher stieg er regelmäßig in den Ring, im Executive Sports Club in Frankfurt, einem Fight Club in Tyler-Durden-Tradition, wo sich deutsche CEOs die Fresse polierten. Dass er die besten Partys schmiss, steht ohnehin fest.