GastbeitragWarum Sprachlosigkeit ein Karrierekiller ist

Frauen unterhalten sich bei einem Meeting.
Kommunikation ist im Arbeitsleben mindestens genauso wichtig wie Leistung. Unsplash

Ein bekanntes und beliebtes Vorurteil über Frauen behauptet, der weibliche Teil der Bevölkerung rede deutlich mehr als der männliche. Ob dies generell richtig oder falsch ist, soll hier gar nicht näher untersucht werden. Fakt ist: Eine latente ‚Sprachlosigkeit‘ erfasst die Frauen ausgerechnet an den Punkten, wenn es um berufliches Vorankommen und Karriere geht.

Eine berufliche Karriere gilt allgemein als Ergebnis besonderer Leistungen und fast gleichermaßen guter Vermarktung in eigener Sache. Daher ist es mindestens ebenso wichtig, die Kompetenzen und Erfolge richtig zu kommunizieren. Davor steht allerdings, die Ansprüche an die zukünftigen Aufgaben und die weitere berufliche Entwicklung klar zu formulieren – und das nicht nur gegenüber den Vorgesetzten.

Evolution und Prägung überwinden

"Männer an der Seite erfolgreicher Frauen" ist im Haufe Verlag erschienen
„Männer an der Seite erfolgreicher Frauen“ ist im Haufe Verlag erschienen

Männern wird automatisch und damit quasi evolutionär zugeschrieben, den beruflichen Weg nach oben anzustreben. Erfolgreiche Frauen in höheren oder gar Spitzenpositionen hingegen sind nach wie vor eher selten. Ein relevanter Grund ist ein Rollenbild, von dem sich weder die Gesellschaft, die männliche Umgebung noch zuweilen die Frauen selbst bislang haben ausreichend lösen können. Die Prägung in die blaue und in die rosafarbene Fraktion ist immer noch existent und beginnt bereits mit der Geburt. Von da an folgt eine endlose Kette von Konventionen, die erhalten will, was in der Vergangenheit als richtig angesehen wurde. Viele glauben, dies sei ein Klischee und längst überwunden. Dem ist leider nicht so, das Klischee lebt.

Natürlich darf man nicht das sprichwörtliche Kind mit dem Bade ausschütten: Nicht alle Frauen wollen Karriere machen, nicht alle Frauen wollen gegen das tradierte Verständnis ankämpfen. Aber es werden immer mehr, die auf eigenen Füßen stehen wollen. Und selbst die, die sich gegen eine berufliche Karriere entscheiden und in anderen Feldern ihre persönliche Zufriedenheit realisieren, wollen diese Entscheidung selbst treffen und nicht fremdbestimmt in eine Rolle gedrängt werden.

Bedürfnisse in Partnerschaft und Beruf klären

Wenn frau sich für einen Karriereweg entscheidet, sollte sie den ersten Schritt im ganz privaten Umfeld machen. Beruflicher Erfolg und Aufstieg einerseits, Partnerschaft und Familie andererseits – beides lässt sich nur miteinander verbinden, wenn die Vorstellungen von beiden relativ früh klar definiert sind. Dafür aber müssen sie zunächst ausgesprochen und besprochen werden. Beide Partner haben Pläne – jeder muss wissen, wohin die sprichwörtliche Reise des andere gehen kann oder soll. Wer verfolgt welche Interessen und welche Ziele haben beide? Wie lassen sich die Ideen miteinander verbinden, oder wer ist bereit, seine eigene Planung zugunsten der Ziele und Wünsche des Partners zu überdenken?

Gerade Frauen mit der ihnen oft angeborenen Empathie erwarten, dass das für sie Offensichtliche doch durch den Partner auch non-verbal realisiert werden müsste. Nicht nur hier zeigt sich die Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität. Wer nicht ausspricht, was er will, bekommt es in vielen Fällen auch nicht!

Für die Frauen – und vielleicht auch für manche Männer – gilt es, Farbe zu bekennen und sich selbst zu hinterfragen. Was will ich wirklich, was muss ich dafür leisten, was mein Partner, wohin soll dieser Weg führen und wie ernst ist mir das. In der Regel müssen Menschen und immer noch besonders Frauen für diese Ehrlichkeit und Klarheit ihre ganz persönliche Komfortzone verlassen und eventuell auch Konflikte in Kauf nehmen. Nur mit eindeutiger Kommunikation aber lässt sich ausloten, ob sich ein Konsens finden lässt. Wer Beruf und Partnerschaft verbinden will, der muss sich seine beruflichen Bedürfnisse bewusst machen und sie deutlich aussprechen.

Dieser Dialog sollte sehr früh in einer Beziehung geführt werden, damit es irgendwann nicht zu bereits relativ fest zementierten Fakten kommt, die als Konsequenz oft noch den Verzicht der Partnerin auf berufliche Selbstverwirklichung bedeutet. Und er ist eine sehr gute Übung, um auch das berufliche Umfeld von den eigenen Ambitionen zu überzeugen.

Erfolge richtig verkaufen

Frauen glauben vielfach, nicht nur besonders gut, sondern besser sein zu müssen als ihre männlichen Kollegen, um Karriere machen zu können. Aber selbst bei hervorragenden Leistungen werden die Erfolge der Frauen oft nicht wahrgenommen. Ihnen fehlt die Selbstverständlichkeit, mit der Männer untereinander in lockeren Unterhaltungen und auch bei privaten Gelegenheiten die Klaviatur des Gespräches von persönlichen Themen wie Hobbys, Sport und Freizeit mit denen von Arbeit, Beruf und Erfolgen bespielen. Dadurch sind Männer in der Regel sehr gut übereinander informiert und nutzen diese Informationen gezielt für berufliches Netzwerken.

Dieses manchmal ins Imponiergehabe abdriftende Verhalten ist Frauen eher fremd. Allerdings verpassen sie dadurch die Gelegenheit, als berufliche interessierte und ambitionierte Person wahrgenommen zu werden. Und sie verpassen vor allem auch, sich ein ‚natürliches Netzwerk‘ aufzubauen, das irgendwann für berufliche Zwecke angezapft werden kann. Denn Frauen wird immer noch vorgeworfen, sie seien ‚nicht sichtbar‘, gemeint ist damit allerdings eher, dass sie ‚nicht hörbar‘ sind.

Das alte Motto der PR ‚Tue Gutes und rede darüber‘ gilt daher in abgewandelter Form auch im Beruf: Wer Leistung bringt und in seiner Position Erfolge erzielt, der muss diese auch offensiv darstellen. Wichtig ist selbstverständlich der richtige Zeitpunkt, denn ein permanentes Selbstlob ist sicher nicht zielführend. Wann immer aber dieser Zeitpunkt gekommen sein mag, heißt es selbstbewusst die eigene Leistung zu präsentieren und sich damit für den nächsten Karriereschritt zu positionieren.

Die Kraft der Worte

Dabei können einzelne Wörter durchaus für den Eindruck und das Ergebnis entscheidend sein, wie zum Beispiel der Unterschied von Zuständigkeit und Verantwortung. Werden Frauen nach ihrem Beruf gefragt, dann beantworten sie dies oft damit, dass sie für Aufgaben ‚zuständig‘ seien. Zuständigkeit aber wird gerne von anderen Personen zugewiesen und von diesen im Ergebnis auch kontrolliert. ‚Zuständig sein‘ ist vielfach kleiner als es der Position entspricht. Wer ‚verantwortlich für etwas‘ ist statt ‚zuständig‘, der macht schon allein mit der Wortwahl deutlich, sich mit der Aufgebe und dem Ergebnis zu identifizieren. Und Verantwortung wird übertragen, das heißt, ein Vorgesetzter hat sich entschieden und damit zum Ausdruck gebracht, dass er jemandem vertraut, eine entsprechende Leistung zu erbringen.

In diesem Zusammenhang müssen Frauen auch lernen, sich weder selbst auf die so genannten Soft Skills als ihre Stärken zu reduzieren noch sich darauf reduzieren zu lassen. Je höher die Karriereleiter erklommen wird, desto mehr spielen Daten, Zahlen und Fakten die entscheidende Rolle. Das muss sich in der Sprache widerspiegeln, gerade wenn über neue Projekte gesprochen wird oder über zukünftige Aufgaben.

Sprachlosigkeit selbstbewusst überwinden

Die Frauen, die eine berufliche Karriere anstreben, haben es in weiten Teilen selbst in der Hand, ob ihr Vorhaben erfolgreich sein wird oder nicht. Selbstbewusst die eigene ‚Sprachlosigkeit‘ überwinden und persönliche Ansprüche und Pläne klar zu formulieren sind Grundvoraussetzungen, um überhaupt Karriereoptionen zu bekommen. Ein erster Schritt kann und muss daher sein, sich selbst darüber klar zu werden, was frau vom Berufsleben erwartet. Das Seneca Zitat ‚ Wer seinen Hafen nicht kennt, für den ist kein Wind der Richtige‘ gilt auch hier: Der Wind sind die eigenen Worte, ist die eigene Sprache, ist die eigene Kommunikation, die als Ressource auf dem Weg nach oben eingesetzt werden muss. Dann klappt es in der Partnerschaft und im Beruf.


Christina Kock gehört zu den führenden Karriere- und Outplacement-Beratern in Deutschland. Ihre eigene Laufbahn hat sie bis auf die Vorstandsebene in der Finanzindustrie geführt. Das macht sie für ihre heutigen Kunden zu einer versierten Sparringspartnerin. 2011 gründete sie ihr Beratungsunternehmen Dom Consulting.